Kritik zu Taxi Teheran

© Weltkino

2014
Original-Titel: 
Taxi
Filmstart in Deutschland: 
23.07.2015
L: 
82 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Wer könnte diese Einladung ausschlagen? Jafar Panahi bittet in seinem neuen Film, der auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde, zu einer Taxifahrt durch die iranische Hauptstadt und zeichnet mit Witz und Courage ein vielschichtiges Gesellschaftsporträt

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 3)

Es ist die kleine, ziemlich vorlaute Nichte des Regisseurs, die ihrem Onkel erklärt, wie im heutigen Iran ein »zeigbarer Film« auszusehen hat. Als Hausaufgabe soll sie nämlich einen solchen Film drehen, und die Lehrerin hat die Regeln vorgegeben, die vor allem aus Verboten bestehen. So dürfen positive Charaktere keine Krawatte tragen, und selbstverständlich darf ein Film niemals Schwarzmalerei betreiben. Besonders perfide der Ratschlag: Die Kinder sollen sich nur selbst gewissenhaft prüfen, dann erkennen sie schon, was zeigbar und was nicht zeigbar ist.

Nichte Hana ist nur eine von vielen Fahrgästen, die Jafar Panahi in seiner 82-minütigen Tour durch Teheran befördert. Taxi Teheran ist bereits der dritte klandestin produzierte und außer Landes geschmuggelte Film des iranischen Regisseurs, nachdem er wegen »Propaganda gegen das System« zu Berufsverbot verurteilt wurde. Die Grundidee des Roadmovies ist so einfach wie genial – und mutig: Er selbst sitzt als Taxifahrer (ein zutiefst ironischer »Berufswechsel«) hinter dem Steuer, eine schwenkbare Kamera fährt auf dem Armaturenbrett mit, und im Wechsel der Passagiere und Gesprächsthemen entsteht eine Momentaufnahme vom Zustand der heutigen iranischen Gesellschaft. Innerhalb der dokumentarischen Form sind allerdings zahlreiche Passagen inszeniert, was dem Regisseur erst die Verdichtung seiner Beobachtungen ermöglicht.

So entfaltet gerade der Anschein der Zufälligkeit einige politische Schärfe, während Panahi ganz ohne Pathos auch seine eigene Situation reflektiert. Manche Passagiere erkennen den Regisseur, beispielsweise der DVD-Händler, der illegale Kopien westlicher Produktionen von The Walking Dead bis Woody Allen vertreibt und Panahi zu seinem Kompagnon machen möchte, ist der doch ein ausgewiesener Filmexperte. Weiterhin treten, unter anderen, auf: ein vehementer Befürworter der Todesstrafe und eine Lehrerin, die sich im Taxi ein heftiges Streitgespräch über Bestrafung und Gerechtigkeit liefern; zwei alte Damen, die glauben, sie müssten sterben, wenn sie nicht bis zwölf Uhr ihre beiden Fische zu einer Quelle gebracht haben; ein bei einem Unfall verletzter Mann und seine panische Frau, die das Taxi zum Krankenhaus bringt; eine Menschenrechtsanwältin und Bekannte von Panahi, die in rückhaltloser Offenheit über Haftbedingungen und Hungerstreiks spricht.

Ein paarmal wechselt die Perspektive, freilich ohne dass das Auto je verlassen wird, zur Handykamera eines Mitfahrers oder zur Kamera von Panahis Nichte: Hana filmt einen Jungen dabei, wie er einen Geldschein von der Straße aufhebt, der einem Bräutigam aus der Tasche gefallen ist. Sie bittet ihn inständig, das Geld zurückzugeben, denn nur so kann die Aufnahme Teil ihres Hausaufgabenfilms werden.

Während man als Zuschauer wie ein weiterer, stiller Passagier mit im Auto sitzt und das Treiben beobachtet, weitet sich aus dem Schutz dieses Innenraums heraus das Sichtfeld auf viele brisante Themen, von brutaler Unterdrückung unliebsamer Meinungen und der Benachteiligung von Frauen bis hin zu alltäglichem Aberglauben und Bigotterie. Es ist nicht gerade ein optimistisches Bild der Gesellschaft, das Panahi hier zeichnet, doch er tut es mit einer Leichtigkeit, die den Blick offen hält. An der einen oder anderen Stelle könnte man sich durchaus mehr Subtilität vorstellen, manche Figur ist allzu exem­plarisch zugespitzt und funktionalisiert, doch diese Tendenz zum Plakativen wird immer wieder aufgefangen von der warmherzigen Präsenz Panahis als Hauptdarsteller sowie seinem Humor als Regisseur. Und was neben der mutigen Gesellschaftskritik von dieser Fahrt haften bleibt und wirkt: In den Seitenblicken auf das Leben in Teherans Straßen macht sie Alltag und Vielfalt des Landes jenseits politischer Schlagworte sichtbar und füllt auch damit blinde Flecken unserer Wahrnehmung. Diese Bilder sind zwar weniger brisant, aber nicht minder wichtig.

... zum Porträt von Jafar Panahi

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