Kritik zu The Deep Blue Sea

Trailer englisch © Kinostar

Drei Menschen, die an der Liebe scheitern: Mit seiner Verfilmung von Terence Rattigans Theaterstück schließt Terence Davies direkt an die unvergänglichen Melodramen von David Lean und Douglas Sirk an

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In der vergangenen Nacht hatte Hester Collyer (Rachel Weisz) schon einmal versucht, sich umzubringen. Doch es ist nicht genug Gas in ihr kleines tristes Apartement geströmt. Am Morgen hat ihre Vermieterin sie dann wieder zurück ins Leben geholt. Spricht jemand sie auf den Vorfall an, nennt sie ihn eine momentane Verwirrung. Etwas anderes bleibt ihr auch gar nicht übrig. Schließlich ist ein Selbstmordversuch im England des Jahres 1950 eine Straftat. Nur hat sich ihre Situation seit dem Morgen noch verschlimmert. Ihre letzte Hoffnung auf ein wenig Glück mit ihrem Liebhaber, dem Ex-RAF-Piloten Freddie Page (Tom Hiddleston), ist endgültig zerstört. Von Verzweiflung getrieben, stürmt sie die Treppen einer U-Bahn-Station hinunter. An der Gleiskante bleibt sie stehen und lauscht nach dem nächsten Zug.

Ein einziger Schritt noch, und alles wäre vorbei. Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Das Geräusch eines fernen Zuges löst eine Erinnerung in Hester aus. Eine dumpfe Druckwelle wie von einem Bombeneinschlag erfüllt die Station. Staub und Mörtel regnen auf die Schienen herunter, auf denen nun Kinder liegen. Es ist eine der vielen Bombennächte des Jahres 1940. Zahllose Londoner haben in dem Schacht Zuflucht gesucht. Ein Mann steht etwas abseits von den anderen und singt eine A-cappella-Version von »Molly Malone«. Währenddessen fährt die Kamera langsam auf den Gleisen entlang, vorbei an all den Menschen, die in den Refrain des Lieds einstimmen und in dieser Beschwörung alltäglichen Unglücks Hoffnung finden. Als das Lied endet, ist die Kamera bei Hester und ihrem Mann, Sir William Collyer (Simon Russell Beale), angekommen. Das Vergangene hat Hester im wahrsten Sinne eingeholt und gibt ihr neue Kraft. Dann steht sie wieder alleine am Gleisrand. Der Zug fährt an ihr vorüber.

Terence Davies hat in seinem Werk schon immer die Macht von Erinnerungen beschworen. Seine ersten Kurz- und Langfilme waren alle Teile einer Proust’schen Suche nach der verlorenen Zeit, die er zuletzt noch einmal mit seiner Liverpool-Dokumentation Of Time and the City aufgenommen hat. In den Farben einer Tapete, in dem Licht einer einzelnen Lampe oder auch in Liedern und in alten Kinobildern, Momenten aus den Filmen von Henry King und David Lean, wird das Vergangene noch einmal lebendig und strahlt in die Gegenwart hinein. Das Leben des Menschen mag der Linearität der Zeit unterworfen sein, aber seine Gedanken und sein Gedächtnis folgen anderen, weitaus komplexeren Mustern und Prozessen. Ihnen spürt Davies auf unvergleichliche Weise nach, in seinen autobiografischen Werken genauso wie nun in dieser Verfilmung von Terence Rattigans 1952 uraufgeführtem Theaterstück »The Deep Blue Sea«.

Dieser magische Moment in der U-Bahn- Station, in dem das Leben über die Verzweiflung, der Wille weiterzumachen über die Verlockung des Todes triumphiert, könnte wie zahlreiche andere Szenen auch direkt aus Distant Voices, Still Lives oder The Long Day Closes stammen. Doch sie ist weitaus mehr als nur ein Selbstzitat. Hesters nur einen Augenblick währende Reise in die Vergangenheit bricht Rattigans Stück auf, entreißt es den Konventionen der Bühne und führt doch direkt in dessen Zentrum. Aus Verzweiflung erwächst Kraft, aus dem Vergangenen eine Möglichkeit von Zukunft.

Als die Bahn schließlich an Hester vorbeifährt,illuminieren ihre Lichter Rachel Weisz’ Züge wie einst der Zug das Gesicht von Celia Johnson in David Leans Klassiker Brief Encounter. Damit verbeugt sich Davies vor einem seiner Vorbilder und schreibt sich selbst noch einmal in die Tradition des woman’s film, also der großen Melodramen der 1940er und 50er Jahre, ein.

Zusammen mit seinem Kameramann Florian Hoffmeister rekonstruiert Terence Davies nicht nur eine vergangene Epoche. Ihre auf zauberische Weise schillernden Bilder und ihre so verschwenderischen wie verführerischen Kamerafahrten weben aus Kinoerinnerungen und Filmzitaten etwas Neues. Diese traurige und doch von einer unendlichen Hoffnung erfüllte Dreiecksgeschichte, in der drei Menschen an ihrer Liebe scheitern, ist nichts weniger als die Erfüllung einer der größten menschlichen Sehnsüchte: ein Dokument der wiedergefundenen Zeit.

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