Nahaufnahme von Noomi Rapace

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»Lamb« (2021). © Koch Films

»Lamb« (2021). © Koch Films

Schmerzensfrau zwischen Hollywood und Europa: In ihren markanten Rollen geht die grazile Schwedin Noomi Rapace immer dorthin, wo es wirklich wehtut

Die Punkerin war in der Psychiatrie. In den Augen des Gesetzes ist sie nicht geschäftsfähig. Lisbeth Salander ist auf einen Vormund angewiesen, der die Abhängigkeit seiner Schutzbefohlenen eiskalt ausnutzt und sie mit sadistischer Inbrunst vergewaltigt. Doch die Computerspezialistin dreht den Spieß um. Sie dokumentiert den Missbrauch mit versteckter Kamera, um ihn als Druckmittel gegen den Finsterling zu verwenden.

Die Geschichte ist typisch für serielle nordische Krimis, die, meist nach Vorlagen von Henning Mankell, Håkan Nesser und anderen Vielschreibern, in den 2000er Jahren produziert wurden. Klischeehaft dargestellte Nazis, so ein wiederkehrendes Grundmuster, entführen Frauen, um sie in geheimen Folterkellern zu quälen. In dieses Schema fügt sich auch die Adaption von Stieg Larssons Millennium-Trilogie aus dem Jahr 2009. Mit einer Ausnahme: Noomi Rapace in der Rolle der autistischen Hackerin ist heute noch beeindruckend.

Dass die damals 30-Jährige aus der schwedischen Kolportage herausragte, ist ein Fingerzeig für ihre Begabung. Die feministische »Emma« stilisierte sie schon 2010 zur »Punk-Rächerin«. Dank »ihrer Gewalttätigkeit, ihrer jähen Verletzbarkeit, ihrem scheinbar emotionslosen Verhältnis zu Menschen, die sie mögen, und ihrem wortlosen Umgang mit Sex« sprengte die grazile Schwedin das darstellerische Korsett braver Frauen, die vor der Kamera nur gefallen wollen.

Dass die Millennium-Trilogie Noomi Rapace die Türen zum Hollywoodkino öffnete, hat aber noch andere Gründe. Man sollte wissen, dass Punk im Jahr 2009 längst nicht mehr angesagt war. Ihr Auftritt mit Irokesenschnitt und Piercings erinnerte eigentlich an einen Kostümfilm. Dieser Eindruck spiegelte sich in ihrem ersten Hollywoodauftritt, dem period piece »Sherlock Holmes – Spiel im Schatten« von 2011, in dem sie die schwarze Punk-Lederjacke mit dem Gewand einer wahrsagenden Zigeunerin tauschte.

»Sherlock Holmes – Spiel im Schatten« (2011). © Warner Bros. Pictures

Den nächsten Auftritt in einem Hollywoodfilm absolvierte sie in dem »Alien«-Prequel »Prometheus – Dunkle Zeichen« von 2012. Ridley Scott erinnerte sich wohl daran, dass Noomi Rapace sich in den Stieg-Larsson-Krimis mit analytischer Zielstrebigkeit gegen sexualisierte Gewalt zur Wehr gesetzt hatte. Diese Wehrhaftigkeit prädestinierte die schwedische Darstellerin zur Nachfolgerin der toughen Sigourney Weaver, die einem alptraumhaften Alien-Wesen die Stirn bot, mit dem sie zunächst schwanger war. Beklemmender Höhepunkt in »Prometheus« ist dementsprechend eine Szene, die beim Zusehen schmerzt. Als Archäologin Elizabeth Shaw schält Noomi Rapace das echsenartige Wesen mit einen computergestützten Kaiserschnitt – und nur unter örtlicher Betäubung – aus ihrem eigenen Uterus heraus. 

Absehbar war die Prädestinierung für derart extreme Frauenrollen nicht unbedingt. Zum Film kam Noomi Rapace 1988 durch einen Auftritt als Statistin in dem Wikingerabenteuer »Der Schatten des Raben«. Das war kein Zufall, denn ihre Mutter ist die schwedische Schauspielerin Nina Norén. Von 2001 bis 2011 war Noomi mit ihrem schwedischen Schauspielkollegen Ola Norell verheiratet, der in den Wallander-Krimis als Polizist auftrat. Gemeinsam wählte das Paar den Künstlernamen Rapace, was französisch »Raubvogel« bedeutet.

Nach der Trennung ihrer Eltern, Noomi war damals fünf, lebte sie mit ihrer Mutter und dem Stiefvater eine Weile in Island. Das erklärt ihre Sprachkenntnisse. In »Lamb«, dem Debüt des Isländers Valdimar Jóhannsson, spricht Noomi Rapace isländisch (in der deutschen Synchronfassung nicht hörbar). In diesem stimmungsvollen Gruselfilm »adoptiert« sie als Frau eines einsam lebenden Schafzüchters ein eigenartiges, man könnte sagen »transhumanes« Lämmchen – mit ungeahnten Folgen. 

