Kritik zu Der Funktionär

© Salzgeber

2018
Original-Titel: 
Der Funktionär
Filmstart in Deutschland: 
11.04.2019
L: 
72 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Filmemacher Andreas Goldstein (»Adam und Evelyn«) setzt sich in einem essayistischen Dokumentarfilm mit dem eigenen Vater Klaus Gysi und dem untergegangenen Land auseinander, in dem der einst Kulturminister war

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Mit zwei Toten beginnt dieser Film. Der eine ist ein in den Endjahren der Weimarer Republik von Polizisten erschossener demonstrierender Berliner Arbeiter. Der zweite der 1999 verstorbene Vater des Filmemachers Andreas Goldstein, der den toten Proleten einst aus der Wohnung in Berlin-Neukölln unten auf der Straße liegen sah. In diesem Film geht es um diesen zweiten Mann, den wir zuerst – mit dicker Brille und Stirnglatze – in grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern zwischen anderen Kadern des SED-Politbüros sehen, bevor es mit einem persönlichen Kommentar des Filmemachers und eigenen Fotografien aus Berlin, Prenzlauer Berg, auch atmosphärisch tief in die »windstillen Achtziger« der DDR und deren bald folgendem Ende geht. Eine Zeit, als bei den großen Demonstrationen am Alex – so Goldstein – die »Kellner mit dem Kapitän Fragen der Befehlsgewalt diskutieren, während das Schiff schon sinkt«.

Klaus Gysi war, so die von ihm oft wiederholte Anekdote, durch die Konfrontation mit dem toten Arbeiter zum Kommunist geworden. Als solcher stieg er dann nach gefährlichen Jahren der Illegalität in Nazi-Deutschland zu einem der wichtigsten Kulturpolitiker in der DDR auf und auch wieder ab – inklusive einer Zeit heftiger Anschuldigungen im Stalinismus, dem schon das Überleben unter den Nazis als verdächtig galt.

Andreas Goldstein wurde (als eines von sieben Kindern) in einer von mehreren Partnerschaften seines Vaters in der Zeit geboren, als Gysi vom Leiter des Aufbau-Verlags zum Kulturminister aufstieg. Gegenwärtig in seinem Leben war der auch in Frauengeschichten vielbeschäftigte Mann aber nicht. Und als der kleine Andreas 1973 nach der (degradierenden) Entsendung des Vaters als Botschafter nach Italien mit der Mutter allein in der Villa im Berliner Südosten zurückblieb, war die Veränderung für ihn kaum spürbar.

Goldsteins essayistisch angelegter Film kombiniert die Ich-Erzählung mit durch Soundakzente atmosphärisch verdichteten, eigenen Fotos, kurzen Filmstücken und Archivmaterialien von Gysis Auftritten in diversen Talkrunden des DDR-Fernsehens und einem Gespräch mit Günter Gaus aus dem Jahr 1990. Ein erhellender Kunstgriff dabei, wie sich der Filmemacher in diese zwischen Eitelkeit, taktischer Anbiederung und Abwehr schwankenden Auftritte seines in der letzten beruflichen Phase mit »Kirchenfragen« befassten Vaters immer wieder mit Kommentaren einmischt.

Goldstein war gerade mit dem schönen Wende-Spielfilm »Adam und Evelyn« (die dortige Koautorin, Kamerafrau und Cutterin Jakobine Motz führt auch hier die Kamera) erfolgreich unterwegs. In »Der Funktionär« erforscht er nun die Verzahnung privater Erfahrungen mit den historischen und politischen Zeitläufen mit dokumentarischen Mitteln. Dabei kommt sein produktiv vielfach gebrochener Blick auf den Mann und das untergegangene Land ohne die üblichen Abgrenzungen aus. Das Ergebnis gleicht, wie Goldstein im Film in anderem Kontext einmal sagt, einer höchst aktuellen Flaschenpost aus einer verschwundenen Welt.

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