Wonder Woman – Geschichte einer Superheldin

»Wonder Woman« (2020). © Warner Bros. Pictures

»Wonder Woman« (2020). © Warner Bros. Pictures

Wonder Woman trotzt Corona: Im Dezember läuft in den USA der neue Film an. Die Frau war schon immer taff. Über die wilde Frühgeschichte der Superheldin mit dem Lasso

Große Gaia, hat das gedauert! Superman fand schon in den 70er Jahren den Weg auf die Leinwand, Batman folgte in den Achtzigern. Seither ist der »Superhelden-Film« regelrecht explodiert: das Leitgenre des Blockbusterkinos in unserem Jahrtausend. Aber bevor die in der »Fast and Furious«-Serie gestählte Gal Gadot 2017 unter der Regie von Patty Jenkins als »Wonder Woman« auf den Plan trat, waren Versuche, Solo-Superheldinnen im Blockbustersegment zu etablieren – »Catwoman«, »Elektra« –, nicht nachhaltig gewesen. Als »Wonder Woman« herauskam, hat es vielleicht geholfen, dass die Erwartungen nicht hoch waren. Zack Snyders Brutalismus hatte die Kinoproduktion der Firma DC in eine Sackgasse manövriert, und das Projekt hatte eine Menge gescheiterter Konzepte, geplatzter Deals und »kreativer Differenzen« hinter sich. Das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen um den Superheldinnen-Film waren ein internationales Einspielergebnis von 800 Millionen Dollar, größtenteils hingerissene Kritiken und die Aussicht auf mindestens zwei Fortsetzungen. Tatsächlich ist »Wonder Woman« einer der besser erzählten und visuell geschmackvolleren Beiträge im unberechenbaren DC-Portfolio, mit triumphalen Actionszenen und einer Hauptdarstellerin, die ihre göttliche Schönheit durch eine Art gutmütige Ironie erdet.

Aber ist sie wirklich die Wonder Woman, die sie sein könnte? 

Heldinnen sind im Geschäft, seit es Superhelden-Comics gibt, wenn sie auch oft als line extensions – Supergirl, Spider-Woman – ­oder Teamarbeiterinnen auftreten. Und einige von ihnen sind regelrechte Game Changer, neben denen der mächtige Hulk blass aussieht. Jean Grey in ihrer Mutation zum »Dark Phoenix« und Carol Danvers aka »Captain Marvel«, beide 2019 ins Kino gekommen, verfügten schon in den Heftserien der großen Marvel-Ära über kosmischen Wumms – so wirkungsvoll, dass Captain Marvel kurz nach ihrem ersten Auftritt für den Avengers-Ensemblefilm »Endgame« wieder aus dem Spiel genommen werden musste, denn sie hätte die epische Schlacht gegen Thanos unziemlich verkürzen können. 

»Captain Marvel« (2019). © Walt Disney

In dieser Liga außergewöhnlicher Damen ist Wonder Woman die älteste, populärste und schillerndste Erscheinung, eine Mischung aus Nationalheldin, feministischer Ikone und Bondage Girl, aufgeblüht in einer der Nischen, die sich in der Kulturindustrie immer mal wieder eröffnen – wenn neue Medien und Genres entstehen, die erst erprobt und formalisiert werden müssen. Im Unterschied zu den meisten ihrer Kollegen hat Wonder Woman keine tragische oder gar katastrophische Origin Story. Als sie 1941, am Beginn der Superhelden-Ära, bei dem später in DC Comics aufgegangenen Verlag All American Comics ihre Karriere startete, war sie ein Kind der Liebe, aus Lehm geknetet und zum Leben erweckt von zwei Frauen – einer Amazonenkönigin und der Göttin Aphrodite –, aufgewachsen in einer Art utopischem Matriarchat, das seine sportiven, umfassend gebildeten und auch technisch-wissenschaftlich versierten Töchter zur freien Entfaltung ihrer Kräfte ermunterte und von Beziehungen zum Gegengeschlecht abriet. Denn die Amazonen hatten keine guten Erfahrungen mit Männern gemacht. Die auffälligen Armschienen, die Wonder Woman bis heute trägt, waren eine Erinnerung an die Versklavung des Weibervolks durch den Halbgott Herkules, der die ihm eigentlich überlegene Amazonenherrscherin Hippolyte schlicht ausgetrickst hatte. 

