Kritik zu Berlin '36

© X-Verleih

2009
Original-Titel: 
Berlin '36
Filmstart in Deutschland: 
10.09.2009
L: 
101 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Sport im Dienst der Politik, nach wahren Begebenheiten: Zwei Hochspringerinnen, von denen die eine eigentlich ein Mann ist, werden von den Nazis für ihre Zwecke missbraucht

Bewertung: 3
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Mitte Juli 1936 erhielt die Hochspringerin Gretel Bergmann vom »Deutschen Reichsbund für Leibesübungen« einen Brief mit der Absage ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin: »Sie werden aufgrund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben.« Eine Stehplatzkarte schenke man ihr, weitere Unkosten könne man leider nicht übernehmen. Das Schreiben, das im Film zitiert wird, war der Schlusspunkt eines perfiden Spiels, in dem die jüdische Weltklassesportlerin zur Schachfigur der nazideutschen Politik geworden war.

Zu den Olympischen Spielen in der Reichshauptstadt wollte sich das faschistische Deutschland tolerant und weltoffen zeigen. Da es offensichtlich keines von beiden war, drohten die USA den Boykott an, sollten nicht auch jüdische Sportler im deutschen Kader teilnehmen. So wurde die bereits 1933 emigrierte Gretel Bergmann unter Androhung von Repressalien gegen ihre Familie dazu gepresst, zurückzukehren, und in ein olympisches Trainingslager geschickt. Doch gewinnen durfte sie trotz ihrer überragenden Leistungen natürlich nicht. Und so schickte man ihr, kaum dass die Amerikaner das Schiff nach Europa bestiegen hatten, besagten Brief.

Dies ist die eine Hälfte der Geschichte, die »Berlin '36« erzählt. Die andere beruht in ihrem Kern ebenfalls auf Tatsachen, enthält aber über das Tragische hinaus eine bizarre, ja unglaubliche Note: Als »arische« Gegenspielerin zu Bergmann wird auch eine Marie Ketteler ins Trainingslager geschickt. In Wirklichkeit hieß sie Dora Ratjen. Sie nahm an den Olympischen Spielen teil und errang den 4. Platz. Zwei Jahre später kam heraus, dass sie ein Mann war.

Der Film porträtiert auf Basis der Fakten sehr frei das Verhältnis der beiden Sportlerinnen Gretel und Marie, das sich vom erzwungenen Antagonismus in eine Freundschaft verwandelt. Beide sind sie Außenseiterinnen in einem Land, das nicht eben freundlich mit solchen umgeht. Und wegen ihres Andersseins werden sie zu Werkzeugen der Nazis: Gretel, die als Alibijüdin herhalten muss, und Marie, die wegen ihres falschen Geschlechts erpressbar ist. Mit Karoline Herfurth als willensstarke, doch sehr unter der Ausgrenzung durch die anderen Sportler leidende Gretel und dem ja immer etwas androgyn wirkenden Sebastian Urzendowsky wurde hier eine gute Besetzung gefunden.

Leider macht sich der Film vieles zu einfach: etwa in der klaren Aufteilung der Charaktere in böse (Nazis) und gute (keine Nazis). Dass die für allerlei Seichtes verantwortlich zeichnende Degeto mitproduziert hat, scheint da kein Zufall. Auch die Inszenierung von Kaspar Heidelbach, der bisher nur fürs Fernsehen gedreht hat (»Wunder von Lengede«), kommt kaum über TV-Konventionen hinaus. Immerhin wird weitgehend auf grobes Event- Movie-Getue verzichtet, und so gelingen dann doch ein paar Momente, die den Zwiespalt und die Ohnmacht von Gretel wie von Marie plastisch werden lassen. Diese unerhörte Geschichte aber hätte einen Film mit mehr Mut und mehr Fantasie verdient.

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