Kritik zu Eine Frau

© Real Fiction Filmverleih

2021
Original-Titel: 
Eine Frau
Filmstart in Deutschland: 
01.12.2022
L: 
100 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Jeanine Meerapfel begibt sich dokumentarisch auf die Spuren ihrer eigenen Mutter und erweitert die biografische Recherche zu einem poetischen und philosophisch-politischen Filmessay

Bewertung: 5
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Jeanine Meerapfels erster langer Spielfilm »Malou« kreiste 1981 um die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter – und deren fatale Abhängigkeit von Männern. Etwa vierzig Jahre, ein gutes Dutzend Filme und viele Lebenserfahrungen später geht die Regisseurin und Professorin, die seit 2015 auch Präsidentin der Berliner Akademie der Künste ist, wieder auf Reise in die eigene ­Familiengeschichte. Diesmal aber mit einem dokumentarischen Ansatz, der versucht, »Reste, Fundstücke, Bruchstücke« in einen ordnenden, »kohärenten« Zusammenhang zu stellen, wie Meerapfel in ihrem mit Feingefühl durch den Film führenden persönlichen und selbst gesprochenen Kommentar erklärt.

Materielle Grundlage dieser Suche ist ein von Kameramann Johann Feindt sorgfältig in Szene gesetzter Nachlass aus einer großbürgerlichen 24-teiligen Silberbesteckgarnitur, Kroko-Handtäschchen, Fotos, Filmen, Briefen und Dokumenten. Mentale Grund­lagen sind Erinnerungsfragmente der Filmemacherin selbst und Familienanekdoten. Zusammen findet beides an den Orten, wo die Mutter einst gelebt hatte und zu denen die Tochter jetzt reist. Mâcon und Chalon-sur-Saône im Burgund, wo Marie Louise Chatelaine, die sich später selbst Malou nannte, 1911 in eine Tagelöhnerfamilie geboren und dann in ein Waisenhaus gegeben wurde. Das Haus der bösen Tante, die sie aufnahm. Ein Herrenausstatter in Straßburg, wo die junge Verkäuferin einen Handelsreisenden aus reichem deutsch-jüdischem Haus kennenlernt. Das badische Untergrombach, wo das Paar heiratet und die Familie Meerapfel seit Generationen Tabak pflanzt und vertreibt. Und die Fluchtorte Amsterdam und Buenos Aires, wo Jeanine 1941 als zweite Tochter des Paares zur Welt kommt und Malous Leben bald eine harsche Wende nimmt. Denn Karl/Carlos tauscht sie gegen eine neue Ehefrau, wie es im Film heißt. Und während er seiner neuen Familie eine prächtige Villa am Fluss baut, ist Malou im Land des Exils auf sich allein gestellt und steigt unter Alkoholeinfluss schrittweise auf der sozialen Leiter hinab.

Die Orte (und oft auch ihre heutigen BewohnerInnen) sind für die Filmemacherin Ausgangspunkt für weit über das familiäre Anliegen hinausgehende filmische Erkundungen. In Untergrombach etwa wohnt im ehemaligen Haus der Meerapfels jetzt eine türkische Familie, deren Töchter mit den alten Fotos ihre Zimmer dekorieren. Auch Montage und Kommentar schaffen Verknüpfungen und Verweise – etwa wenn früh im Film von der Saône auf Bilder vom Rio de la Plata geschnitten wird oder aus ein paar Schwalben im Himmel ein kleiner Exkurs in die Bildtheorie entsteht. Und wachsende Zäune vor Häusern und Parks erzählen von Ängsten, Ausgrenzung, Korruption und der Zerstörung von Lebensräumen. So ist »Eine Frau« ein großartiger Film über Emigration, Familie, Erinnerung und weibliche Abhängigkeiten. Und weil Meerapfel in ihrer Inszenierung immer mit offenen Karten spielt, erfahren wir dabei – statt der zu Beginn angekündigten Kohärenz – auch immer wieder die Unsicherheit jedes Erzählens.

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