Die Fesseln der Sklaverei wurden von den Amazonen zur Waffe umgeschmiedet: Sie reflektieren Kugeln, im Kinofilm sogar höchst eindrucksvoll Granaten. Aber sie haben auch etwas Fetischistisches, lassen sich jederzeit wieder in Fesseln verwandeln – im Comic waren sie Wonder Womans schwache Stelle. Sie erzählen zugleich von Selbst­ermächtigung und Unterwerfung. Und in diesem Spannungsfeld bewegt sich die verrückte Entstehungsgeschichte der Figur. Wonder Womans Schöpfer William Moulton Marston war Psychologe, Entwickler des Lügendetektors, Schöpfer eigentümlicher Theorien über den menschlichen Gefühlshaushalt und das Geschlechterverhältnis, polyamourös und dem BDSM-Spektrum zugeneigt. Seine Ehefrau Elizabeth Holloway Marston, ebenfalls Wissenschaftlerin, arbeitete an seinen Projekten mit und gab wohl die entscheidende Vorlage für die Heftserie, die Marston angetragen wurde, nachdem er sich in einem Interview zum erzieherischen Potenzial der Comics geäußert hatte: Wenn schon Superheld, dann bitte eine Frau. Die Dritte im Bund war Olive Byrne, eine Studentin Marstons, die auf eine berufliche Laufbahn verzichtete, um die vier Kinder der Lebensgemeinschaft zu betreuen und den Haushalt zu managen. Von Byrne kam die Inspiration für Wonder Womans Armschienen und ihre ungewöhnliche Gefolgschaft, die »Holliday Girls«: Eine College-Schwesternschaft, die Neuzugänge mit dem Paddle auf Linie bringt und sich grölend in jede Superheldinnen-Schlacht wirft. Byrnes Herkunft liefert im Übrigen den direkten Link zur frühen Frauenbewegung: Sie war die Tochter von Ethel Byrne und Nichte von Margaret Sanger, die die erste Klinik für Geburtenkontrolle in den USA eröffneten.

»Professor Marston and the Wonder Women« (2017). © Sony Pictures

Die Beschreibungen des damals extrem unkonventionellen Arrangements variieren. In Jill Lepores 2014 erschienener, umfassender Recherche »The Secret History of Wonder Woman« erscheint Marston als Egozentriker, der seine Partnerinnen auch unter Druck setzte; anhand von Fotografien hat Lepore eine weitere Geliebte ermittelt. Am anderen Ende des Spektrums bewegt sich Angela Robinsons Film »Professor Marston and the Wonder Women«, der die Comicfigur als Ausdruck einer transgressiven, auch queeren, in jedem Fall zärtlich-respektvollen Beziehungsdynamik feiert und vielleicht am besten als Fanfiction gelesen werden kann. In der Schilderung von Marstons Enkelin Christie, die sich nachträglich gegen Robinsons Darstellung verwahrte, stellt sich das Familienleben der Marston-Byrnes eher undramatisch dar.

Marstons Frauen waren Feministinnen, Freigeister und jede auf ihre Art am Projekt »Wonder Woman« beteiligt, das ausdrücklich als Gegenentwurf zur männlich dominierten Comic-Kultur gedacht war. Die von Marston selbst propagierte Variante des battle of the sexes wurzelt allerdings im traditionellen Geschlechterdualismus, der die »weichen«, sozialen Qualitäten den Frauen zuschreibt, die Aggression den Männern. Daher seine steile These: dass die Welt, die seinerzeit auf einen zweiten Jahrhundertkrieg zusteuerte, nur durch die Frauen gerettet werden könne – die »Soldatinnen Aphrodites, die Göttinnen der Liebe und Schönheit . . . die einzige Armee, der Männer sich freiwillig ergeben«. Wonder Womans Lasso, das im Lauf der Zeit zu einer Art mobilem Lügendetektor herunterkam und im Film Qualen verursacht, war ursprünglich das Symbol dieser weiblichen »Bindungskraft« und verlieh umfassendere Macht – der Gefesselte musste jedem Befehl folgen. 

