Kritik zu Babylon – Rausch der Ekstase

© Paramount Pictures

Filmemachen als Blutsport: Damien Chazelle erzählt von der Kinoindustrie im Übergang vom Stumm- zum Tonfilm – keine Ära für zimperliche Gemüter 

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Filmemachen als Drecksarbeit: damit beginnt Damien Chazelle seinen dreistündigen Ritt durch die Filmindustriegeschichte der späten 20er Jahre. Da ergießen sich die Exkremente eines Elefanten im Schwall über den anschiebenden Helfer. Später auf der Party des Produzenten dient der Elefant als Lockvogel, um Blicke auf sich zu ziehen, damit im Hintergrund der leblose Körper einer jungen Frau entsorgt werden kann. Und am nächsten Tag findet man zu Drehende einen Statisten auf dem Boden, den in der Kreuzritterschlacht ein Speer zu tief erwischt hat. Nein, das Hollywood der frühen Jahre war kein Ort für Zimperliche.

Das ist nichts Neues, wie überhaupt an Chazelles »Babylon« wenig neu ist. Nicht der Titel, der Kenneth Angers Buch »Hollywood Babylon« echot, nicht die Figuren, die zusammengesetzte Pastiches auf reale Personen sind, und nicht der Plot, der als wilde Orgie von einer grellen Szene in die nächste stolpert, von einer Bacchanalie mit nackten Körpern und Bergen von Kokain zum Showdown in der Wüste mit Klapperschlange.

Aber diese Darstellung vom Filmemachen als Blutsport – sie hat eben auch was. Natürlich gibt es da die Schicht der Selbst-Heroisierung, die sogar die Coen-Brüder in ihrer Satire »Hail, Caesar!« nicht ganz abtragen konnten. Und es gibt die Sensationslust, die Anger mit den Skandalstories bediente und verewigte. In ihren Anfängen wohnte der Filmindustrie auf besondere Weise das uramerikanische Versprechen inne, dass es jeder hier schaffen könnte.

Zwei Außenstehende, die unbedingt rein wollen, setzt Chazelle ins Zentrum: Den Mexikaner Manuel (Diego Calvo), der seinen Platz in der Industrie zwischen Statisten-Dompteur und Ideengeber erst schaffen muss. Und Nelly LaRoy (Margot Robbie), das Starlet, dem es gelingt, durch Party-Crashing in sehr kurzem Kleidchen genug Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dass irgendein Mann auf sie zeigt, als ein Ersatz für das leblos hinausgeschmuggelte Mädchen gefunden werden muss. Und wie es sich im Genre gehört, verliebt sich Manuel in Nelly.

Doch nicht die Gefühle treiben die Handlung voran, sondern die Technik, der Übergang von Stumm- zu Tonfilm, das »Jazz Age« der Kinoindustrie, bevor Hays Code und Corporatisierung die Filme »anständiger« und gleichförmiger machten. In Vignetten erweist Chazelle Aspekten des Filmemachens Hommage. Gleich die zweite Sequenz zeigt parallele Dreharbeiten auf einem noch unerschlossenen Stück kalifornischer Wüste. In der einen Ecke beweist Nelly, dass sie das Kunststück der Einzelträne für die Nahaufnahme beherrscht. In der anderen verzweifelt ein Team daran, die große Panorama-Aufnahme noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang in den Kasten zu bekommen. Bei letzterem führt ein glatzköpfiger Mann mit deutschem Akzent Regie, der wohl an Stroheim erinnern soll, und bei ersterem sitzt eine burschikose Frau im Regiestuhl, die an Dorothy Arzner denken lässt.

Dass es bis zum Beginn der Tonfilm-Ära mehr Frauen und mehr Minderheiten gab, davon erzählt Chazelle mit melancholischer Beiläufigkeit: Li Jun Li spielt als Lady Fay Zhu eine offen lesbische Sängerin und Autorin, die ihren Job verliert, als der Tonfilm die Schrifttafeln überflüssig macht. Jovan Adepo gibt den Schwarzen Jazz-Trompeter Sidney, der zu Ruhm kommt, aber dann zum »Blackfacing« gezwungen wird. Brad Pitt hat die fast langweiligste Rolle: Er verkörpert jenes Männerideal des »Matinee Idol«, das mit dem Stummfilm verschwand.

An manchen Stellen bewusst ahistorisch, will »Babylon« keine präzise Rekonstruktion der Ära sein. Der Film setzt auf Andeutung, um den Zuschauer am Ende mit dem Gefühl des Verlusts zu entlassen. »Singing in the Rain«, das lässt sich auf dem tränenüberströmten Gesicht von Manuel ablesen, der 1952 schließlich den Film über »seine« Zeit im Kino sieht, gibt eine bis zur Unkenntlichkeit gesäuberte Version dessen wieder, was wirklich stattfand.

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