Kritik zu Das Wunder von Bern

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Große historische Umwälzungen und fußballerische Erfolge gehen in der Bundesrepublik gerne Hand in Hand: So besiegelte die Nationalmannschaft nicht nur 1954 den Wiederaufbau, sondern auch 1990 die Wende. Jetzt hat das Kino, das sich mit dem populärsten deutschen Sport immer schwer tat, nachgezogen. Sönke Wortmanns »Das Wunder von Bern«, ausgezeichnet mit dem Publikumspreis von Locarno, versucht alles: Gefühl, Geschichte und fünf Tore in – nun ja, 118 Minuten

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Ein Zug entschwindet langsam in eine von der Sonne geküsste, ländliche Idylle. In ihm fährt das deutsche Siegerteam der Fußballweltmeisterschaft 1954 seinem Zuhause und einer Zukunft entgegen, die sich mit drei Sätzen in epischer Ruhe über das Bild legt. "Ein Jahr später kamen die letzten Kriegsgefangenen nach Hause zurück. Ein Jahr später begann das Wirtschaftswunder. Die Elf von Bern spielte nie wieder zusammen." Hier, in der letzten Einstellung von Sönke Wortmanns Film Das Wunder von Bern formieren sich noch einmal die Ansprüche. Das Bild quillt über von Bedeutung. Es ist die letzte Aufforderung, diesen Film über das Finale im Berner Wankdorf-Stadion selbst als eine Art Entscheidungsspiel zu verstehen, in dem es anstelle eines Weltmeistertitels um die filmische Geschichtsschreibung geht.

Wie sehr der WM-Titel von 1954 noch immer Teil dessen ist, was Sönke Wortmann das "kollektive Gedächtnis der Deutschen" nennt, zeigte sich erst kürzlich in der Trauer um Helmut Rahn. Völlig unerwartet war "der Boss", der doppelte Torschütze beim Endspiel in Bern und die zentrale Fußballerfigur in Wortmanns historischem Epos, am 13. August nur wenige Stunden vor einer Voraufführung des Films verstorben. Respekt und Dankbarkeit prägten die Nachrufe, deren Liturgie sich stets auf elf Worte aus der legendären Radioreportage Herbert Zimmermanns stützen konnte: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt, Tor, Tor, Tor ..." Gerhard Schröder sprach von einem "großen persönlichen Vorbild". Johannes Rau erinnerte: "Damals gab die gewonnene Weltmeisterschaft uns Deutschen Mut und Zuversicht." Franz Beckenbauer schließlich war es vorbehalten, als Inbegriff des erfolgreichen "Nachgeborenen" Tacheles zu reden: "Der Boss hat zum wichtigsten Erfolg der deutschen Fußball-Geschichte beigetragen. Deutschland war danach wieder wer. Wir haben uns wieder ein Selbstwertgefühl gegeben."

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Damit ist zugleich eine Erwartungshaltung beschrieben, der sich ein Film über diesen Erfolg unweigerlich gegenüber sieht. Der sensationelle 3:2-Sieg der deutschen über die ungarische Mannschaft am 4. Juli 1954 wurde und wird gehandelt wie ein westdeutscher amerikanischer Nationalfeiertag, wie die "Birth of a Nation" für den westlichen Teil Nachkriegsdeutschlands. Bis heute spricht man von der "Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern". Journalisten und Historiker schreiben vom "Stimulans für ein gebrochenes, jahrelang unterdrücktes Nationalgefühl". Mit diesem "Datum nationaler Identitätsstiftung" sei sowohl der Grundstein für den "Erfolg des Wirtschaftswunders" gelegt worden als auch dafür, "die Schatten der Nachkriegszeit zu überwinden". Dass in diesem Triumph neun Jahre nach der Kapitulation Nazideutschlands eine Bevölkerung jedoch Schatten zu überwinden suchte, für die sie selbst verantwortlich war, ist Teil dieses Wunders. Hier zeigte sich zum ersten Mal die Dialektik der "Stunde Null".

Die Anziehungskraft seines Filmstoffs besteht darum für Sönke Wortmann ganz folgerichtig darin, dass "es um so viel mehr geht als nur ein Fußballspiel". Und eben dieser nationale Bedeutungsmehrwert hängt wie ein Damoklesschwert über der 7,5 Millionen Euro teuren Produktion. Ihm zu Ehren werden im Das Wunder von Bern drei Handlungsstränge und soziale Ebenen miteinander verknüpft, die nach amerikanischem Vorbild von einer pathetisch überbordenden Orchestrierung zusammengehalten werden sollen.