»Wonder Woman« (2017). © Warner Bros. Pictures

Dass das Ganze nicht so lächerlich ist, wie es sich in der Kurzfassung liest, kann man an den von Marston (als Charles Moulton) geschriebenen und von H.G. Peter gezeichneten Comics sehen. Die Amazonenprinzessin von der verwunschenen Insel Themyscira hat offiziell den Auftrag, die amerikanische Demokratie zum Sieg im Zweiten Weltkrieg zu führen; anfangs ist sie vor allem mit »Antifa« beschäftigt. Aber anders als Superman und Batman geht Wonder Woman auch an die Basis, als Vertreterin eines New Deals, der auf die Verbesserung der sozialen Lage von Frauen zielt: So vereitelt sie etwa Preismanipulationen bei Grundnahrungsmitteln (Milch), erstreitet Lohnsteigerungen im Dienstleistungssektor (Kaufhausangestellte) und kämpft für Bildungsgerechtigkeit. Auf ihren nominellen Love Interest, den angeblich brillanten Geheimdienstoffizier Steve Trevor, kann sie dabei nicht setzen. Der wird mit schöner Regelmäßigkeit am Anfang jeder Aktion ausgeknockt und muss gerettet werden, gern im Hochzeits-Stil, also getragen von den starken Armen seines »Engels« – eine glatte Umkehrung des alten damsel in dis­tress-Motivs. Typisch für die frühe Wonder Woman ist ihre Fähigkeit, Frauenbündnisse zu schmieden – nicht nur mit den Holliday Girls und ihrer vitalen Anführerin Etta Candy, sondern sogar mit üblen Schurkinnen. Ein Motto der Amazonen lautet: »Don't kill if you can wound, don't wound if you can subdue, don't subdue if you can pacify, and don't raise your hand at all until you've first extended it.« – »Töte nicht, wenn du verwunden kannst, verwunde nicht, wenn du unterwerfen kannst, unterwirf nicht, wenn du befrieden kannst, und erhebe die Hand nie, bevor du sie ausgestreckt hast.«

Wenn Superhelden-Comics indes nur moralische Geschichten wären, die von der Besserung der Welt erzählen, würden sich nicht so viele Leute dafür interessieren. Im Untergrund des Genres wirken libidinöse Energien, mehr oder weniger dunkle Triebe – je nachdem, was gerade gesellschaftliche Norm ist. Wozu all diese Geheimidentitäten, Masken und fetischistischen Accessoires? Was treiben Batman und Robin in der Bat-Höhle, was verbirgt sich hinter Supermans fast sadistischem Umgang mit den Frauen in seiner Umgebung? Im Fall von Wonder Woman haben wir es kaum noch mit »Sub-Text« zu tun – die Frau ist die zertifizierte Bondage Queen des Comics. Superhelden werden immer mal gefangengenommen und gefesselt, das ist Berufsrisiko. Aber die Wonder Woman der Marston-Ära toppt alle, wie Tim Hanley in »Wonder Woman Unbound« umfassend nachweist; allein in Heft 10 zeigt eins von fünf Panels sie in irgendeiner Weise gebunden. Und nicht nur sie: Auch die anderen Figuren werden auf die fantasievollsten Arten verschnürt, in Ketten gelegt und geknebelt, oft von Wonder Woman selbst, was in den ersten zehn Ausgaben einen regelmäßigen Bondage-Anteil zwischen 20 und 40 Prozent ergibt. Die meisten Opfer finden das überhaupt nicht lustig, und die Verliebtheit der Comics ins quälende Detail hat etwas Dubioses. Wonder Woman aber ist nicht zu halten – es ist, als könne man nicht oft genug zeigen, wie eine Frau ihre Ketten sprengt. Bei den Amazonen schließlich, unter Gleichen, gehören Fesselspiele zum Alltag, sind sie Teil von Initiationsriten und Festen, können sie genossen werden. Auch die Prinzessin unterwirft sich da gern: »Bind me as tight as you can, girls«. In der Differenzierung der Szenarien könnte man Wonder Woman als Pionierin des modernen Verständnisses von BDSM betrachten: von »Dominance/Discipline« und »Submission« als einer anspruchsvollen Sex- und Beziehungspraxis, die nur auf der Basis von Verhandlungen, von genauen Absprachen, funktioniert. Und, nein, die grotesk überzeichneten oder inszenierten Porno-Pin-ups, auf die man stößt, wenn man »Wonder Woman« und »Bondage« googelt, sind hier nicht der Maßstab.

