Kritik zu Die Fremde

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Feo Aladag versucht in seinem Debütfilm, vom Skandal des »Ehrenmords« in Form einer Familiengeschichte zu erzählen. Und Sibel Kekilli (»Gegen die Wand«) verleiht ihm ein verträumtes Gesicht

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Ein junger Mann auf einer deutschen Straße. Er nähert sich einer Frau von hinten, die Frau hat ein Kind an der Hand. Der junge Mann tippt die Frau an, die Frau dreht sich um, die Frau erkennt den jungen Mann, der junge Mann hält der Frau eine Waffe ins Gesicht. Nach dem Schnitt rennt er, die Kamera beobachtet ihn aus der Distanz, die Atemgeräusche sind nah. Schnitt. Der junge Mann ist im Bus, die Kamera ist nah, die Atemgeräusche sind nah, der Verkehr ist fern. Schnitt. Der junge Mann schaut aus dem Heckfenster des Busses.

So beginnt Feo Aladags Debütfilm »Die Fremde«. Und so ähnlich wird er enden: Dann wird der Zuschauer wissen, was der junge Mann vom Heckfenster des Busses gesehen hat. Der junge Mann ist Acar (Serhad Can), die Frau Umay, seine ältere Schwester (Sibel Kekilli), das Kind ihr Sohn Cem (Nizam Schiller). »Die Fremde« spielt im Transitraum der Kulturen, vom Auftakt in Berlin geht es in die Türkei: Umay in der Familie ihres Mannes Kemal (Ufuk Bayraktar), der ein Grobian ist, das Kind in ein dunkles Zimmer sperrt, sie schlägt. Umay flieht zurück nach Berlin, zu ihrer Familie.

Beim Essen entzünden sich die Konflikte, weil beim Essen die Familie zusammen ist und die Konfliktlinien durch die Familie laufen. Beim Essen wird Kemal grob zu seinem Sohn. Beim Essen erzählt Umay ihrer Familie, dass sie zu Kemal nicht zurückkehren wird. »Hast du was gesagt?«, fragt Mehmet (Tamer Yigit), der ältere Bruder von Umay. »Du hast mich gehört«, sagt Umay, die weiß, dass sie etwas gesagt hat, was nicht gehört werden will. Es geht um Familien, in denen die Verbindung so eng ist, dass der Ausbruch nicht vorgesehen ist.

Es geht um den sogenannten Ehrenmord in Feo Aladags Film. Um die Frau, die nicht ausbrechen darf und kann, und die, wenn sie es doch tut mit Hilfe der Polizei, geächtet ist. Und um die Familie, die »verbrannt« zurückbleibt, gemieden wird, höhere Preise für die Verheiratung der jüngeren Tochter bezahlen muss, und die auch darunter leidet, dass sie Ehre ernster nimmt als die Liebe.

Feo Aladag versucht sich an der Beschreibung eines Themas, das in der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf den Skandal reduziert ist, den der Mord an der Schwester und Tochter darstellt. Dieser groben Wahrnehmung will »Die Fremde« entkommen durch Gefühl. Das Bild dieses Films ist das träumerische Gesicht Sibel Kekillis, das nicht das Klischee von der geknechteten Tochter bedient, dafür aber ein anderes Klischee – das eines vagen Glücksgefühls, wie man es aus der Werbung kennt.

Feo Aladag scheitert an der distanzierten Nähe, die das Bild vom laufenden Acar zu Beginn beherrscht: In den Szenen mit der vorsichtigen Annäherung an Stipe (Florian Lukas) verläuft sich »Die Fremde« in einen banalen Wohlfühlfilm, der das Drama von Umay ignoriert. Während der flippigen Härte von Mehmet das Gefühl fehlt, dem man die Zerrissenheit des auf Ehre bedachten Bruders anmerken könnte.

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