Katz und Maus

»Katz und Maus« (1967). Quelle: Deutsche Kinemathek, © TRANSIT FILM GmbH

Walter Henn war verstorben, mit nur 31 Jahren: Er hätte eigentlich Regie führen sollen bei der Hansjügern Pohland-Produktion der Günter Grass-Novelle »Katz und Maus«. Nun übernahm Pohland, ebenfalls 31, auch die Inszenierung. Und Michael Klier, damals 21, filmte eine kleine Reportage über die Vorproduktion: Pohland bei Besprechungen, bei Locationsuche in Polen, am Telefon mit Grass, mit London, mit seiner Frau. Der Produzent Pohland gewähre dem Regisseur Pohland die Freiheit beim Filmen, die sonst nur ein Schriftsteller habe, erklärt Klier. Und dies sei einer der neuen Filme, die bisher weder Schule machten, abr auch noch nicht enttäuscht hätten.

»Katz und Maus« ist ein wahnsinnig flotter Film. Der Beginn wie eine Reportage, wilde Autofahrt nach Danzig mit einem erklärenden Kommentar, Reißschwenks, wilde Zooms auf Autoscheinwerfer, schnelle Schnitte zum Jazzsoundtrack. Wolfgang Neuss spielt Pilenz, der nach 20 Jahren zurückkehrt in die Stadt, die inzwischen Gdansk heißt. Und taucht buchstäblich in die Vergangenheit ein: Denn er – als älterer Herr – begibt sich in diese Geschichte aus den ersten Kriegsjahren, als er Mahlke kannte, den Mitschüler. Neuss spielt in der Rückblende, ein großartiger Einfall; zumal er einher geht mit verschiedenen ultramodernen Stil- und Spieltechniken. Mahlke mit seinem enormen Adamsapfel und seine paar Kumpels auf dem Sportplatz, diagonal kommt eine Katze daher, und in der Aufsicht sehen wir eingezeichnet das Dreieck Mahlke, Pilenz, Katze, die Kumpels lungern bewegungslos herum, die Katze greift den Adamsapfel. Beginn von Mahlkes Neurose. Und von seinem Aufstieg – eine Einblendung in der heroischen Frakturschrift des UFA-Films.

Vor dem Strand ein Kriegsschiff-Wrack, auf Grund gelaufen, Spielplatz für die Jungs und ein Mädel. Mahlke, eben erst hat er schwimmen gelernt, weiß alles über die Seeschlacht von Danzig, kennt jedes Schiff der polnischen Marine, er läuft zu Hochform auf, weil er in den Bauch des Wracks tauchen kann. Er ist ein Angeber, dabei stets sich selbst genug. Dazwischen bringt Pohland herrliche Gags: Einen kleinen Blechtrommler am Strand; die Berufswünsche der Klasse, bei denen nur Mahlkes Angabe, Clown werden zu wollen, nicht zu Gelächter reizt. Immer wieder erscheinen die Filmfiguren als Gelenkpuppen, reglos, meist dann, wenn Mahlke wieder was neuestreibt. Höhepunkte: Die sechs, sieben Schüler – mehr zeigt der Film nicht von dieser Schule – in der riesigen Aula, wie sie den Heldengeschichten gestandener Soldaten, Ex-Schüler mit Ritterkreuzauszeichnung, lauschen. Nicht unähnlich wie in »Der sanfte Lauf« macht sich Pohland über all die Quasselkasper mit ihrem hohlen Phrasen lustig: Die flotte Rede des Lufthelden, die flotte Rede des U-Boot-Kommandanten... Und die Floskel-Fragmente des Rektors...

Mahlke wird diesem Schmu aufsitzen. Ein Ritterkreuz würde seinen Adamsapfel verbergen, besser noch als die Mode von Bommelketten, die er an der Schule eingeführt hatte. Wird auch so daherreden, jetzt darf er protzig sein und großspurig, er hat ja nun Uniform...

Ein sehr witziger Film, hochironisch, dabei ganz so ernst wie er nur sein kann. Mahlke in zwei Altersstufen wird gespielt von Lars und Peter Brandt, Söhne des Damals-noch-nicht-Kanzlers Willy. Der auch noch keinen Nobelpreis hatte, ebensowenig wie Günter Grass.

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