Kritik zu Boxhagener Platz

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1968 auf der anderen Seite der Mauer: Matti Geschonnek hat den gleichnamigen Roman von Torsten Schulz als leichtfüßige Komödie verfilmt

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Der zwölfjährige Holger lebt 1968 am Boxhagener Platz in Ostberlin. Von den Studentenunruhen im Westen und den Panzern in Prag dringt so gut wie nichts durch zu dieser wie in Watte gepackte Enklave. Das Zentrum dieser miefigen Welt, in der die Fassaden bröckeln, ist Holgers patente Oma Otti. Die einzig wirkliche Sorge dieser lebenstüchtigen alten Dame scheint ihr Stuhlgang zu sein. Das kann man als Kommentar auf die politischen Zustände der Ex-DDR verstehen, die Regisseur Matti Geschonneck ebenso beiläufig wie pointiert nachzeichnet.

Basierend auf dem Roman von Torsten Schulz, der auch das Drehbuch verfasste, inszeniert Geschonneck ein heiter-morbides Stimmungsbild, das von seiner prägnanten Figurenzeichnung lebt. Neben der linkischvitalen Gudrun Ritter als Oma überzeugt Meret Becker als Holgers (Raben-)Mutter, die eigentlich nur ein wenig Spaß sucht in der sozialistischen Tristesse. Auf seine Weise unangepasst ist auch Holgers schwuler Onkel: Wenn er einmal mit seinem ein Paisley-Hemd tragenden Westberliner Postbotenfreund auftaucht, ist das einer von vielen Lachern.

Die augenzwinkernde Botschaft dieser verhaltenen Komödie ist: Die Frauen ertragen jenen Sozialismus, der von Männern geschaffen wurde, auf ihre ganz eigene Weise. Letztere treten dementsprechend fast nur als tragikomische Witzfiguren in Erscheinung. Nicht umsonst hat Oma Otti schon fünf ihrer Männer ins Grab gebracht: Als der Altnazi Winkler ihr Avancen macht, liegt auch er bald darauf tot in seinem Fischladen. Verdächtig gebart sich auch der Exspartakuskämpfer Karl Wegener (gut: Michael Gwisdek), ein traumtänzelnder Querdenker, der die Stasi mit subversiven Flugblättern irritiert und Oma Ottis Geliebter wird. Ihm auf der Spur ist Holgers Vater – von Jürgen Vogel großartig gespielt als tumber, linientreuer Vopo, der in dieser surrealen Krimiposse nur einmal zur stillen Größe aufsteigt, als er sich ein Herz nimmt und den Mund aufmacht.

Der Film begeistert durch eine üppige Fülle stimmiger Details, dank derer die Groteske des sozialistischen Alltags mit schillernder Hassliebe entlarvt wird. Dabei lachen wir niemals über diese Menschen, deren melancholischer Humor als gelebte Selbstverteidigung verständlich wird. Die stimmige visuelle Umsetzung gibt den Bildern trotz erkennbarer Studiokulisse sinnliche Qualität. Der Auftritt eines Fanfarenzugs wirkt wie eine dokumentarische Aufnahme aus DDR-Zeiten.

Zusammengehalten werden diese niemals ausufernden Beobachtungen durch ein betörend schönes poetisches Bild: »Das scheintote Kind«, ein unverdächtiges Kitschgedicht aus der Feder der »schlesischen Nachtigall« Friederike Kempner, metaphorisiert den seelischen Zustand der DDR-Bürger als lebendig begraben. Doch selbst hierfür hat Oma Otti eine Lösung: Aus dem Grab heraus kommunizieren die toten Männer noch mit ihr: durch das Schlagen einer Tür oder gar das Rauschen der Blätter der Friedhofsbäume.

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