Kritik zu Drei Gesichter

© Weltkino

2018
Original-Titel: 
Se rokh
Filmstart in Deutschland: 
26.12.2018
L: 
100 Min
FSK: 
12

Jafar Panahi (»Taxi Teheran«) spielt sich erneut selbst und begibt sich in bewährter Mischung aus Doku und Fiktion auf die Suche nach einem vermeintlich in den Selbstmord getriebenen Mädchen

Bewertung: 4
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Jafar Panahi ist zweifellos einer der derzeit profiliertesten und international bekanntesten iranischen Regisseure: Für seinen wunderbar leichtfüßigen letzten Film »Taxi Teheran« erhielt er den Goldenen Bären der Berlinale; mit der Quasidoku »Dies ist kein Film« thematisierte er auf einzigartige und mutige Weise sein zeitweiliges Arbeitsverbot, welches das autoritäre iranische Regime über ihn verhängt hatte. Sein neuer Film »Drei Gesichter« aber scheint einem noch größeren Star des iranischen Kinos Tribut zu zollen: dem kürzlich verstorbenen Meisterregisseur Abbas Kiarostami und besonders dessen Film »Close-Up«.

»Drei Gesichter« nimmt als Ausgangspunkt eines der zentralen Themen unserer Zeit: die trügerische Mehrdeutigkeit und Manipulierbarkeit des bewegten Bildes. Panahi, der sich hier erneut »selbst spielt«, sowie die bekannte Schauspielerin Behnaz Jafari (ebenfalls als sie selbst) haben das ­Video eines jungen Mädchens aus einer ländlichen, extrem konservativ geprägten Region des Landes erhalten. In dem Clip spricht das Mädchen tränenüberströmt von ihrem verzweifelten Wunsch, eine Schauspielkarriere einzuschlagen und von dem strikten Verbot durch ihre (männlichen) Verwandten, diesem Wunsch jemals zu folgen – dann erhängt sie sich. Der Schock sitzt tief, und so machen sich Panahi und Jafari auf einen Roadtrip in das Dorf des Mädchens, um der Sache auf den Grund zu gehen: Ist das Mädchen wirklich tot oder war das Video manipuliert? Was steckt hinter den Anschuldigungen ­gegen ihre Familie?

Trotz ernstem Thema erweist sich diese Spurensuche als überaus unterhaltsam. Die beiden Protagonisten treffen auf ihrer Reise auf allerlei wunderliche Gestalten und deren Geschichten: eine alte Frau, die in ihrem Grab Probe liegt; einen Kuhhirten in Bedrängnis; verschrobene Dorfälteste. So entsteht ein grundsätzlich gutherziges Porträt des ländlichen Irans und seiner ­Bewohner, das in der zweiten Hälfte des Films allerdings auch die durchaus fürchterlichen Auswirkungen der religiös geprägten Lebensvorstellungen vor allem auf Frauen nicht verheimlicht. Panahi und Jafari interagieren dabei ganz offensichtlich mit ­Laiendarstellern und so ist nie ganz klar, wie viel Schauspiel und wie viel Realität in den teils heiklen Begegnungen steckt; das verleiht dem Film eine enorm spannende Uneinschätzbarkeit.

Nicht nur dieses gekonnte Verwischen der Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm erinnert hier an das große Erbe Kiarostamis: wo dessen »Close-Up« die reale Begegnung eines Regisseurs mit einem ­obsessiven Fan nachstellte, entwickelt ­Panahi in »Drei Gesichter« ein ähnliches ­Zusammentreffen zwischen der Schauspielerin Jafari und einigen ihrer Bewunderer, die zu drastischen Methoden greifen. So entsteht ein wunderbares Flirren der Rea­litäts- und Bedeutungsebenen, dem der Regisseur ganz selbstverständlich detektivische Elemente beimischt. Die grandiose, offene letzte ­Einstellung des Films entlässt mit erhebendem Gefühl aus dem Kino.

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