Kritik zu Das Lied des Lebens

© Lichtfilm

2012
Original-Titel: 
Das Lied des Lebens
Filmstart in Deutschland: 
17.01.2013
L: 
89 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Zehn Jahre nach Damen und Herren ab 65 und fünf nach Young@Heart begleitet Irene Langemann zwei musikalische Projekte mit alten Menschen in Deutschland, die der Musiker Bernhard König initiiert hat und mit Ausdauer und Leidenschaft betreibt

Bewertung: 3
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Toscanini stand mit 88 Jahren immer noch auf der Bühne. Doch professionelle Sänger werden – mit Ausnahme einiger Rock- und Bluesrecken – zeitig in den Ruhestand geschickt. Und in den meisten Altersheimen geht die musikalische Betätigung über das Absingen von Volksliedern und neckische Bewegungsspielchen nicht hinaus. Dabei klingen gerade alte Stimmen erst richtig interessant, findet Bernhard König. Schon früh hatte sich der Musiker für diesen besonderen Ausdruck interessiert. 2010 bekam er dann den Auftrag für ein Forschungsprojekt, um sich professionell und längerfristig mit alten Menschen und Musik zu beschäftigen. König entwickelte drei Projekte, zwei davon begleitet Irene Langemann (Rubljovka, Russlands Wunderkinder) in diesem dokumentarischen Film: In einem Stuttgarter Altersheim können greise Männer und Frauen mit für sie persönlich eigens herangeschafften Instrumenten ihre aufgegebene Musizierpraxis wiederaufnehmen. Und in Köln gründet König einen »Experimentalchor für alte Stimmen«, der mit modernen Klängen ein ganzes Leben an Erfahrungen auf die Bühne bringen will.

Es ist anrührend und mitreißend zu sehen, welche Energien, Emotionen und Fähigkeiten bei den Alten freigesetzt werden – noch stärker selbstverständlich bei denen, die schon in ihrem früheren Leben viel mit Musik zu tun hatten und jetzt nach vielen Jahren erstmals wieder an ihrem (oder einem anderen) Instrument sitzen: Dem Akkordeonspieler Willi Günther, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, bringt König ein Keyboard mit, auf dem der Mann sofort mit Verve eine eigene frühere Komposition vorträgt, die ihrem Titel »Hexentanz« alle Ehre macht. Und die zuerst fast teilnahmslos wirkende blinde Sigrid Thost erweist sich im Klavierduo mit König als begnadete (und beglückte) Improvisatorin. Auch die anderen an den Projekten Beteiligten blühen beim ernsthaften Musizieren auf und machen drastisch deutlich, wie unterfordert alte Menschen durch den üblicherweise mit ihnen gepflegten Umgang sind.

Beide Projekte setzen auch auf die Reaktivierung verschütteter Erfahrungen und persönlicher Lebensgeschichten. Günther und Thost hatten schwere Schicksalsschläge zu verarbeiten. Der Experimentalchor bereitet sich auf einen Auftritt vor, der die Kriegserfahrungen der Generation künstlerisch verarbeitet. Doch bei einigen Teilnehmern regt sich auch Widerstand gegen die Reduzierung auf Leid und Angst und Königs Konzept emotionaler Regression. Unverständlich ist das nicht. Auch im Film wird die Fixierung auf Biografisches irgendwann zum Handicap, denn sie verstellt den Blick für den breiteren institutionellen Hintergrund und lässt König und seine Mitarbeiter wie im leeren Raum agieren. Wie und wodurch wird diese Arbeit möglich? In was für einem Rahmen findet sie statt? Und ließe sich das erweitern? Fragen, die das Gesehene bei einem engagierten Publikum unausweichlich aufwirft, für die der Film sich aber offensichtlich gar nicht interessiert. Stattdessen schaut die Kamera zum zehnten Mal metaphernträchtig in den Himmel, als müsste sie uns mit Gewalt darauf stoßen, dass es hier auch eine spirituelle Dimension gibt.

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