Kritik zu Einer von uns

© Little Dream Entertainment

Der österreichische Künstler Stephan Richter hat sich von einem wahren Fall inspirieren lassen: In Krems wurde 2009 ein Jugendlicher im Supermarkt von einem Polizisten erschossen. Der Film weitet die Geschichte zur existenzialistischen Studie

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Immer wieder fährt die Kamera durch die Gänge des Supermarkts, vorbei an schier endlosen Waren, Shampoo, Tee, Wurst, Wein, illuminiert vom kalten Licht der Neonröhren. Kunden sind in diesen Fahrten nicht zu sehen, und sie geben dem Film eine suggestive, faste surreale Note. Eine Leere, die die Menschen verschlingt, ein Moloch der Vorstadtmoderne.

Der Supermarkt mit dem erfundenen Namen »merX« ist das Zentrum dieses Films und die Leere sein Thema. Stephan Richter, der mit »Einer von uns« sein Spielfilmdebüt gibt, ist Medienkünstler und Fotograf, man kann auf seiner Website schwarz-weiße Fotografien betrachten, die ein ähnliches Gefühl der Verlassenheit verströmen wie sein Film. Denn draußen, vor und hinter dem Supermarkt mit dem ausgreifenden Vordach, setzt sich die Ödnis fort, in endlos wirkenden Brachflächen, auf denen planlos Container herumstehen.

Der Parkplatz ist der Treffpunkt der Jugend, zumindest im Sommer. Sie rauchen Shisha und provozieren den pedantischen Filialleiter (Markus Schleinzer, Regisseur von »Michael«). Julian (Jack Hofer), 14 Jahre, ist neu in der Gegend, Marko (Simon Morzé) gerade aus dem Gefängnis entlassen. Und der deutlich ältere Viktor (Christopher Schärf) cruist mit einer Frisur wie James Franco in »Spring Breakers« im Auto durch die Gegend, die Parodie eines Gangstas.

»Krätzen« sagen die Polizisten über die Jugendlichen, wenn sie sie auf dem Parkplatz herumlungern sehen. Aber »Einer von uns« ist kein Film über den Hass in den Vorstädten, keiner, der eine falsche Front aufmacht zwischen den Jugendlichen und den Ordnungshütern. Auch die Polizisten lungern zwischen ihren Schichten vor dem Supermarkt herum, trinken Bier. Aber einer, Werner (Andreas Lust), wird schießen, als Julian und Marko einbrechen.

Der Film, der letztes Jahr seine Welt­premiere beim Festival von San Sebastián hatte und in diesem Jahr den Max-Ophüls-Preis gewann, ist inspiriert von einem realen Fall im August 2009 im österreichischen Krems, als die Polizei auf zwei jugendliche Einbrecher schoss, einen verletzte und den anderen tödlich verwundete. Die Diskussion in Österreich wurde angeheizt durch einen Kommentar im Boulevardblatt »Kronen Zeitung«: »Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben«, hieß es da zynisch. Aber Richter hat den Fall nicht authentisch rekonstruiert, er interpretiert ihn, verwandelt ihn in eine existenzialistische Studie. Einmal klettern Julian und seine Freundin aufs Dach des Supermarktes. Wie er es denn finde, fragt sie. »Voll schön«, antwortet er, und die Kamera zeigt sie, wie sie auf einer riesigen Fläche voller Kies sitzen. Aber ironisch ist das auch nicht gemeint.

»Einer von uns« beeindruckt durch seinen nüchternen Blick, der ohne Anklage, ohne Schuldzuweisung, ohne Spannungsdramaturgie auskommt. Schon zu Beginn des Films breitet sich eine blaue Lache auf dem Boden des Supermarktes aus, hervorgerufen durch ein Einschussloch in einer Waschmittelflasche. Julian ist nicht zu retten.

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