Kritik zu Downsizing

© Paramount Pictures

Kleiner Mann, was nun? In Alexander Paynes nicht immer schlüssiger Zukunftssatire brilliert Matt Damon als einfacher Amerikaner, der in einer neuen Miniaturheimat ziemlich alte Verhältnisse vorfindet

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Egal, ob ein mysteriöser Nebel, verrückte Wissenschaftler oder ultracoole Spezialanzüge dahinterstecken: Wenn das Kino über Schrumpfungsprozesse fabuliert, geht es stets fantastisch und spektakulär zu. Der Weg in die Winzigkeit, sei es ein Unfall, ein Experiment oder Superheldenroutine, ist ein ziemlich einmaliger Akt. In »Downsizing« dagegen fühlt sich die Reise nach Liliput erstaunlich selbstverständlich an – unter anderem, weil sie zum Massenprodukt avanciert. Alexander Payne gelingt das Kunststück, das Futuristische so natürlich mit dem Gegenwärtigen zu verzahnen, dass es sich gar nicht anfühlt wie Science-Fiction, sondern eher wie eine organische Weiter­entwicklung, wie ein Reflex auf aktuelle ­Pro­bleme der Menschheit. In dieser Hinsicht ist Paynes achte Regiearbeit der richtige Film zur richtigen Zeit.

Dass es irgendwo auf dem Planeten einem brillanten Forschergeist gelingen könnte, Menschen auf fünfzehn Zentimeter kleine Däumlinge zu schrumpfen, erscheint in unserer Ära des radikalen industriellen und digitalen Wandels gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Könnten wir so nicht ziemlich elegant die ökologische Bedrohung abwenden? Was ließen sich Ressourcen schonen, Räume gewinnen, Müllberge reduzieren! In seiner exzellenten Exposition spielt »Downsizing« dieses Szenario als realistisch anmutende Versuchsanordnung durch. Der Durchbruch gelingt in einem norwegischen Labor, und von dort aus erfährt die staunende Weltöffentlichkeit schnell von der neuen Methode, die ein Leben im Miniaturparadies verspricht. Mittelprächtige Ersparnisse verwandeln sich in den überall aus dem Boden schießenden »Resorts« in millionenschwere Reichtümer, schließlich wird von allem schlagartig viel weniger gebraucht. Wer sich eben noch um seine wirtschaftliche Zukunft sorgte, darf plötzlich ein Leben in Saus und Braus führen, unter einem Glasdach zwar wie einst der Held der Truman Show, aber unbeschwert und scheinbar losgelöst von den Kümmernissen des Alltags.

Genau dieser Schritt schwebt dem sanftmütigen Ergotherapeuten Paul Safranek (Matt Damon) vor. Anders als die selbstbezogenen Protagonisten aus Paynes Männerfilmen »About Schmidt«, »Sideways« und »Nebraska« neigt er dazu, sich für andere aufzuopfern: ein Kümmerer, der eher zu wenig als zu viel an sich selbst denkt. Aber genau wie sie tritt auch Paul eine Reise an, die ihn zum Entwurzelten machen wird. Zusammen mit seiner Frau Audrey (unterfordert: Kristen Wiig) unternimmt er zunächst einen Probetrip in die »Leisure Land Estates«, wo schon Schulfreund Dave (Jason Sudeikis) ein neues Leben begonnen hat. Dort lässt er sich von perfekt geschulten Verkäufern (Laura Dern und Neil Patrick Harris mit hübschen Cameos) die Vorzüge der Miniwelt schildern, eine Prozedur zwischen Immobilien-Showroom und Kreuzfahrt-Entertainment. Und dann, nach nicht unbeträchtlichem Zögern und Zweifeln, gibt sich Paul zum ersten Mal in seinem Leben einen Ruck und springt hinein in den Kaninchenbau.

Ein dezenter satirischer Grundton prägt die erste Dreiviertelstunde des Films. Alexander Payne und sein Koautor Jim Taylor entwickeln ihre Story sehr geradlinig; voller Spannung erwarten wir, wie sich die neue Erfindung auf die Welt im Allgemeinen und Paul im Besonderen auswirken wird. Wenn der große Tag dann endlich kommt, dekliniert Payne die Umwandlung minutiös und mit viel Liebe zum tricktechnischen Detail durch: Körperhaare müssen ebenso entfernt werden wie Zahnimplantate (beide können nicht »mitschrumpfen«), Frauen und Männer absolvieren den Prozess separat und werden anschließend von freundlichen Krankenschwestern mit glänzenden Pfannenhebern in ihre neuen Puppenhäuser verfrachtet. Wer zwischendurch befürchtet, die Operation könne schreckliche Nebenwirkungen haben wie einst die Teleportation in »Die Fliege«, sieht sich schließlich angenehm enttäuscht: Payne geht es nicht um eventuelle technologische, sondern um psychologische Pannen.

Und darum, dass das Land des Müßiggangs auf den zweiten Blick näher an der Hölle liegt als am Himmel. Paul nämlich wird kräftig aus der Bahn geworfen, wenn er gleich nach der Ankunft erfährt, dass er plötzlich allein dasteht. Er muss sich neu (er-)finden und in einer Welt akklimatisieren, in der ganz eigene Regeln herrschen. Ähnlich desorientiert wirkt mit einem Mal die Dramaturgie: als seien mit dem Helden auch die Ambitionen des Drehbuchs geschrumpft. Die zentralen Fragen – Was macht eine Innovation wie diese mit der menschlichen Gesellschaft? Wie interagieren Groß und Klein? Welche Rolle spielen die Minimenschen noch? – verliert der Film komplett aus den Augen und schlägt stattdessen einen irritierenden Zickzackkurs ein.

Dabei geht es um zwei zwielichtige Europäer (Christoph Waltz und Udo Kier mit der üblichen Exzentrik), die abwechselnd orgiastische Partys feiern und krumme Geschäfte abwickeln; eine schroffe Vietnamesin (eine Entdeckung: Hong Chau), die als Flüchtling in die USA gekommen ist und dabei ein Bein verloren hat; um einen Arbeiterslum gleich hinter der Mauer des »Leisure Land Estate«, wo sich die dunkle Seite der schönen neuen Welt zeigt; und um einen Bootstrip zurück zu den norwegischen Anfängen.

Ein wenig wirkt es, als hätten die Autoren lange gezögert, welche von mehreren möglichen Geschichten sie eigentlich erzählen wollten, und dann beschlossen, sie alle gleichzeitig zu erzählen. »Downsizing« bleibt immer ansprechend inszeniert und unterhaltsam erzählt, aber der Zauber des Anfangs ist verflogen, sobald Paul in seiner neuen Heimat eintrifft. Selbstverständlich wird er am Ende seiner Odyssee lernen, eine Haltung zu entwickeln und für sich und seine Bedürfnisse einzustehen. Aber so eine »Moral« ist dann doch etwas zu offensichtlich und banal für einen Film, der eigentlich keinen Grund gehabt hätte, neben seinem Helden auch sich selbst zu schrumpfen.

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