Starz: »It's a Sin«

»It's a Sin« (Miniserie, 2021). © HBO Max

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Es war Pandemie

Mit zeitlichem Abstand sieht man Zusammenhänge oft klarer, als wenn man mittendrin steckt. Das führt im Rückblick oft zu einem ausgewogeneren Urteil, nicht selten aber auch zu einer gewissen Überheblichkeit später Geborener, die sich sehr sicher sind, dass sie in einer bestimmten Situation ganz anders gehandelt hätten als die damals Beteiligten. Das gilt für Solidarität gegen Diskriminierungen und Widerstand in Diktaturen, aber auch bei Pandemien. Russell T. Davies, mit inzwischen 57 Jahren und zahlreichen Produktionen von »Queer As Folk«, »Doctor Who« bis »Cucumber«, »A Very English Scandal« und »Years and Years« einer der wichtigsten britischen Serienmacher, brauchte mehr als drei Dekaden, bis er es wagte, die globale Aidskatastrophe, die er in jungen Jahren selbst miterlebte, zum Thema einer Serie zu machen.

Die Miniserie »It's a Sin« schubst ihr Publikum mitten hinein in das pulsierende London der frühen achtziger Jahre und begleitet das Leben einer Handvoll schwuler Freunde, erzählt von ihren Hoffnungen und Träumen, den wilden Partys und dem Sex, dem Suchen und Finden ihrer Identitäten – und wie all das bald überschattet wird von einer ominösen neuen Krankheit, die vor allem homosexuelle Männer zu betreffen scheint. Davies blickt nicht besserwisserisch auf diese Jahre, sondern lässt uns eintauchen in eine Ära zwischen Euphorie und Todesangst, erinnert daran, wie unterschiedlich Betroffene damals auf die unheilbare Krankheit reagierten, mit Panik oder totaler Verdrängung, aber auch mit Resilienz und selbstloser Solidarität.

Er betitelte seine Miniserie sehr treffend nach dem Pet-Shop-Boys-Song von 1987, der wie zahlreiche weitere queere Discohits von Erasure, Soft Cell und Bronski Beat mal ironisch, mal kämpferisch vom »sündigen« Leben, von Diskriminierung und schwulem Stolz in der Thatcher-Ära erzählt. Differenziert, bewegend und hochkomisch blättert die Serie über mehrere Jahre den Alltag einer queeren Wohngemeinschaft auf, die zur Wahlfamilie wird, wo die leiblichen Angehörigen ihre Kinder verstoßen.

Das eigentliche Zentrum der Gruppe ist Jill (Lydia West), die zugleich als Identifikationsfigur in diese Welt einführt und erstaunliche Empathie und Reife angesichts einer ausweglos scheinenden Situation beweist. Sie basiert auf Davies' Jugendfreundin Jill Nalder, die ebenfalls in den Achtzigern nach London zog, um Schauspielerin zu werden, in einer Wahlfamilie aus Gays und Dragqueens lebte, die ihre Freunde sterben sah, in Krankenhäuser, zu Beerdigungen und Protestmärschen ging. In der Serie spielt sie nun Jills Mutter. Überhaupt ist die Serie großartig besetzt mit Nachwuchsschauspielern wie Omari Douglas und Callum Scott Howells, dem Popstar Olly Alexander sowie US-Serienstar Neil Patrick Harris in einer prägnanten Nebenrolle. Eine besonders hübsche Idee ist dabei der Auftritt des schwulen Schauspielers und Schriftstellers Stephen Fry als bigotter Tory-Politiker.

Ähnlich wie Robin Campillos französisches Act-up-Aktivistendrama »120 BPM« (2017) zeigt »It's a Sin« unverblümt, wie Ignoranz, Falschinformationen und offene Homophobie sowohl in der Regierung als auch in der Bevölkerung dazu führten, dass aus einem Virus eine Pandemie wurde, an der Millionen Menschen gestorben sind. So präzise Zeit- und Lokalkolorit getroffen sind, es geht der Serie weniger um dokumentarischen Realismus und historische Details als um die Rehabilitation einer verlorenen Generation im kollektiven Bewusstsein.

Konzipiert wurde die Serie vor Corona, aber sie nun zu sehen, inmitten einer Pandemie, in der im Rekordtempo Impfstoffe entwickelt und distribuiert wurden, macht umso schmerzhafter deutlich, wie wenig damals getan wurde für die Aidsforschung. Die Betroffenen, vorrangig Schwule, Prostituierte und Drogenabhängige, waren es den Regierungen schlicht nicht wert. Menschen verreckten zu Hunderttausenden. Viele Familien verschwiegen aus Scham die wahre Todesursache ihrer Söhne, bis heute. »It's a Sin« macht traurig und wütend. Gut so.

OV-Trailer

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