Die Geburt einer Nation

Während sein Idol und Ersatzvater Helmut Rahn (Sascha Göpel) im Sommer '54 mit der Nationalmannschaft in die Schweiz aufbricht, erlebt der elfjährige Matthias Lubanski (Louis Klamroth) in einer Essener Bergarbeitersiedlung die unglückliche Heimkehr seines leiblichen Vaters (Peter Lohmeyer) aus russischer Kriegsgefangenschaft. Den Problemen zwischen der Familie und dem überforderten Heimkehrer stehen die Schwierigkeiten von Rahn gegenüber, der von seinem Trainer Sepp Herberger zunächst nicht aufgestellt wird. Zu dieser doppelten Vatergeschichte gesellt sich die des Münchner Sportreporters Ackermann (Lucas Gregorowicz), der den Supergau seiner jungen Ehe nur dadurch abwendet, indem er seine Fußball hassende, steinreiche Frau (Katharina Wackernagel) mit auf die Dienstreise in die Schweiz nimmt.

Wiedergeboren am 4. Juli: Mögen die Erfahrungen, Klassen und Dialekte auch noch so differieren, im siegreichen Finale lösen sich alle Konflikte. Rahn wird zum WM-Helden, Ackermanns Frau zur glühenden Fußballanhängerin, die ihrem Gatten im Jubel der Siegesfeier Nachwuchs ankündigt. "Ein Junge, ich spür' es". Der Kriegsheimkehrer Lubanski, konfrontiert mit Vorwürfen und hilflos in der längst selbstständigen Familie um seine Vormachtstellung kämpfend, wird sich unter Tränen reintegrieren. Die Versöhnung des alten und des neuen Deutschland ist besiegelt, als Rahn Vater Lubanski zum eigentlichen Helden von Bern kürt: "Sieht aus, als ob wir den Sieg ihnen verdanken!"

Zumindest dem Entwurf dieses Films, zu dem Sönke Wortmann mit Rochus Hahn auch das Drehbuch geschrieben hat, scheint es genau darum zu gehen: Eben nicht das selbstbewußte Wir-sind-wieder-wer, sondern den vorhergehenden Mythos der "Stunde Null" filmisch festzuschreiben, in dem die Vergangenheit hinter einer Zukunftsperspektive verschwinden muss: "Meinst Du, Papa kann was dafür?" - "Wir können alle nix dafür, aber wir können alle helfen, dass es besser wird."

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Gerade in seinem Versuch jedoch, seine Geschichtsschreibung möglichst rund und einheitlich zu gestalten, offenbart Das Wunder von Bern seine Zerrissenheit. Der ideologischen Eindeutigkeit, so scheint es, steht eine mindestens ebenso große narrative Unsicherheit gegenüber. Als ob der Film vom Fluchtpunkt der Bedeutung wie von einem Mahlstrom angezogen würde, wird nahezu alle Aufmerksamkeit auf die finale Sinnstiftung gerichtet und jeder Wendepunkt auf dem Weg zum Fazit vorsichtshalber doppelt bebildert. Wenn direkt nach Rahns finalem Ritterschlag für Vater Lubanski noch der Dialog zwischen Vater und Sohn folgt, "Gegen den kommt niemand an!" - "Doch Vater, du kommst gegen ihn an", schlägt die gewünschte Überzeugungskraft ins Gegenteil um und kommentiert sich selbst.

Vielleicht sind schließlich dieser Selbstkommentar und die Inkonsistenz das eigentlich Spannende an diesem Spiel um Geschichtsschreibung. Das Wunder von Bern scheitert an seiner Aufgabe und stellt in seinem Ringen um Eindeutigkeit zugleich das ganze Projekt in Frage. Die staatstragende Idee der "Stunde Null", so könnte man aus diesem Film lernen, ist selbst derart konstruiert und widersprüchlich, dass sie nicht glaubhaft in eine eindeutige Kinoerzählung verwandelt werden kann.