»Der zügellose Fetischismus in den Wonder Woman-Comics kompliziert ihre Botschaft, untergräbt sie aber nicht«, resümiert Tim Hanley. Jedenfalls waren die Comics des »Golden Age« ein Erfolg auch bei der neuen Zielgruppe, den Mädchen, und es sind keine Befunde über eine sozialethische oder sexuelle Desorientierung der Leserinnen überliefert. Wie alle langlebigen Superhelden hat Wonder Woman unter wechselnden Autoren und Zeichnern Höhen und Tiefen erlebt, war sie dem Wandel der Moden und Sitten unterworfen. In den Fünfzigern wurde sie in den allgemeinen sexualpolitischen Backlash eingebunden – plötzlich wollte sie Steve, den sie zuvor unter Verweis auf den Amazonen-Kodex auf Distanz gehalten hatte, eine gute Frau sein. Sie war Mitgründerin von DCs Justice League; irgendwann betrieb sie, ihrer übernatürlichen Kräfte beraubt, eine Boutique und musste sich mit Martial Arts in Form bringen. 

In den Siebzigern startete die Feministin Gloria Steinem eine Kampagne zur »Rettung« der Figur und hievte sie aufs Cover der ersten Ausgabe ihres »Ms.«-Magazins: »Wonder Woman for President«. Einigermaßen kämpferisch war auch die erste Staffel der populären »Wonder Woman«-Fernsehserie mit Lynda Carter, die von 1975 bis 79 lief und eine stets gutgelaunte Heldin zwischen bizarren Nazis und tapferen, aber überforderten amerikanischen Offizieren präsentierte. Die Show ist als Comedy angelegt, mit eingestreuten Inserts – »inzwischen im Verteidigungsministerium« –, Archivmaterial – etwa von Luftkämpfen – und Actionszenen, die auf eine entspannte Weise unathletisch sind. Den Widerspruch zwischen Wonder Womans Emanzipationsprogramm und ihrer Pin-up-Aufmachung, der im Realfilm noch auffälliger wirkt als im Comic, hält die Serie aus: »All the world is waiting for you, and the power you possess, in your satin tights, fighting for your rights . . .«, swingt es im Titelsong. Und schließlich gibt es ja noch die strenge Uniform, die die smarte, anpassungsfähige Superfrau in ihrem bürgerlichen Zweitleben als Schreibstuben-Offizierin Diana Prince trägt.

Wonder Woman war eben nicht nur eine Amazone, sondern eine moderne Frau. Sie landete mit einem unsichtbaren High-Tech-Flugzeug in einer Gesellschaft, die auf dem Sprung in die heiße Phase des Konsumkapitalismus war – und sie wusste sofort, wie die Sache läuft. Nie hätte sie vor einer Drehtür gezögert. Von einer großen Studioproduktion wie Warner-DCs »Wonder Woman«, die keine potenzielle Zielgruppe verstören und auch in China oder dem Nahen Osten laufen soll, kann man kaum extensive Bondage-Szenen erwarten. Aber es ist schon ein bisschen bedauerlich, wie glatt die Story-Entwickler Allan Heinsberg, Jason Fuchs und Zack Snyder das Schiff in ein historisch-mythologisches Niemandsland steuerten. 

Aus dem Zweiten Weltkrieg wurde der Erste mit seinem unklaren Frontverlauf – vielleicht sollte die ikonografische Nähe der Ur-Story zu »Captain America« gemieden werden; die Amazonen könnten, weitgehend spaßfrei mit Reit- und Schwerttraining befasst, in jedem beliebigen Sandalenfilm auftreten. Und so charmant Gal Gadot wirkt: Ihre Diana ist, wie einige kritischere Stimmen meinten, die Quotenfrau in einem Männerfilm. Als Ingénue, als schöne Wilde, muss sie sich von Steve Trevor die Welt erklären lassen. Während die Kerle, mit denen sie schließlich in den Grabenkrieg zieht, ihr auf jedem Meter bestätigen, wie toll sie aussieht. Im neuen Film, darauf deutete bereits der erste Trailer hin, wird sie eine andere sein – das Sequel macht einen großen Zeitsprung in die 80er Jahre. Seltsam, dass man heute von Wonder Woman sagen kann: Sie hat nichts zu verlieren als ihre Ketten.

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