Kritik zu Die Affäre

© Alamode

Typischerweise kommen diese Amour-fou-Geschichten immer aus Frankreich: Hier ist also wieder eine, mit Kristin Scott Thomas und Sergi Lopez als verknäultem Paar, die sich sehen lassen kann

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»Weggehen, um anzukommen«, heißt das geflügelte Wort, das den optimistischen Ausgang des Unternehmens schon vorwegnimmt. Ganz einfach »Weggehen« (Partir) hat indes Catherine Corsini ihre »Amour-fou«-Geschichte genannt. Ins schwarze Loch der Verzweiflung führt dieser Film, darüber lässt schon der Filmanfang keinen Zweifel. Kaum hat man das lieblose Ehepaar beim schnöden Liebesakt gesehen und den Schuss fallen gehört, springt der Film sechs Monate zurück, ohne den Ort zu verlassen. Gerade ist Suzanne (Kristin Scott Thomas) dabei, nach 15 Jahren wieder ins Berufsleben als Physiotherapeutin einzusteigen, er, Samuel (Ivan Attal), Arzt, spielt halbherzig mit, lässt dafür ein Nebengebäude auf dem komfortablen Anwesen der vierköpfigen Familie entrümpeln und umbauen. Und schon steht der Gastarbeiter Ivan (Sergi Lopez) als »Mädchen für alles« in der Tür. Der »coup de foudre« trifft den Zuschauer genauso wie die beiden Protagonisten. »Blitzschlag« heißt das Timing, das den Film voran- und immer ein bisschen weitertreiben wird. Es ist das Getriebensein von der großen Liebe, die beiden alles abverlangen wird.

Das fängt schon damit an, dass sich Ivan, mit Körpereinsatz vor ihr rollendes Auto wirft, um es von noch größerem Schaden abzulenken. Mit dieser Aktion setzt der Film ein weiteres Signal. Es geht um alles, nicht nur um ein sexuelles Abenteuer oder um den Genuss, der dieser Ehefrau in ihrem, zugegeben, bequemen Leben vorenthalten wurde, den sie jetzt nach dem Vorbild von »Lady Chatterley's Lover« nachholt. Es ist mehr als ein Ausbruch aus dem gepflegten und langweiligen bürgerlichen Familiensetting, es verwandelt sich bald in ein Ringen um die tägliche Existenz. Ob Samuel seine Frau wirklich noch so liebt, wie er behauptet? In Wirklichkeit kämpft er mit seinen drakonischen Abstrafungen nicht um sie, sondern um sein Hausrecht, um seinen Besitz, zu dem diese schöne Frau gehört, und um seinen verletzten Stolz. Es geht – vielleicht doch etwas zu stereotyp – um den Bestandschutz patriarchalischer Verhältnisse.

Der Film relativiert nicht, er stellt sich bedingungslos auf die Seite der Liebe als hohes Gut und auf die Seite der Verletzbaren und Schutzlosen, die von Anfang an auf der Verliererliste stehen. Er steuert erbarmungslos auf dieses schwarze Loch zu und bezieht genau daraus seine Anziehungskraft. Es geht nicht um die verzehrenden Umarmungen, sondern um die Verteidigung eines besseren Lebens, das in der saturierten Wohlstandsgesellschaft in Besitzritualen erstickt ist. Deshalb argumentiert der Liebesfilm beinahe wie ein Lehrstück. Er zeigt mit allen Konsequenzen, was es heißt, auf alle Zwänge und vermeintlichen Notwendigkeiten zu verzichten. »Amour fou« – vielleicht ist es nur ein anderes Wort für Freiheit, für eine Existenzform, die nur radikale Ehrlichkeit kennt und sonst nichts. Diese Anarchie atmet dieser Film – auch dank seiner hervorragenden Darsteller. Das ist nicht wenig.

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