So wiederholt sich in Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern das Schicksal, das der Fußball schon in der Legende um die "Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern" erfahren hatte. Immerhin war das gefeierte Wunder zuerst ein sportliches, in dem das Außenseiterteam um Fritz Walter, Toni Turek und den damaligen Wackelkandidaten Helmut Rahn gegen die ungarischen Stars wie Ferenc Puskás und Nándor Hidegkuti triumphierte. Doch so wie das eigentliche Spiel zum Anlass werden und in den Hintergrund treten sollte, so wenig Fußball ist in den 118 Filmminuten zu sehen. Die erstaunlich kurzen und unspektakulär inszenierten Szenen des Endspiels jedenfalls erklären nicht, warum für die Spielerrollen ausschließlich unbekannte, dafür fußballerisch erfahrene Schauspieler verpflichtet wurden.

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Trotz seines Titels und trotz Sönke Wortmanns bekannter Vergangenheit als Fußballprofi ist darum auch dieser Fußballfilm kein rechter Fußballfilm. Oder er ist es, wie fast alle populären Filme über Fußball keine Fußballfilme sind: indem sie ein Spiel, einen Verein, Spielerinnen oder Spieler als Aufhänger benutzen, um andere Geschichten aus dem Fußball heraus oder an ihm vorbei zu erzählen. Was Filme wie Kick it like Beckham (2002), Fever Pitch (1997), Zoltán Fábris Zwei Halbzeiten in der Hölle (1961) und John Hustons Flucht oder Sieg (1981), in dem Pelé, Michael Caine, Bobby Moore und Sylvester Stallone in einem Team gegen eine Nazi-Mannschaft antreten, positiv oder negativ auszeichnet, ist die Funktionalisierung des Fußballs für eine darüber hinaus reichende Erzählung. Sie können, wie Fever Pitch oder Beckham (und vermutlich auch Sherry Hormans bereits angekündigte Komödie Lattenknaller um einen schwulen Torwart) sexuelle, kulturelle und ökonomische Ordnungen reflektieren, wie Ultrá (1990), Fussball ist unser Leben (2000) oder Nordkurve (1993) Fanstrukturen beschreiben oder wie When Saturday Comes (1996) eine Art männliches Melodram erzählen.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Der Fußball aber kann dabei nie ganz den Platz einnehmen, der ihm gebührt. Denn es braucht Erzählzeit, den Reiz des Spiels zu vermitteln, der eben nicht in einem einzigen erlösenden Schuss oder spektakulären Kopfball liegt, sondern in der Spielentwicklung - in den Augenblicken etwa, wenn brillante Techniker wie Maldini oder Brehme noch in der eigenen Abwehr eine Überzahlsituation herstellen, die sich erst nach und nach auf das gegnerische Tor zu bewegt. Allein dafür bräuchte es fast ausschließlich Totalen, ganz zu schweigen vom wichtigen Spiel ohne Ball und dem Dilemma, dass Großaufnahmen vom Spielgerät in der Regel nie zugleich die Köpfe der Akteure einfangen können.

© Constantin
Weil Fußball also schwerer als etwa Boxen oder Baseball auf einen pittoresken, dramatischen Punkt oberhalb der Gürtellinie zu bringen ist, weil er sich als fließender Sport gewissermaßen der alles ausdrückenden Großaufnahme verweigert, wird er im Kino (wenn überhaupt) stärker noch als andere Sportarten zum Mittel zum Zweck. Und es kann gar nicht anders sein, als dass sich diese unglückliche Liebesbeziehung zwischen Kino und Fußball umso auffälliger in den Filmen ausdrückt, die reale Spiele oder Spieler zum Zentrum haben. Genau 30 Jahre vor Sönke Wortmanns Wunder von Bern war auch der unbeholfene Annäherungsversuch des Franz-Beckenbauer-Spielfilms Libero (1973) gescheitert, der sich wie ein unwürdiger Untertan dem Kaiser Franz demütig vor die angebeteten Füße geworfen hatte.

Ein Fußballfilm, der seinem Sport gleichberechtigt begegnen will, müsste wohl zuallererst erprobten Spielfilmdramaturgien und Bilderwelten entsagen, um sich mit sämtlichen Mitteln des Kinos auf die Suche nach der Sprache des Fußballs zu machen. Die andere Möglichkeit, diesen Sport tatsächlich in den Mittelpunkt zu stellen, führt bald Stephen Chows Shaolin Kickers vor: Bälle werden in vier Meter Höhe gestoppt und nach einer Pirouette abgeschossen, nur um ähnlich geschulten Torhütern Löcher ins Trikotfell zu brennen. Aus ein paar Grundregeln des Fußballs wird so schlicht eine komplett neue Sportart, die mehr Kung-Fu als Fußball ist und gerade darum perfekt auf die Leinwand passt.

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