Kritik zu Eine flexible Frau

© Filmgalerie 451

2010
Original-Titel: 
Eine flexible Frau
Filmstart in Deutschland: 
06.01.2011
Musik: 
L: 
97 Min
FSK: 
12

Architektin, alleinerziehend, arbeitslos: In ihrem Debüt stellt die deutsche Regisseurin Tatjana Turanskyj die Seins- und Bewusstseinslage des akademischen Prekariats mit eigenem filmischen Ansatz aus

Bewertung: 4
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In ihrem Titel orientiert sich Tatjana Turanskyj an Richard Senetts 1998 erschienenem Buch »Der flexible Mensch«. Die aufgetakelte halbnackte Frau, die zu Beginn und Ende über ein Stoppelfeld torkelt, könnte glatt aus einem Ulrike-Ottinger-Film kommen. Hölderlin wird verlesen. Eine polnische Visagistin referiert Marx. Und einen feministischen Stadtbilderklärer gibt es auch.

Zitate allüberall. Doch keine Angst, das fügt sich alles aufs Beste (oder für unser Leben doch Schlechteste) zusammen. Und so assoziationsreich Turanskyj sich in ihrem Film durch Theoriedebatten und Filmgeschichte arbeitet, so moritatenartig schlicht ist die traurige Geschichte, die sie erzählt. Da verliert eine alleinerziehende Architektin ihren Job und verkauft Fertighäuser in einem Callcenter, bis sie wegen mangelnder Umsätze auch dort fliegt. Absurde Fortbildungen macht sie auch. Dem pubertären Sohn ist die erfolglose Mutter nur peinlich. Turanskyjs Heldin ist klug und ausgestattet mit Widerspruchsgeist und Unrechtsbewusstsein. Praktisch allerdings kann auch sie den Verhältnissen wenig entgegensetzen und strauchelt so bald am Abgrund zwischen eigenen Ansprüchen und Realität.

Nicht jeder dürfte das mögen, manche sehr: Denn Turanskyj erzählt keinen sozialrealistischen Elendsporno, sondern erfindet eine ganz eigene Form des narrativen Essayfilms, der vielschichtig zeitgenössische private und professionelle Redeweisen und Haltungen ausstellt und montiert. Mehr Zitat als Verkörperung ist auch die schauspielerische Darstellung dieser Szenen aus dem prekären Leben mit Mira Partecke in der Hauptrolle und Laura Tonke als Callcenterchefin. Und dann spielt auch die aktuelle Berliner Stadtentwicklung mit ihren wuchernden Luxusenklaven eine gewichtige Nebenrolle. Als Versuch, für die aktuelle Seins- und Bewusstseinslage des akademischen Prekariats eine angemessene filmische Form zu finden, ist »Eine Flexible Frau« einer der interessantesten Ansätze der letzten Zeit.

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