Kritik zu Der deutsche Freund

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Jeanine Meerapfel reist zurück in die eigene Vergangenheit und doch nicht ganz. Die Stationen heißen: Buenos Aires, Frankfurt am Main, Köln, Patagonien

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Das Land der Sehnsucht liegt in den Anden, wo über den höchsten Gipfeln, unberührt von den unruhigen Zeitläuften, stolz die Kondore ihre Kreise ziehen. Dorthin, in den Süden Argentiniens, nach Patagonien, geht die Reise der alleinreisenden, noch jung wirkenden Frau. Doch die Rahmenhandlung wird baldigst unterbrochen und macht Platz für den Rückblick, einen Lebensbericht, der an die dreißig Jahre abdeckt. Den stärksten Eindruck hinterlässt die Kindheit des Mädchens mit dem ungewöhnlichen Namen Sulamit, das von seinen Eltern angehalten ist, in den Kreisen der jüdischen Gemeinde zu verkehren und die Berührung mit den Nachbarn im Villenviertel von Buenos Aires zu meiden. Deutsche. Aber Sulamit und Klassenkamerad Friedrich sind längst dicke Freunde, er hat ihr sogar den Hausschlüssel zur Hintertür anvertraut.

Später, während des Studiums an der Frankfurter Uni, zu 68er-Zeiten, behauptet Friedrich, dass er sie liebe, weil sie Jüdin sei, und provoziert damit unwillentlich den Bruch. Als Kinder wissen sie nichts vom tiefen Graben der Geschichte, der sich zwischen ihren Wohnhäusern auftut. Friedrich wird erst im Pubertätsalter, beim Stöbern, herausfinden, dass sein Familienname bei der Einreise nach Argentinien geändert, das »von« gestrichen wurde; der Sohn des ehemaligen SSObersturmbannführers sagt sich deshalb von seiner Familie los und geht zurück in die Heimat – und auf die Barrikaden; Sulamit folgt ihm kurz darauf.

»Biografisches ist mein Wissen um vieles«, sagt Jeanine Meerapfel, die Argentinien bereits 1964 verließ und zum Filmstudium nach Deutschland, zu Alexander Kluge nach Ulm, ging. Der deutsche Freund ist also überwiegend Fiktion, gespeist vom damaligen Zeitgeschehen, das den Lebensweg und die Entscheidungen Sulamits deutlich mitbestimmt: gegen das anfängliche Engagement beim militanten SDS, gegen Friedrich, der im Auftrag der internationalen Solidarität nach Argentinien aufbricht und in die Fänge der Militärjunta gerät. Sulamit folgt ihrem eigenen Weg, einer neuen Beziehung, einer wissenschaftlichen Laufbahn. Die politischen Ereignisse bleiben vage, werden nur zugespitzt, wenn sie in den inneren Kreis der Geschichte von Sulamit und Friedrich einbrechen.

Meerapfel bleibt auch stilistisch bei ihrer »Liebeserklärung « an die Deutschen jener Generation, die, wie sie sagt, wesentlich dazu beigetragen haben, der heutigen deutschen Gesellschaft ein humanes Antlitz zu verleihen. Die Glätte der Inszenierung, die sauber gefegten Originalschauplätze, die frisch gebügelten Outfits stehen allzu sehr im Widerspruch zu den Zeiten des Aufruhrs, auch zum Realitätsprinzip, das man der erfahrenen Dokumentaristin unterstellen möchte. Bei dem verräterischen Filmzitat, dem Dialog zwischen dem »Ehepaar« Brigitte Bardot und Michel Piccoli aus Godards Verachtung, das Sulamit und Freund Michael nachspielen, geht es um Liebe und Filmpolitik, um den Augenblick, wo die Liebe zwischen Mann und Frau in ihre Einzelteile zerlegt, zerstückelt wird, um den Anfang vom Ende, der Verachtung, der Tragödie. Jeanine Meerapfel scheut jedoch letztlich vor den wahren Konflikten, der radikalen Erzählung, die diesem Thema angemessen wäre, zurück und befragt lieber das Orakel der kreisenden Kondore am Himmel.

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