Kritik zu Die Stunde des Jägers

© Concorde Filmverleih

William Friedkins Thriller mit Benicio Del Toro und Tommy Lee Jones

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William Friedkins große Zeit waren die siebziger Jahre, als er für »The French Connection« den Oscar für die beste Regie erhielt und mit »Der Exorzist« einen Klassiker des Horrorgenres schuf. Nach ausgiebigen Ausflügen in die Fernseh- und Opernregie während der vergangenen Jahre legt er nun mit »Die Stunde des Jägers« einen Film vor, der viele Eigenschaften eines Spätwerks hat.

Eine Geschichte, die ihr Zentrum fortwährend verlagert, keine Fragen stellt und keine Antworten gibt, eine melancholische Aura, gespeist aus der Ratlosigkeit eines Wissenden, eine Offenheit der Bilder für alles, was das Gezeigte über die Bedeutung der Szene hinaus erzählen mag: In Spätwerken geht es ebenso wie in Erstlingsfilmen darum, alles in einem Film erzählen zu können. Aber wenn sich in Debüts die Fülle des Materials kannibalisiert, verlassen sich Spätwerke oft auf das Monumentale einer einzelnen Idee – langweilig.

Friedkin hingegen greift auf seine Meisterschaft zurück, menschliche Widersprüche, auf Jäger und Gejagte aufgeteilt, im Rahmen von Verfolgungsritualen zu dynamisieren. Natürlich zitiert er dabei nicht nur sich selbst: Eine seelenverwandt eingefärbte Hassliebe zwischen zwei Menschen, die einander ähnlicher sind als ihre jeweilige Konstellation es erlaubt, steht im Zentrum fast aller und nicht nur der besseren Action-Filme und Thriller.

»Die Stunde des Jägers« bedient diese Konvention scheinbar überdeutlich: Aaron Hallam, Elitesoldat der US Special Forces, beherrscht die Kunst des Tötens virtuos. Er kann jede fremde Spur lesen, jede eigene verwischen. Ein Einsatz im Kosovo macht ihn zum Zeugen eines serbischen Massakers an albanischen Zivilisten, bevor er den verantwortlichen Offizier eliminiert. Die Tapferkeitsmedaille kann das Trauma nicht abfedern, Aaron ist in einen sanftmütigen Wahn geglitten, der die Grenzen zwischen richtigem und falschen Töten verwischt hat. Sein einstiger Lehrer L.T. Bonham lehrte das Töten, ohne es selbst je vollzogen haben. Ein Jäger, ein Spurenleser auch er, der kantige wortkarge Einsiedler, der zurückgezogen in einer Hütte in den verschneiten Bergen British Columbias lebt. Beide suchen in der Verschmelzung mit der Natur jene Wunden zu heilen, die sie den Menschen zugefügt und die Menschen ihnen zugefügt haben.

Doch wie in Paul Schraders »Der Gejagte« (Affliction) und Terrence Malicks »Der schmale Grat« bündelt sich in der Schönheit der unberührten Natur die Gewissheit der bevorstehenden Versehrung. Beide, Aaron und L.T., sind der Natur verbunden, weil sie sie respektieren und beherrschen, weil sie dort eine Balance zwischen den Gespenstern der Vergangenheit und dem Nichts ihrer Zukunft finden. Doch Aaron tötet weiter, wird zum Jäger jener Jäger, die – Naturgesetze missachtend – mit martialischen Waffen Hirsche jagen. Lautlos getötet und fachmännisch ausgeweidet finden verstörte FBI-Beamte die Leichen dieser Rednecks in den Wäldern. L.T. lässt sich überreden, den Täter zu suchen, den er längst kennt. Vor einer Höhle treffen sie aufeinander und tun was Männer tun, wenn sie ratlos sind, sich freuen oder zürnen: Sie kämpfen. Ein FBI-Kommando unter Leitung der unnötig gut aussehenden Abby Durrel (Connie Nielsen) beendet den Zweikampf, aber die Karten sind verteilt, das Duell eröffnet, mag nunmehr auch alles an Waffen zu Wasser zu Land und in der Luft aufgefahren werden, um den Fluchtkünstler Aaron auf seiner eine breite Blutspur hinterlassenden Flucht aufzuhalten.

Je hysterischer der Apparat daherkommt, desto reduzierter agieren Benicio Del Toro als Aaron und Tommy Lee Jones als L.T. Ihre Beziehung ist so verkorkst, ihr Schicksal so festgeschrieben, dass es nurmehr der Kummer über das Unausweichliche ist, der denjenigen bestimmt, den sie spielen. Benicio macht als Aaron wenige Worte, aber die Schwere seines immer in eine unbestimmte Ferne gerichteten Blickes dominiert die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen. Jones' L.T. ist ein Mann mit einem völlig verkanteten Körper, in der Nähe der hübschen FBI-Beamtin wird sein Gang nachgerade täppisch, im Kampf Mann gegen Mann findet er jedoch zur Wendigkeit zurück.

William Friedkin hat einen Film über das Töten gemacht. Und während das in seinem obskuren Plädoyer für die Todesstrafe, »Rampage«, 1987 noch ideologisch eindeutig daherkam, sind seine wehrhaften Helden heute wehrlos einer abstrakten Mechanik ausgeliefert. Sie können töten, sie haben es gelehrt und gelernt, aber die lohnende Sache ist ihnen abhanden gekommen. Fast gleichnishaft mutet dieser Film an, ein mörderischer Pas de deux. Im Gewand des Actionfilms mit tadellosen Stunts, der Friedkin-obligaten meisterlichen Verfolgungssequenz und hohem body count auf Seiten der Polizei und des FBI, erzählt »Die Stunde des Jägers« von einer sinnlosen Jagd zweier Männer aufeinander. Das finale Duell, eine blutige Neuauflage des ersten Kampfes gegeneinander, hinterlässt einen Überlebenden, aber keinen Sieger.

Die Wehmut, mit der Caleb Deschanels Kamera auf die Natur blickt, mit der er Benicio Del Toros ungewöhnliche Schönheit schattiert, korrespondiert mit der Aussichtlosigkeit einer Geschichte, deren Wendungen immer wieder zu überraschen vermögen, deren Ende aber stets vorgezeichnet bleibt. Natürlich bietet es sich in diesen Zeiten an, »Die Stunde des Jägers« als einen Abgesang auf eine kriegswütige Nation zu lesen, als Anklage an eine Politik, die die Geister, die sie rief, nicht mehr zu bändigen weiß, als Dokument eines Scheiterns der Männer. Der Film bietet diese Deutung an, aber er gebraucht sie nicht. Es gibt drei kleine Mädchen in diesem Film, und alle drei verändern sie für einen Moment diesen Film, weil sie die beiden traurigen Helden für einen Moment innehalten lassen. Das ist nicht kitschig, sondern markiert vielmehr die Fallhöhe dieser Männer, für die es das Moment der Unschuld nicht mehr gibt. Am Ende schneit es wieder, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern ist zu Ende, und Friedkin hat den Anstand, keine Frau mehr in die endgültige Einsamkeit seines überlebenden Helden zu schicken.

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