Kritik zu Seefeuer

Trailer OmU © Weltkino

Getrennte Welten: Gianfranco Rosis Berlinale-Gewinner verschränkt den beschaulichen Alltag der Bewohner Lampedusas mit dem Sterben und Überleben von Flüchtlingen an den Rändern der Insel. Ein ruhiger Film über entsetzliche Zustände

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Es sind nicht die großen Katastrophen, die »Seefeuer« zeigt, nicht die Ereignisse, die es in die Nachrichten schaffen, wie etwa jener Untergang eines Flüchtlingsbootes, bei dem im Oktober 2013 fast 400 Menschen ums Leben kamen. Aus den Nachrichten ist die zwischen Tunesien und Sizilien gelegene Insel Lampedusa sowieso längst verschwunden. Und doch kommen dort nach wie vor Boote mit Flüchtlingen an. Wenn sie denn ankommen.

Der gespenstische Kontrast zwischen den täglichen Tragödien vor der Küste und dem davon unberührten Alltag der Insulaner bestimmt die Atmosphäre von Gianfranco Rosis Film. Der Dokumentarfilmer, bekannt geworden durch sein Auftragskillerporträt »El Sicario, Room 164« und »Sacro GRA – Das andere Rom« über das Leben an Roms Ring­autobahn, hatte zunächst den Auftrag für einen Kurzfilm erhalten, verbrachte dann aber ein ganzes Jahr auf Lampedusa, filmte mit minimaler Technik und führte selbst die Kamera.

Dem Rhythmus des Insellebens folgend, das seit jeher vom Meer und all dem bestimmt wurde, was es brachte, beobachtet Rosi mit großer Ruhe, in langen Einstellungen und kommentarlos das Leben einiger Bewohner unter dem oft wolkenverhangenen Himmel. Da ist ein Taucher auf der Suche nach Seeigeln, ein Radio-DJ, der auf Hörerwunsch Schlager und Volkslieder spielt, eine alternde Hausfrau und Oma, ein Arzt, der Insulaner wie auch Flüchtlinge behandelt. Vor allem aber konzentriert sich die Erzählung auf den zwölfjährigen Samuele, Sohn einer Fischerfamilie. Der Kleine weiß sich selbst zu inszenieren, ob er einem Freund zeigt, wie man eine gute Steinschleuder baut (dafür braucht es »passione«), gemeinsam mit ihm Kakteen zerschießt, beim Essen mit der Familie lautstark seine Spaghetti einschlürft oder sich seine Seekrankheit durch Übungseinheiten zu Wasser und auf einem Hafenkai abzutrainieren versucht. Denn wie soll er Fischer werden, wenn ihm bei etwas Seegang speiübel wird? Metaphorische Dimensionen erhält diese Hauptfigur durch ein Augenleiden. Der Dottore diagnostiziert ein in seiner Sehkraft eklatant beeinträchtigtes »träges« Auge – ein fast schon überdeutliches Bild für die Blindheit Europas gegenüber dem Elend an seinen Grenzen.

Nur spärliche Berührungspunkte scheint es zwischen diesen Alltagsszenen und alternierend montierten Aufnahmen von Rettungsaktionen und Aufnahmeprozeduren von Flüchtlingen vor der Küste zu geben. Auch dieser Kontrast zweier Parallelwelten in unmittelbarer Nachbarschaft wird zu einer großen, bedrückenden Metapher für den Abgrund, der sich am Rande unseres wohlgeordneten europäischen Alltags auftut. Das Sterben und Überleben von so vielen Tausend Menschen spielt sich gewissermaßen vor der Haustür ab und scheint doch unendlich weit entfernt.

Rosi zeigt Radaranlagen, Marineschiffe und Helikopter auf der Suche nach Flüchtlingsbooten. Auf der Tonspur Funksprüche, dramatische Hilferufe, erwidert von Nachfragen: »Your position, please?« Der mons­trös wirkende technische Apparat der Marine weckt kriegerische Assoziationen, wie jenes sizilianische Lied über den Krieg zur See, das dem Film den Titel gab: »Fuocoammare« steht hier sowohl für das »brennende Meer« wie für das rettende Signal der Leuchttürme. Mit der gleichen Ruhe wie die Lampedusianer zeigt er auch die Menschen, die von der Marine aufgenommen werden, erleichterte, erschöpfte, manchmal auch sichtlich traumatisierte Gestalten, in Goldfolie gehüllt, oft in Nah- und Großaufnahmen. Es sind andere Bilder als jene, die wir aus dem Fernsehen kennen. Und obwohl wir keinem Flüchtling so nah kommen wie den Insulanern – was auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Ankömmlinge nur sehr kurze Zeit auf Lampedusa verbringen –, zeigt der Film nicht einfach anonyme Massen. Jenseits des gleichmacherischen Etiketts »Flüchtling« werden die Gesichter von Individuen erkennbar. So beobachtet Rosi auch ein Fußballmatch in einem Auffanglager – eine wichtige Szene, da sie die Geretteten in einem Kontext von Spiel und Freude darstellt, in dem sie weder Opfer der Politik noch Objekte von Rettung und Registrierung sind. »Seefeuer« erspart dem Zuschauer aber auch nicht die grauenhaften Seiten seines Themas: mit dem Tod ringende Menschen, ihre verzweifelten Angehörigen, die Leichensäcke, ein Schiffsraum voller Toter. Es sind schwer zu ertragende Bilder, die freilich ebenso zwingend in diesen Film gehören.

Bei einigen Aufnahmen von Menschen in Ausnahmezuständen fragt man sich unwillkürlich, ob Rosi ihr Einverständnis erfragt hat oder ob er – vergleichbar der journalistischen Arbeit in Kriegsgebieten – die Zeugenschaft der Kamera als legitim voraussetzte. Auch andere Passagen provozieren Fragen. In manchen der lampedusischen Alltagsszenen irritiert beispielsweise die allzu inszeniert wirkende Akkuratesse von Kadrierung, Kamerabewegung und Dialog.

Dennoch ist »Seefeuer« ein Werk von bewegender Intensität und verkauft sein Sujet nie an den Effekt poetischer Verdichtung. Sein Humanismus kristallisiert sich in zwei zentralen Szenen heraus, die bekenntnishaft die beiden Parallelwelten des Films verkörpern: In der einen skandiert ein afrikanischer Flüchtling in einer Art Sprechgesang, fast rituell anmutend, die Geschichte seines langen Wegs durch die Wüste und übers Meer, beklagt den Verlust von Freunden und Weggefährten. In der anderen erzählt der Inselarzt von dem unfassbaren Leid, mit dem er täglich konfrontiert ist – ein Bericht, der zu einem aufwühlenden Appell an die Menschlichkeit wird.

Es ist die einzige Passage, die den Skandal der »Festung Europa« direkt adressiert. Den politischen Kontext lässt Rosi außen vor, ebenso wie jeden aktivistischen Impetus, der derzeit so manchen Dokumentarfilm antreibt. »Seefeuer« ist daher auch nicht »der Film zur Flüchtlingskrise«, sondern eine künstlerische Befragung unserer Mitmenschlichkeit, unserer Aufmerksamkeit im Angesicht unermesslichen Leids an den Rändern unserer Wahrnehmung. Das nimmt dem Film aber nichts von seiner politischen Tragweite und Dringlichkeit.

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