Glorious Technicolor: Wings of the Morning

wings_of_the_morning.jpg

Die stolzen Zigeuner, die da am Waldesrand lagern – sie kriegen es alsbald mit der Royal Irish Constablery zu tun, die so schön grün auf ihren Pferdchen sitzen und der jungen, schönen Maria neckisch in die Wange kneifen. Ansonsten aber dieses Volk von Dieben vertreiben wollen aus der Gegend. Bis der Earl of Clontarf auftritt, schließlich ist das hier sein Land. Und Maria ist fast noch schöner als das edle Pferd, das dieser Roma-Stamm mit sich führt. Kurzehand wird verliebt und geheiratet, zum Unmut der strengen viktorianischen Gesellschaft, die sich kräftig lustig machen über die Unbeholfenheit Marias im vornehmen Umgang.

 

Soweit der Prolog von Wings of the Morning (deutscher Verleihtitel: Zigeunerprinzessin), dem ersten britischen Technicolor-Film von 1936, in dem Regisseur Harold D. Schuster die irische Nobilität dem lustigen Zigeunerleben gegenübersetzt. Farbberaterin war Natalie Kalmus, geschiedene Ehefrau des Technicolor-Gründers Herbert T. Kalmus und dessen wic htigste Mitarbeiterin, was das Durchsetzen der Farb-Ästhetik in Hollywood und auf der ganzen Welt betrifft. Natürlich und unauffällig soll die Farbgebung wirken, auf keinen Fall störend die Handlungsführung überlagern – was natürlich nicht bedeutet, dass keine auffälligen Akzente gesetzt werden, dass nicht kräftig stilisiert würde. Jeder Farbtupfer wurde penibel geplant und auf die anderen Farben in der Szenerie abgestimmt, das war die Aufgabe der Natalie-Kalmus-Abteilung. Und natürlich liebt Technicolor gerade deshalb die Exotik: Weil dann die Farbe im überbordenden Rausch verwendet werden darf. Zigeuner, Indianer, Mexikaner, Spanier, Piraten  - alles ist willkommen; dokumentarische Authentizität ist nicht zu erwarten.

 

Interessant an Wings of the Morning ist, dass der Exotismus, der diesem Film wie so vielen anderen aus der Glorious-Technicolor-Retrospektive eigen ist, aus heutiger Sicht nicht so sehr das dargestellte Leben des Zigeunerstammes betrifft, sondern die bizarren moralischen Skrupel und gesellschaftlichen Regeln, nach denen nicht nur die britische High Society lebt. Der Film spielt nach dem Prolog im zeitgenössischen Heute, während des spanischen Bürgerkriegs – dorthin hatte sich Maria mit ihrer Familie geflüchtet, als ihr Ehemann, der Earl, unglücklich verstorben und sie, die Witwe, schnurstracks aus dem Schloss und der Gesellschaft hinauskomplimentiert worden war. Nun geht es aus den Kriegswirren wieder zurück nach Irland. Aus Maria ist eine alte Frau geworden, ihre Urenkelin Marie freilich ist adrett und fesch (und blond).

Und sie ist als Junge verkleidet, so kam sie aus dem spanischen Chaos heraus, kurze Haare, adretter Anzug, und sie geht als „lad“ durch. Was Anlass gibt zu diversen Männlichkeitsspielereien, von Schulterklopfen bis Arschtritten im freundlich-ruppigen Umgang. Katalysator ist der edle Hengst „Wings of the Morning“, Besitztum der Zigeuner und von großem Interesse für Kerry, einem kanadischen Pferdetrainer, den Henry Fonda spielt. Wenn er in der Badewanne sitzt und Marie – Pardon: der junge Duke, als den sie sich ausgibt – wahnsinnig peinlich berührt ihm ein Handtuch reichen muss, verschämt aus dem Zimmer springt, als er aufzustehen sich anschickt – das ist witzig inszeniert; und nimmt zugleich die prüde Schamhaftigkeit einer alles durchdringenden Moral bierernst. Sie läuft die Treppe hinunter, um auf Sir Valentin zu treffen, der damals, als Jugendlicher, ihre Uroma Maria angehimmelt hatte, und er bietet ihr – also ihm – eine Zigarre an. Zigarre: Das  ist der ultimative Ausweis der Männlichkeit, nicht nur wegen der Form, sondern auch wegen des Geschmacks, den anscheinend keine Frau ertragen könnte. Siehe Schünzels Viktor und Viktoria, wo das Anbieten einer Zigarre zum Test der Männlichkeit verwendet wird... Später stecken Marie und Kerry in einem Stall fest, über Nacht, und welche Skrupel sie hat... Zumal, wenn dann auch noch eine Maus auftaucht – das ist dann der ultimative Ausweis von Weiblichkeit, beim Anblick eines kleinen grauen Nagers zu kreischen.

 

Moral und Genderspiele – auf eine ganz andere Art wie in Anne of the Indies – bestimmen den weiteren Verlauf des Films; wobei die Frage von Maskulinität in der Person von Marie alsbald geklärt wird, weil die Episode, sich als Junge auszugeben, schnell beendet ist. Die war nämlich nur dazu angetan, auf eine große Szene hinauszulaufen: Wenn sie sich in ihrer ganzen Weiblichkeit präsentiert. Ein Fest für Kostümbildner René Hubert, der sie zuerst in feiner Frisur in ein edles hellblaues Kleid steckt, doch das ist nicht genug: In der nächsten Szene – in der Henry Fonda zunächst, ohne sie wirklich gesehen zu haben, diese Zigeunerprinzessin rundweg ablehnt – schreitet sie in rot mit Glitzerschnallen die Treppe hinunter. In diesem Moment ist die Liebe etabliert, die durch dieses Märchen getragen wird.

Dass ein Telegramm Gefahr androht: weil Don Diego, Maries Verlobter aus Spanien, anreisen wird; dass sie eben deshalb zögert und zögert, mit ihrem Traumprinzen die Verbindung einzugehen – das ist natürlich nur eingebaut, um auf eine abendfüllende Länge zu kommen.

Das Bizarre, die Fremdheit dieses Filmes für den heutigen Zuschauer aber ist auch noch nicht vorbei: Weil ein großes Pferderennen in Epsom ansteht, der Hengst Wings of the Morning soll natürlich antreten, und auf seltsame Art und Weise ist der Ausgang des Rennens mit dem Glück Maries verbunden: Wenn das richtige Pferd gewinnt, dann wird sie Don Diego heiraten. Drama pur – zumal es diese alte Regel in Epsom gibt, dass der Besitzer des Siegerpferdes zum Zeitpunkt der Preisverleihung am Leben sein muss. „Wings of the Morning“ freilich gehört der alten, schwachen Uroma Maria, und der geht es gar nicht gut...

Aus diesen bizarren Regeln und innerfilmischen Gesetzlichkeiten, die dazu dienen, das Drama zu erhöhen und das schlussendliche Happy End hinauszuzögern, ihm aber auch die nötige Fallhöhe zu verleihen; all diese seltsam fremden Traditionen und Verhaltensmaßregeln führen dann – um das Farbverfahren noch einmal richtig auszunutzen – inmitten des Trubels der Pferderennbahn zu einem sensationellen Einzug der Zigeunerwagen, mit Klang und Schalle – und auf wunderbare Weise ist der Exotismus, den wir gegenüber dem Film empfinden, und der Exotismus, den der Film darstellen will, miteinander verschmolzen und versöhnt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt