Kritik zu Verblendung

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Aus Schweden kommen nicht nur knuffige Möbel mit noch knuffigeren Namen. Sondern immer öfter auch Krimis und Thriller mit Stil und Atmosphäre. Wie diese Verfilmung des Bestsellers von Stieg Larsson

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Was ist nur geschehen mit diesem Land, das wir uns immer als ein lichtdurchflutetes Kinderzimmer, bevölkert von Feen, Trollen und starken, frechen Mädchen vorgestellt haben? Jenem pastellfarbenen Paradies, in dem man »Köttbullar« isst, seine Regale »Billy« nennt, und in dem glückliche Ehepaare als ABBA Lieder singen, damit sie reich und noch glücklicher werden.

Spätestens seit Henning Mankells kriminalliterarischen Welterfolgen wissen wir, dass im Bullerbü unserer Kindheit kein Stein mehr auf dem anderen steht. Seit mehr als zwei Jahrzehnten überrollt den deutschen Leser und in direkter Folge den Fernsehzuschauer eine Welle düsterer Krimis, in denen Schwedens Seele verloren scheint. In diesen Erzählungen wird der Rechtsstaat mit Füßen getreten. Die ehemals so liberale und tolerante Gesellschaft ist unterwandert von alten Naziseilschaften. Wo man hinschaut: Prostitution, Drogen, Mafia. Die Stimmung ist manisch-depressiv, das Wetter überwiegend schlecht.

Einer, der sich besonders gut auf diese literarische Selbstzerfleischung versteht, ist Stieg Larsson. Dass er das nationale Borderline-Syndrom mit seinen Kriminalromanen zum legendären Exportschlager ausweiten würde, konnte der gelernte Journalist, der sich in Essays, Büchern und in seinem Magazin »Expo« immer wieder mit dem Thema Rechtsradikalismus auseinandergesetzt hatte , nicht ahnen. Larsson starb 2004 in Stockholm am Anfang seiner literarischen Karriere an den Folgen eines Herzinfarkts.

Die Verfilmung von Larssons »Verblendung«, dem ersten Roman seiner »Millenniums«-Trilogie, die weltweit mehr als 15 Millionen Mal verkauft wurde, hat Niels Arden Oplev übernommen. Es muss ein Kunststück für sich gewesen sein, das 700 Seiten starke Werk auf einen bündigen 150-minütigen Film zusammenzuschnüren. Von Anfang an konzentriert sich Oplev ganz auf seine komplementären Hauptfiguren. Den renommierten Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) und die ebenso aggressive wie traumatisierte Hackerin Lisbeth Sander (Noomi Rapace). Blomkvist wird von dem Patriarchen einer einflussreichen Industriellenfamilie beauftragt, das Verschwinden seiner Lieblingsnichte nach 40 Jahren aufzuklären. Und natürlich stößt der Reporter dabei auf ein Netz aus Abartigkeiten und Lügen.

Doch so zahlreich die Verdächtigen zunächst sind und so furchtbar die zutage geförderten Wahrheiten – das Interessanteste an der ganzen Geschichte steht von Beginn an direkt neben dem Ermittler. Es ist die schillernde Figur der genialen Punkerin Lisbeth. Weil ihr Vater, ein vom schwedischen Geheimdienst mit neuer Identität ausgestatteter russischer Überläufer, die Mutter prügelte – so erfahren wir in einer Rückblende –, schlägt die kleine Lisbeth zurück. Sie setzt sein Auto in Brand, taucht unter, lebt von herbeigehacktem Geld und zieht gegen vom Staat gedeckte Verbrechen zu Felde. Lisbeth ist, wie sich herausstellt, eine von Terror und Missbrauch zutiefst beschädigte Seele, die sich als äußerlich wehrhafte Sinnsoldatin gegen das Unrecht stemmt, das am Ende auch ihre Defekte zu verantworten hat. Eine, für die die Liebe eine schnelle, unverbindliche, körperliche Angelegenheit und eine Abwechslung vom chronischen Schmerz ist. Eine postklassische, bisexuelle, anarchistische Pippi Langstrumpf.

Der Däne Niels Arden Oplev, der dem TVZuschauer bei uns seit der Krimi-Serie »Der Adler« bekannt sein könnte, scheint deutlich zu spüren, wie schwer die Erwartungen des Bestsellerpublikums auf ihm lasten. Verblendung ist ein ungeheuer ehrgeiziges Projekt geworden. Ein Film, der sich der erweiterten Mittel des Kinos gegenüber der Mattscheibe manchmal allzu sehr bewusst ist. Jedes Bild ringt um unsere Aufmerksamkeit. Jeder Blickwechsel zwischen den Figuren deutet weitere Aufregungen an. Ganz so, als könnte man auch im Kino in ein anderes Programm umschalten und den Film mit einer schlechten Quote bestrafen. Von der Selbstverständlichkeit aber, mit der die Produktion ihre beste und bizarrste Figur vorstellt, kann sich das große, routinierte, eitle Weltkino eine Scheibe abschneiden. Und es darf sich fortan darüber grämen, eine wie Lisbeth Salander nicht längst selbst erfunden zu haben.

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