DVD-Tipp: Konrad Wolf Spielfilm-Box

»Der geteilte Himmel« (1964)

»Der geteilte Himmel« (1964)

Bekanntes und Unbekanntes

Konrad Wolf blieb immer ein relativ untypischer DDR-Bürger, der den Großteil seiner Kindheit und Jugend in der Sowjetunion verbrachte. Sein Vater Friedrich Wolf war ein bekannter Schriftsteller, sein Bruder Markus Wolf wurde später der Leiter der DDR-Auslandsspionage. Konrad Wolf war bis zu seinem frühen Tod 1982 immer ein überzeugter Kommunist, aber nicht immer linientreu. Er zeigte die DDR in Filmen wie »Solo Sunny« oder »Der geteilte Himmel« mitunter sehr ungeschminkt.

Letzteren drehte Wolf 1964, zwei Jahre bevor fast eine gesamte Jahresproduktion der DEFA verboten wurde. Ihm gelang mit der Verfilmung von Christa Wolfs Roman einer der besten, formal eigenwilligsten und kritischsten DEFA-Filme überhaupt. Erzählt wird die Geschichte von Rita (Renate Blume), einer jungen Frau, deren Freund Manfred sich noch vor dem Mauerbau in den Westen absetzt, auch weil er an der DDR verzweifelt. Konrad Wolf schuf eindringliche Bilder in Schwarz-Weiß, mitunter sehr symbolträchtig und nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln. Die Handlung wird nicht linear erzählt, sondern mit vielen Einschüben, Rückblenden und Traumszenen. Besonders beeindruckend ist aber Eberhard Esche, der den zweifelndenManfred an der Seite von Rita spielt.

Wolfs zweiter Alltagsfilm ist dann auch sein letzter: »Solo Sunny«. Es ist das Werk, mit dem er auch im Westen Deutschlands bekannt wurde. Konrad Wolf und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase rücken den DDRAlltag einer nicht sonderlich erfolgreichen Sängerin in den Vordergrund, die durch die Republik tingelt. Sie spielt auf Betriebsveranstaltungen vor zunehmend betrunkenen Männern, weiß sich aber gut zu wehren, führt ein unkonventionelles Privatleben, und der Film zeigt den Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg, wie er 1980 aussah. Das hat fast etwas vom italienischen Neorealismus.

Warum Konrad Wolf trotz Filmen wie »Ich war 19«, »Sonnensucher« oder »Goya« international kaum bekannt wurde, lässt sich nur mit dem Kalten Krieg, einem gewissen Desinteresse an DDR-Filmkunst und der Unfähigkeit der DEFA, die eigenen Werke im Westen erfolgreich zu vermarkten, erklären. Es gibt im Frühwerk von Konrad Wolf eine Ausnahme: Sterne, der in Cannes 1959 den Sonderpreis erhielt und die unmögliche Liebe einer jüdischen Zwangsarbeiterin und eines deutschen Unteroffiziers 1943 in einem Dorf in Bulgarien behandelt. Es ist einer der schönsten Filme Konrad Wolfs, weil er mehr humanistisch denn ideologisch ist.

Das Verdienst dieser DVD-Box ist jedoch, ebenso unbekanntere Filme zu veröffentlichen, auch einige schwächere Arbeiten aus dem Frühwerk, die dennoch hochinteressant sind wie sein sozialistisches Erbauungsmuscial »Einmal ist keinmal« (1954), das die Abenteuer eines westdeutschen Musikers im wilden Osten (Thüringen) erzählt. Richtig sehenswert ist das Nachkriegsdrama »Genesung« (1956) mit dem noch jungen Wolfgang Kieling. Die größte Überraschung ist jedoch die Verfilmung von »Der kleine Prinz« aus dem Jahr 1966. Dieser fast unbekannte Film ist sehr stilisiert, im Studio gedreht, formal das Radikalste und Gewagteste, was Wolf gedreht hat, und einer seiner wenigen Farbfilme bis dahin. Weil sich die DEFA aber nicht um die Rechte gekümmert hatte, konnte der Film nie in den Kinos laufen und wurde erst 1972 einmal im DDRFernsehen ausgestrahlt.

Neben der guten Bild- und Tonqualität punktet diese sehr gelungene Box vor allem mit ausführlichem Bonusmaterial. Besonders zu empfehlen ist ein TV-Auftritt des spröden Regisseurs beim Dampfplauderer Heinz Florian Oertel. Wolf gibt zunächst zu: »Öffentliche Auftritte verursachen bei mir Pein.« Dann erzählt er doch eine schöne Anekdote: Er hatte sich in Moskau an der WGIK beworben, weil er nichts »Wissenschaftliches « studieren wollte und nie damit gerechnet hatte, aufgenommen zu werden.

14 DVDs
Extras: Booklet, Interviews
Anbieter: Icestorm Entertainment


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