Kritik zu Die Habenichtse

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Florian Hoffmeister verfilmt Katharina Hackers preisgekrönten Roman über so etwas wie das Lebensgefühl nach »Nine Eleven«

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Ein Paar sitzt an einem Fluss auf einer Bank; die beiden kehren dem Zuschauer den Rücken zu, als wären sie ganz in sich selbst versunken, in Erinnerungen, oder vielleicht auch, weil etwas Verletzendes oder Endgültiges gesagt wurde. Einmal schaut sie ihn an und lächelt. Erst am Schluss werden wir erfahren, dass dieses vieldeutige Bild auch Hoffnung bedeutet.

Florian Hoffmeister hat es, wie seinen ganzen Film, in Schwarz-Weiß gedreht. Schwarz-Weiß wirkt heutzutage wie ein Format der Abstraktion und Konzentration, eine schlüssige Entscheidung bei einem Film, der vom Verlust handelt. Jakob (Sebastian Zimmler), der Mann auf der Bank, ist Rechtsanwalt. In einer Kneipe trifft er seinen Freund Hans, Rechtsanwalt wie er, in derselben Kanzlei. Der erzählt ihm, dass er zu einer Anwaltsfirma nach London gehen wird, die auf jüdische Entschädigungsansprüche spezialisiert ist. Als eine befreundete Galeristin an den Tisch kommt, entdeckt Jakob im Katalog zu einer Ausstellung Fotos seiner Jugendliebe Isabelle (Julia Jentsch). Hans schlägt vor, dass Jakob zur Vernissage gehen soll und er für ihn am anderen Tag nach New York fliegt. Der andere Tag ist der 11.9.2001. Und Hans wird im World Trade Center sterben.

Aber Jakob lernt Isabelle neu kennen und lieben, macht ihr einen Heiratsantrag und nimmt sie mit nach London, wo er anstelle von Hans bei der Kanzlei Bentham arbeitet. Es wirkt wie eine Flucht vor den Erinnerungen an den Verlust, eine Flucht, für die Jakob sich auch ins Entschädigungsrecht einarbeitet. Isabelle ist Künstlerin, Malerin und Grafikerin und zuerst ziemlich überrumpelt von Jakobs Lebensplan. Aber sie folgt ihm nach London, in keine ganz so gute Gegend und versucht, an einem Kinderbuch zu arbeiten. Sie lernt das Nachbarmädchen kennen und einen Kleinkriminellen von der Straße.

Mehr und mehr konzentriert sich der Filme auf sie, der das Leben auch irgendwie entgleitet, die sich verliert und beruflich keinen Anschluss findet. Sogar Jakob droht sie zu verlieren, der immer verschlossener wird (viel geredet wird in diesem Film sowieso nicht) und sich in seine Arbeit stürzt, die ihn schließlich auch wieder zurück nach Berlin führt.

In so etwas wie Tagträumen erscheint Jakob immer wieder Hans, doch 9/11 bleibt eher im Hintergrund bei der Schilderung einer sich zumindest zeitweise auflösenden Beziehung. Manche Dialoge wirken überbedeutsam, aber dafür wartet »Die Habenichtse« mit großartigen visuellen Lösungen auf, Florian Hoffmeister hat auch als Kameramann zum Beispiel für Terence Davies (»The Deep Blue Sea«, »Quiet Passion«) gearbeitet. Eindrücklich etwa die Szene, wenn beim Abschied, bevor Jakob und Isabelle nach London gehen, sie allzu ausgiebig vom Freund der Galeristin geküsst wird, oder die Momente, in denen Isabelle allein zu Hause ist und die lauten Geräusche aus dem Nachbarhaus herüberdringen.

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