Mit dieser recht eigenwilligen Mischung aus Beziehungsdrama und Genrefantasie variiert die zwischen Hollywood und Europa alternierende Darstellerin eine Facette ihrer toughen weiblichen Figuren. Noomi Rapace spielt Frauen, die Grenzen ausloten. Immer wieder verkörpert sie weibliche Charaktere, die mit ihrer Mutterschaft hadern. Dieses Image wurzelt in einem ihrer frühen Leinwandauftritte. In dem Sozialdrama »Daisy Diamond« von 2007 spielte sie die Rolle einer jungen Frau, die sich bei Castings und Vorsprechen abmüht. Als Alleinerziehende hat sie keine Kinderbetreuung. Das schreiende Baby zerrt an ihren Nerven. Dank langer Einstellungen auf ihr ausdrucksstarkes Gesicht und Monologen, die den Zwiespalt ihrer Figur ausleuchten, zählt der ambitionierte Film zu den wenigen Beispielen, in denen Noomi Rapace ihr darstel­lerisches Repertoire ­abru­fen kann. Nicht zufällig ebnete Daisy Diamond der damals unbekannten Schauspielerin den Weg zur Millennium-Trilogie.

»Babycall« (2011). © NFP

2011 verkörperte sie in »Babycall« eine labile junge Mutter aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Sie ist vor einem gewalttätigen Ehemann geflüchtet. So scheint es zunächst. Die Liebe zu ihrem Kind nimmt allmählich pathologische Züge an. Sie überwacht ihren achtjährigen Sohn mit einem Babyphone und verliert sich dabei allmählich in einem paranoischen Labyrinth. Der mystische Thriller leuchtet das Innenleben dieser wahnhaften Mutter leider nur schemenhaft aus. Und so vermag sich Noomi Rapace trotz beeindruckender Leinwandpräsenz nicht wirklich als Charakterdarstellerin zu profilieren.

Das gilt auch für den Thriller »Dead Man Down«, in dem sie erneut bei Niels Arden Oplev, dem Regisseur der ersten Millennium-Episode »Verblendung«, vor der Kamera stand. Sie schlüpft in die Rolle einer Frau, die da­runter leidet, dass ihr Gesicht durch einen vermeidbaren Verkehrsunfall entstellt wurde. Um sich an dem freigesprochenen Unfallfahrer zu rächen, erpresst sie ihren Nachbarn, einen von Colin Farrell gespielten Gangster. Auch in diesem Film zeigt Noomi Rapace eine schillernde Präsenz – sie bleibt aber als Charakterdarstellerin erneut unterfordert.

In »Doom and Gloom«, einem von Luc Bes­son inszenierten Videoclip der Rolling Stones, wird deutlich, dass die Schwedin mit ihren hohen Wangenknochen und dem bohrenden Blick mehr als Ikone denn als Darstellerin wahrgenommen wird. Mit diesem Image spielt auch Aitor Throup. In »A Portrait of Noomi Rapace«, einem Kunstvideo von 2014, dokumentiert der argentinische Designer, wie er von der schwedischen Schauspielerin eine Art Double herstellt.

Einer Herausforderung stellte Rapace sich in Tommy Wirkolas »What Happened to Monday?«. In diesem dystopischen Science-Fiction-Thriller über eine totalitäre Ein-Kind-Politik verkörpert sie sieben Schwestern, die sich in einer geheimen Wohnung verstecken ­müssen. Obwohl sie privat sehr unterschiedlich sind, sich als platinblonde Marilyn, bebrillte Computernerdin oder als kiffende New-Age-Träumerin modeln, müssen sie außerhalb der vier Wände so tun, als wären sie ein und dieselbe Person. Überzeugend lotet Noomi Rapace die physische Dimension dieser multiplen Identität aus. Verliert eines der Mädchen bei einem Unfall die Fingerkuppe, dann muss bei den anderen sechs mit dem Skalpell entsprechend nachgeholfen werden. Autsch.

Mit dem Nimbus der Schmerzensfrau spielt Rapace auch in einem ihrer jüngsten Auftritte, bei dem sie erneut mit Tommy Wirkola kooperiert. »The Trip« erzählt von einem verkrachten Ehepaar, das ein gemeinsames Wochenende auf einer abgelegenen Hütte verbringt, nicht ahnend, dass jeder die Ermordung des anderen plant. Die vergnügliche Splatter-Komödie, eine Neuinterpretation von Bergmans »Szenen einer Ehe«, verbeugt sich vor den frühen Peter-Jackson-Filmen, deren Blutrausch in einigen Szenen, man glaubt es kaum, sogar noch übertroffen wird. Einmal mehr spielt Rapace eine nicht gerade zimperliche Frauenfigur. Eine Frau, deren Zugang zum Innenleben weniger durch Worte als durch spitze Gegenstände erfolgt. Ob dieses Image ihre weitere Karriere trägt, bleibt abzuwarten.

Meinung zum Thema

Kommentare

Also bisher fand ich sie in allen Rollen ganz gzt, aber am besten fand ich sie noch immer in dem Sherlock Holmes Film :-).

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