Kritik zu Anonyma – Eine Frau in Berlin

© Constantin Film

Frauenschicksale im von Russen besetzten Berlin: Max Färberböck verfilmt das in zwei Editionen berühmt gewordene Tagebuch einer anonymen Berlinerin mit deutschen und russischen Schauspielstars

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Vor fünf Jahren gab Hans Magnus Enzensberger in der »Anderen Bibliothek« das wiederentdeckte Tagebuch einer anonymen Berlinerin heraus, das die Vergewaltigungen schildert, die sie und ihre Nachbarinnen durch Soldaten der Roten Armee am Kriegsende erlitten. Die junge Autorin, Journalistin und Fotografin hatte es in Stichworten voller fiebriger Schockeindrücke notiert und im Sommer 1945 literarisch ausformuliert. 1954 zuerst in den USA veröffentlicht, erschien das Buch vier Jahre später unter dem Titel »Anonyma – Eine Frau in Berlin« in deutscher Sprache. Es stieß damals auf Ablehnung, so dass sich die Autorin veranlasst sah, ihr Incognito über den Tod hinaus zu wahren. Das Thema war tabu, die Haltung der Tagebuchschreiberin erst recht. Sie erzählte nicht im Ton eines Mitleid heischenden Elendsberichts, sondern »kühl« und sarkastisch, mit ernüchtertem Blick auf die Mentalitäten der besiegten Deutschen und der Siegersoldaten. Das Opfer bewahrte sich innere Stärke und Energie für ein Leben danach.

Fünfzig Jahre, nachdem das emanzipierte Buch am Verdrängungssyndrom der Nachkriegszeit scheiterte, hat Max Färberböck (»Aimée und Jaguar«) das inzwischen zum Bestseller avancierte Buch in veränderten Kontexten und neuen Ambivalenzen verfilmt. Seit dem Ende des Kalten Krieges waren offenere Diskurse entstanden, die die Vergewaltigungen der Roten Armee nicht mehr als Fußnote der Geschichte behandelten; Helke Sanders Dokumentarfilm »Befreier und Befreite« (1993) gehört dazu. Doch die zahlreichen Bücher und Filme zum Beispiel über den Bombenkrieg, die Vertreibung und Vergewaltigung riefen heftige Einsprüche gegen die neue deutsche Opfergeschichte hervor.

Wie soll man von der sexuellen Gewalt der Rotarmisten sprechen, ohne die Gewalt der Wehrmacht zu relativieren und die Rolle der Frauen in Nazi-Deutschland kleinzureden? Diese Crux meint Färberböcks »Anonyma«-Drehbuch (Koautorin Catharina Schuchmann) zu umschiffen, indem es Gefühle zwischen der Protagonistin und einem russischen Major konstruiert, deren Unmöglichkeit sie im Buch beschreibt.

Nina Hoss ist die ausgebombte junge Frau, die es in den letzten Kriegstagen in das Haus eines befreundeten Frontsoldaten verschlagen hat, wo sie mit vielen Frauen und Kindern und wenigen alten Männern den Einmarsch der Roten Armee erwartet. Der Film folgt ihrer Wahrnehmung, wenn sie mit einer affektierten Witwe (Irm Hermann) und zahlreichen anderen Mitbewohnerinnen gezwungen ist, eine Zwangsgemeinschaft aufzubauen. Das Kaleidoskop unterschiedlichster Temperamente und Notlagen der Frauen ist dem Film gut gelungen. Hauptschauplatz sind die Etagen des alten Wohnhauses mit seinem Treppenflur und seinen Schlupfwinkeln.

Die namenlose Protagonistin, die über russische Sprachkenntnisse verfügt, beginnt ein Tagebuch für den abwesenden Liebsten zu schreiben. Am Ende kommt dieser Gerd (August Diehl) abgerissen und misstrauisch zu ihr zurück, wie alle deutschen Männer des Films ein Wrack, das auf alte Rechte pocht.

Die Heldin ist als eine jener verschlossenen Nina-Hoss-Figuren inszeniert, die das Drama wie eine unzerstörbare Skulptur zu überstehen weiß. Den ersten Verfolger kann sie im Hauskeller abschütteln, beim Überfall von zwei Soldaten konzentriert sie sich auf die Sicherung ihres Schlüssels. Nach noch mehr sich im Recht fühlenden Einbrechern, die der Film detailgenau als Phänomenologie unterschiedlicher Sowjetsoldaten zeigt, die sich für die Kriegsentbehrungen entschädigen, beschließt die Protagonistin, sich einen »Wolf« zu suchen, der die anderen kontrolliert und den Frauen des Hauses Sicherheit bietet.

Die taktische Wahl, die sie trifft, bringt sie einem melancholischen Major (Evgeny Sidikhin) näher, der seine Frau durch deutsche Soldaten verlor. Er stellt sie auf die Probe, um zu prüfen, ob sie Faschistin ist, und beginnt eine durch Musik und gute Gespräche geprägte Beziehung, die man einem Melodram zugestehen mag, nicht jedoch dem »Anonyma«-Stoff. Benedict Neuenfels' dekorative Ausleuchtung und Zbigniew Preisners sentimentale Illustrationsmusik setzen dem Ganzen trotz faszinierender Einzelepisoden kunstgewerbliche Lichter auf.

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