Kritik zu Adam und Evelyn

© Neue Visionen Filmverleih

2018
Original-Titel: 
Adam und Evelyn
Filmstart in Deutschland: 
10.01.2019
L: 
95 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Andreas Goldstein verfilmt den gleichnamigen Roman von Ingo Schulze, in dem sich der anbahnende Untergang der DDR während der Sommeridylle des Jahres 1989 atmosphärisch in einer Beziehungskrise widerspiegelt

Bewertung: 4
Leserbewertung
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Das Jahr ist 1989. Adam (Florian Teichtmeister) lebt in einer ländlichen DDR-Idylle. Jakobine Motz' Kamera nimmt in den ersten Einstellungen des Films »Adam und Evelyn« Naturimpressionen auf, ein pittoreskes Haus kommt ins Bild, eine Schildkröte bewegt sich gemächlich. Entschleunigung wird inszeniert.

In seiner Dunkelkammer entwickelt Adam Fotos von Frauen. Die Kamera bestimmt sein Leben und mehr noch die Schneiderei. Beides verbindet er mit einer einfühlsamen Hinwendung zu seinen Kundinnen. »Die Weiber kamen zu ihm, und er hat sie schön gemacht. Und wenn sie dann schön waren, hat er sie gebumst.«

Die nüchterne Bilanz stammt aus dem Mund von Adams Freundin Evelyn (Anne Kanis) – und aus der Feder des Autors Ingo Schulze, auf dessen Roman »Adam und Evelyn« Andreas Goldsteins und Jakobine Motz' Film basiert. Roman und Kinoadaption verbinden das Private mit dem Politischen, die Beziehungskrise mit dem sich anbahnenden Untergang der DDR. Der Rahmen, den Goldstein und Motz zeichnen, ist konventionell. Nach einem Streit verlässt Evelyn Adam mit einer Freundin und einem Westler in Richtung Ungarn. Adam reist in seinem Wartburg 311, Baujahr 1961, dem Mercedes des Ostens, hinterher. Während der Film das Thema Kabale und Liebe variiert und mit Verwicklungen, Irrungen und Wirrungen aufwartet, verändert sich die Außenwelt in diesem Sommer 1989 auf dramatische Weise.

Die Konstruktion des auf leise Weise intensiven Films beruht auf den Prinzi­pien Langsamkeit, Verknappung und Aussparung. Goldstein und Motz, die auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, lassen Bilder sprechen und setzen atmosphärische Akzente. Knapp sind die Dialoge, oftmals stumm die Autofahrten. So entstehen intime Szenen, die ihren Reiz aus dem Kontrast zwischen dem Bewusstsein und Handeln der Figuren und dem Veränderungsfuror um sie herum gewinnen. Diese Veränderungen werden nicht sichtbar, sondern allenfalls als Radiomeldungen hörbar.

Mit verhaltener Melancholie verabschieden sich die Filmemacher von der DDR. »Die DDR war trotz oder gerade wegen aller Beschwernisse eine widersprüchliche Heimat geworden. Sie bot Identität im Widerspruch. Der Staat selbst wurde nur in der Bundesrepublik infrage gestellt«, glaubt Andreas Goldstein. Die Ankunft im Westen empfindet Adam konsequent als Enttäuschung. Zu viel Überfluss, zu viel Hässlichkeit. Anne Kanis und Florian Teichtmeister gewinnen als kongeniales Gegensatzpaar Profil. Den Konfrontationen des selbstzufriedenen Phlegmatikers und der gegen die Widrigkeiten des Alltags aufbegehrenden jungen Frau verdankt der Film seine komischen Momente. Gleichzeitig transportiert »Adam und Evelyn« eine Ahnung davon, was es 1989 hieß, die Heimat zu verlieren. Und welche Hoffnungen und Illusionen dabei entstanden. »Jetzt können sie das ganze Geld für sinnvolle Sachen verwenden, nicht nur hier, überall auf der Welt. Bald muss man nur noch dreißig Stunden arbeiten, und statt anderthalb Jahre zur Armee zu gehen, machen alle ein Jahr was Nützliches«, sagt Evelyn am Ende des Films.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Film versucht ein Bild über die Stimmung der späten Tage der DDR und die herannahende Wende zu zeichnen und das mit dem bestimmenden Thema der massenhaften Fluchtbewegung über Budapest und die ungarische Grenze zu verbinden.

Soweit also ein Thema, was in der Reihe von Filmen wie "Good bye Lenin", "Das Leben der anderen" oder gar "Trabi go" auf jeden Fall eine Lücke der filmischen Aufarbeitung schließen könnte.

Leider ist die Umsetzung aber zu sehr künstlerisch bemüht und mit dem Versuch, das ganze minimalistisch zu gestalten ist die Produktion ein Wagnis eingegangen, das als Ergebnis die Realität jener Wochen in keinster Weise erkennen lässt.

So treten im Film im Grunde genommen nur 5 Schauspieler und ein alter Wartburg nennenswert in Erscheinung. Zudem sind sämtliche Szenen endlos gedehnt und dabei die Dialoge auf 2 bis 3 kurze Sätze reduziert, die trotzdem jeden Tiefgang vermissen lassen.

Tatsächlich waren damals tausende mit Rucksäcken und in vollen Zügen gen Budapest unterwegs, während im Film ein einsamer Fahrer auf einer ebenso einsamen Straße in seinem DDR-Oldtimer eine leere Grenzstation überquert und ein einsames Ferienhaus am Balaton ansteuert. Wer damals in Ungarn war, kann sich sich nur zu gut erinnern, wie überfüllt die Bahnhöfe, Straßen und Zeltplätze waren, dass es überall endlose Diskussionen über die politische Lage gab und dass vor allem die Stimmung von Aufbruch, Erwartung und knisternder Energie bestimmt war, während im Film ein einsames Paar am leeren Balatonstrand in einer endlosen Szene Melancholie verbreitet. Das Thema Liebe oder gar Leidenschaft, welches über Adam und Evelyn (und Michael) als Titelhelden zu zeichnen versucht wird, ist im Film so emotionslos umgesetzt, dass man stattdessen lieber noch mehr von der Schildkröte im Gras hätte sehen wollen.

Selbst die Nachricht der Grenzöffnung und Fahrt/Flucht nach Österreich wird nicht diskutiert und die Ankunft im zuvor unerreichbar geglaubten Westen entlocken den Darstellern keinerlei Emotionen. Auch werden hierbei weder die perönlichen, politischen oder auch nur familiären Probleme zum Thema des Films, stattdessen streikt der Wartburg und der Kapitalismus erscheint in banalster Form auf der Leinwand.

Kurzum, ein Film, den man sich schenken sollte, wenn man damals dabei war und erst recht, wenn man nicht dabei war, denn er ist all zu bemüht und verfehlt sein Ziel, ein Bild jener Tage wiederzugeben leider komplett.

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