Kritik zu Being John Malkovich

© Universal Pictures

Spike Jonzes Erstlingsfilm, eine Geschichte voller Kapriolen und Verwirrungen

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Es gibt Menschen, die aus eigenen Fehlern lernen, und solche, die aus den Erfolgen anderer lernen. Zur zweiten Gruppe gehört die deutsche Filmindustrie. Kaum reüssiert »American Pie«, schiebt Verleiher und Produzent Constantin den im Rekordtempo produzierten »Harte Jungs« nach. Wie sein amerikanisches Vorbild ein auf Filmlänge gestreckter Herrenwitz, die Zielgruppe der unter 18-Jährigen mitsamt ihren vermeintlich feuchten Träume deutlich im Visier. – Ein Treffer. Kaum eine Verleih- oder Produktionsfirma bereits oder demnächst börsennotierten Zuschnittes, die derzeit nicht an Teenieprojekten zwischen anzüglicher Komödie und (siehe »Anatomie«) explizitem Horror herumbastelt. Nun erholt sich der deutsche Film von nichts so schwer wie seinen eigenen Erfolgen und dessen neuerlichen Nachahmern. Plagiate plagiieren scheint bisweilen die Hauptaufgabe der Development-Abteilungen zu sein, die sich mit dem Slogan »Besser gut geklaut als schlecht erfunden« in ihre Kopistentätigkeit fügen. Es geht dabei gar nicht darum, dem deutschen Film seine Gelegenheitserfolge auch noch madig zu machen, es sei lediglich die Frage erlaubt, warum die Vorbildfunktion des amerikanischen Erfolgskinos auf dem deutschen Produktionsmarkt so einseitig ausgelegt wird. Nicht erst seitdem die keines Sektierertums verdächtige Academy reihenweise ambitionierte, die amerikanische Realität mit sich selbst konfrontierende – und eben deswegen auch kommerziell erfolgreiche – Filme gleich reihenweise mit dem Oscar prämiert, bleibt die Frage nach etwa einer »German Beauty« unbeantwortet. Wir haben eben die Autoren nicht, lautet seit Jahren der Drehbuchförderung, der Schreibschulen und -workshops die immer gleiche Antwort, die schon deswegen nicht stimmen kann, weil sie viel zu häufig gegeben wird.

Angesichts von Spike Jonzes »Being John Malkovich« stellt sich die Frage: Wer würde hier zu Lande ein Drehbuch fördern oder kaufen, das von einem absurd niedrigen Büro erzählt, in dem gebückt gehende Menschen eine Sortiertätigkeit verrichten, wenn sie nicht gerade durch einen Wandschacht in das Innere von John Malkovich gleiten, wo sie 15 Minuten verweilen, um dann am New Jersey Turnpike in den Straßengraben zu plumpsen? Ein Kifferplot par excellence, der seine abstruse Geschichte todernst erzählt. Es ist das Regiedebüt des 29-jährigen Werbe- & Musikclipregisseurs Spike Jonze und das erste Drehbuch des bisherigen TV-Autors Charlie Kaufman, produziert unter anderem von REM-Frontmann Michael Stipe und Steve Golin (Propaganda Films), die Filme von David Lynch, John Dahl und Jane Campion produziert haben. In Konstellationen wie diese fallen ohnehin für ihre Risikobereitschaft bekannte Stars wie Cameron Diaz, John Cusack und John Malkovich dann doch weich, wenn sie ihre surrealen Figuren mit realen Emotionen aufladen. Dabei verlässt sich »Being John Malkovich« nicht auf seine aberwitzig hakenschlagende Geschichte, er ist absolut stilsicher in seinem Bemühen, Extreme soweit gegeneinander auszuspielen, dass sie sich zu einer nur in diesem Film gültigen neuen Normalität auspendeln.

Ein völlig verzottelter John Cusack verliebt sich als born loser Craig Schwartz in die stets in cooles Weiß oder Schwarz gewandete Maxine. Seine noch verzotteltere Frau Lotte liebt ihre zahlreichen Haustiere vom Schimpansen bis zum Papagei, ist ganz süß, aber auch ein bisschen nervig in ihrer quäkigen Naivität. Auch sie verliebt sich in Maxine. Die wiederum verabscheut Craig, ist jedoch fasziniert, wenn, ja wenn Lotte in John Malkovich steckt, während sie, Maxine, mit ihm schläft. Diese erotische Begegnung der dritten Art ist Ausgangspunkt für die wesentlichen Turbulenzen der zweiten Hälfte des Films. Mut zur Hässlichkeit nennt man das gerne, was Cameron Diaz hier mit braunem Fissel-Haar und ausgeleierten Jogging-Klamotten zeigt. Aber im Grunde zählte sie immer zu den Mädchen, die wissen, dass sie so schön sind, dass sie sich alles erlauben können, auch diesen look hier nicht einmal zu brechen. Auch dieser Film weiß, dass er im Niemandsland zwischen »Cheech & Chong«- und Jim-Jarmusch-Filmen nur seinem eigenen Einfallsreichtum und seiner handwerklichen Eleganz verpflichtet ist und nicht Script-Doctoren-Weisheiten, nach denen man die Hauptfigur(en) mögen muss. Maxine, oversophisticated bis zum Anschlag, Craig, verbissen und tölpelhaft gerissen, John Malkovich als leicht geckenhafte Variante seiner selbst und die kuhäugige Lotte – sie alle mag man deutlich weniger als den Film, den sie bevölkern.

Irgendwann hat die Handlung so viele Kapriolen geschlagen, dass sich »Being John Malkovich« auf den vielen selbstgelegten Fährten verläuft und schließlich den nächstbesten Ausweg wählt. Auch ist der gesamte filmische Gestus nicht frei von einer gewissen Künstlichkeit, die in Erklärung offerierenden Dialogpassagen wie auch der Wahl eines ambitionierten Beinah-Stars wie John Malkovich auffällig wird. Aber hier hat schlussendlich eine Hand voll Leute gemeinsam etwas auf die Beine gestellt, die mit Sicherheit in der Lage sind, aus den kleinen Fehlern zu lernen und dem großen Erfolg zu misstrauen, den sie jetzt schon haben. Und wir anderen stellen uns eine deutsche Variante vor, die da heißen könnte »Being Axel Milberg«, produziert von Herbert Grönemeyer und Claussen & Wöbke, mit Esther Schweins, Moritz Bleibtreu und Katja Flint. Ab 2 Millionen Besucher für »Being John Malkovich« eine ernstzunehmende Option.

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