Kritik zu Asche ist reines Weiß

© Neue Visionen Filmverleih

2018
Original-Titel: 
Jiang hu er nv
Filmstart in Deutschland: 
28.02.2019
L: 
136 Min
FSK: 
12

Jia Zhangke, der einst als unabhängiger Filmemacher unter dem Radar der Zensur arbeitete, hat sich zwar längst etabliert im chinesischen Filmgeschäft. Aber sein neuer Film zeigt, dass er ein hellsichtiger, kritischer und fantasievoller Chronist der gesellschaftlichen Verwerfungen geblieben ist

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Qiao hat sich ihren Rucksack vor den Bauch geschnürt. Er enthält die Habseligkeiten, die ihr geblieben sind, und er schützt sie wie ein Brustpanzer. Die Welt, durch die sie sich bewegt, mutete auf den ersten Blick nicht bedrohlich an, aber sie hat sich radikal gewandelt, ist unwägbarer geworden.

Fünf Jahre hat Qiao (Zhao Tao) im Gefängnis gesessen. So hoch ist in China das Strafmaß für illegalen Waffenbesitz. Nach ihrer Entlassung unternimmt Qiao eine Schiffsreise auf dem Jangtse, durch die berühmten Drei Schluchten, die in naher Zukunft in einem gigantischen Staubecken verschwunden sein werden. Jedoch hat sie die Reise nicht als Touristin angetreten, sondern als eine Liebende, die ihren Mann wiederfinden will. Sie hofft, dass Bin (Liao Fan) in den vergangenen fünf Jahren ebenso loyal zu ihr gestanden hat wie sie zu ihm. Für ihn hat sie die Gefängnisstrafe auf sich genommen; nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihren Geliebten zu verraten. In der Zwischenzeit soll Bin ein erfolgreicher Unternehmer geworden sein. Er geht nicht ans Telefon und lässt sich verleugnen. Erst durch ein cleveres Manöver gelingt es ihr, ihn zur Rede zu stellen.

Qiao ist reifer geworden, findiger und resoluter. Sie ist nicht mehr die kapriziöse Gangsterbraut, als die wir sie zu Beginn des Films kennenlernten. Seinerzeit, in ihrer Heimat in der Provinz Shanxi, waren sie ein stadtbekanntes Paar. Bin genoss hohes Ansehen in der Unterwelt von Datong. »Asche ist reines Weiß« ist ein merkwürdiger, zögerlicher Gangsterfilm: Er zeigt die Verbrecher vor allem beim Glücksspiel, in Besprechungen und der Beziehungspflege mit der örtlichen Polizei. Qiao und Bin genießen die Vorzüge eines Lebensstils, welcher der sozialen Misere in der Region spottet, die einst ein Zentrum des Bergbaus war. Aber unversehens werden sie von einer rivalisierenden Bande angegriffen. Die Pistole, die bis dahin als nutzloses Statussymbol zirkulierte, spielt plötzlich eine verhängnisvolle Rolle.

Hätte es den Rahmen des Genres gebraucht, um die Liebesgeschichte zwischen Qiao und Bin zu erzählen? Hätte sie nicht ebenso triftig in einem anderen Milieu spielen können? Sie gewinnt eine andere, entschieden unromantische Gravitas. Jia Zhangke bindet sie ein in den rasanten Wandel Chinas. Das Treiben der Gangster ist eingangs noch in ländlichen Strukturen aufgehoben. Fünf Jahre später ist das Land endgültig vom Fieber des Kapitalismus ergriffen. Der Werdegang der Figuren ist lesbar als Parabel darüber, wie man sein Leben rekonstruiert, während die Welt drum herum sich für einen ungewissen Fortschritt rüstet.

Für Jia Zhangke ist das Genre eher eine Verlockung als eine Pflicht. Auf die obligatorischen Szenen (den Moment der Entlassung aus der Haft, die erste Wiederbegegnung mit den alten Kumpanen) verzichtet er. Seine Film steckt ohnehin voller erstaunlicher Ellipsen. Die Haftstrafe vergeht in wenigen Filmminuten. Wie es Qiao dabei erging, ist nur in Zhao Taos Gesicht zu erahnen. Ihr Regisseur interessiert sich weniger für die Ereignisse als für die Reaktionen seiner Charaktere. Dabei spart er sogar noch die ersten Blicke und Worte aus, etwa nach der Wiederbegegnung des einstigen Paares. Seine Schaulust wartet das Danach ab.

Die klaffenden Lücken in der Erzählung markieren nicht nur Brüche in der privaten Geschichte. Sie werfen Schlaglichter auf eine gesellschaftliche Entwicklung, welche Jia Zhangkes Figuren nicht in Etappen nachvollziehen, sondern mit deren Konsequenzen sie brüsk konfrontiert werden. Sein Film zieht eine Zwischenbilanz des eigenen Werks, in dem sich die Suchbewegungen der chinesischen Gesellschaft widerspiegeln. Die Jangtse-Sequenz verweist auf »Still Life«, sogar das kuriose Motiv des Ufos greift er wieder auf: Auch Qiao wird Zeugin einer Art kosmischer Intervention, die sie fasziniert und die ihr einen neuen Weg weisen könnte. Die Zuversicht, mit der Jia Zhangke seine Heldin betrachtet, ruht ganz auf dem Boden der Realität.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns