Kritik zu 50/50: Freunde fürs (Über)leben

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Die Generation der Nerds bringt nicht nur Superhelden hervor. Sie muss sich auch mit tödlichen Krankheiten wie Krebs auseinandersetzen wie in Jonathan Levines existenzieller Komödie über Fun und Schmerz

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Ein junger Mann joggt durch die Straßen von Seattle. Das ganze Leben scheint vor ihm zu liegen. Bei diesem Lauf merkt man: der Mann trainiert seinen Körper, er achtet auf seine Gesundheit, sogar die Verkehrsregeln beachtet er. Doch das Schicksal begegnet dem jungen Mann namens Adam mit bitterer Ironie. Bei ihm wird eine seltene Krebserkrankung festgestellt. Die Diagnose wirkt wie ein Schock und wie ein böser Witz zugleich. Adam soll verstoßen werden aus dem Paradies des Lebens, das er sich noch gar nicht erobert hat.

50/50: so stehen die Überlebenschancen von Adam, der von Joseph Gordon-Levitt gespielt wird als ruhiger, ernsthafter Typ, der im Medienbereich arbeitet, mit einer jungen Künstlerin liiert ist und eigentlich in allen Bereichen politisch korrekt lebt. In gewissem Sinne ist er ein typischer, intelligenter, weißer US-Mann, dessen Körper – und nicht nur der Körper – von innen heraus zu mutieren scheint.

Die Besetzung des Adam mit Gordon-Levitt ist ein Schlüssel zum Verständnis von Jonathan Levines Film, der auf der tatsächlichen Krankheitserfahrung des Drehbuchautors Will Reiser beruht. Gordon-Levitt war zu Beginn seiner Karriere ein Star des Queer cinema, seither erkundet er in Filmen wie »Hesher« die Grenzen der Normalität. Als Kranker wird Gordon-Levitts Adam zu einem Grenzgänger, zu einem versehrten Avantgardisten auf der Suche nach dem Anderen. Zu den schönsten melodramatischen Szenen des Films gehören jene, in denen er staunend die Krankenhaus-Maschinerie betrachtet und mit den anderen Chemo-Patienten zusammentrifft, einem tragikomischen Stammtisch des Todes. Adam könnte direkt aus einem groteskschmerzlichen Roman von Chuck Palahniuk stammen. Nicht umsonst spielt der Film zudem in Seattle, jener innovativen Stadt im Nordwesten der USA, die vielleicht eine letzte frontier darstellt. Krankheit bedeutet in »50/50: Freunde fürs (Über)leben«, wie so oft in Kino und Literatur, auch eine Chance, ein möglicherweise stagnierendes Leben zu überdenken.

Der Film spielt das Carpe-diem-Thema natürlich auf komödiantische Weise voll aus. Adams bester Freund, der nervöse und auch nervige Kyle, zelebriert von Super Nerd-Komiker Seth Rogen, der den Film auch koproduziert hat, sieht die Krankheit zuerst als Spiel, als ultimativen hangover. Der verzweifelt- hedonistische Hyper-Buddy, der im Grunde nur einsam ist und nur seinen Kumpel Adam liebt, drückt hemmungslos auf die Mitleidstour, um für sich und Adam Mädchen aufzureißen – nachdem er Adam davon überzeugt hat, seiner oberflächlichen Künstlerfreundin den Laufpass zu geben. Rogens Komik des leicht dicklichen, ewig verwegenen Jungen stößt hier an seine schmerzhafte Grenze. Denn was hat der arme Adam von der großen Party, wenn ihm infolge der Chemotherapie die Kräfte immer mehr schwinden und er allmählich seinem dünnen Windhund »Skeleton« gleicht?

Im Grunde wird der schwerkranke Adam zum Tröster all der Menschen in seiner Umgebung – eine abstruse Situation, wie sie das Genre der Komödie liebt. Er tröstet nicht nur indirekt seinen überkandidelten Kumpel Kyle, sondern auch seine überbesorgte Mutter, die von keiner Geringeren als Anjelica Huston gespielt wird. Und selbst seiner blutjungen Therapeutin Katherine, die ihn nach der Schockdiagnose und während der zermürbenden Behandlung seelisch unterstützten soll, gibt er Sicherheit und einen neuen Lebensimpuls. Er hilft ihr dabei, sich vom Müll ihres bisherigen Lebens zu befreien. Adam verliebt sich dabei in Katherine, der Jungensvorstellung von Unschuld und Wahrhaftigkeit. Die Therapie wird zur Traumerfüllung. Die Schöpfer des Films sind mit Sicherheit Seth Rogen und seine Bande von jungen, wilden Autoren und Produzenten wie Will Reiser, Evan Goldberg und Ben Karlin. Als Regisseur haben sie Jonathan Levine engagiert, der durch seinen Erstling »All the Boys Love Mandy Lane« aufgefallen ist, einem Slasherfilm über die Grausamkeit der Schönheit. Levine könnte folglich dafür mitverantwortlich sein, dass im doch oft vorhersehbarem Drama der Figuren eine Beziehung mit einer besonderen Heftigkeit geschildert wird: die wiederholte Verstoßung von Adams Ex, die von einer unglaublich schönen Bryce Dallas Howard gespielt wird. Selbst ihre abstrakten Gemälde werden von Adam und dem tumben Kyle noch zerstört. Kann Adams Neuordnung seines Lebens nur darin bestehen, ein kleines Liebesglück mit der braven Katherine anzustreben? Gewiss, »50/50: Freunde fürs (Über)leben« will kein realistisches Drama sein, auch kein europäisches Feelgoodkino, sondern ein handfestes Buddymovie. Doch im Spiel von Gordon-Levitt, in der irritierenden, fast schon sinnlichen Unversöhnlichkeit gegenüber der Ex liegt ein Potenzial, das der Film nicht ausnutzt: Andeutungen einer Beziehungsutopie im Angesicht des Todes.

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