Nahaufnahme von Eliza Hittman

Zwischen Lebenslust und Schmerz
Eliza Hittman am Set von »Niemals Selten Manchmal Immer« (2020). Foto: Angal Field/Focus Features

Eliza Hittman am Set von »Niemals Selten Manchmal Immer« (2020). Foto: Angal Field/Focus Features

Mit nur drei Filmen hat ­Eliza ­Hittman sich als eine der ­wichtigsten amerikanischen Independent-Regisseur:innen etabliert. Ihre Spezialität: die Erfahrungen von Jugendlichen. Jetzt kommt das subtile Drama »Niemals Selten Manchmal Immer« ins Kino, das von einem Schwangerschafts­abbruch erzählt

Das Filmgeschäft ist ja immer auch Spektakel: Da sind viele Egozentriker unterwegs, die mit einem Wimpernschlag einen ganzen Raum in den Bann ziehen oder gegen sich aufbringen wollen. Eliza Hittman ist das genaue Gegenteil. Selten trifft die Beschreibung »einnehmende Bescheidenheit« derart zu wie auf die jüdisch-amerikanische Regisseurin.

Interviewsituationen etwa bestreitet die Frau mit den schulterlangen dunkelbraunen Haaren mit wachen Augen und suchend am Mikrofon tänzelnden Händen. Sie lauscht konzentriert den Fragen, strahlt dabei manchmal eine gewisse Nervosität aus, antwortet aber schließlich mit wohlbedachten Worten. Auf der Pressekonferenz der Berlinale, wo sie im Frühjahr für ihr Drama »Never Rarely Sometimes Always«, deutsch »Niemals Selten Manchmal Immer«, mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, umriss sie ihre Vorstellung von Film: »Das Kino ist eine Gelegenheit, das Publikum auf unerwartete Reisen mitzunehmen und ihm ein tieferes Verständnis dafür zu vermitteln, was es bedeutet, ein Mensch am Rande der Gesellschaft zu sein. Und ich denke, dass Frauen in unserem Land sehr am Rande der Gesellschaft stehen.«

Letzteres ist ein Wink in Richtung Donald Trump, der mit seiner Regierung gegen das in den USA gesetzlich verankerte Recht auf Abtreibung poltert. »Niemals Selten Manchmal Immer« erzählt von einer ungewollt schwangeren 17-Jährigen, die aus der Provinz nach New York reist, um dort abzutreiben. Niemand hat sich dem Thema bisher so sensibel, hart, rührend und vielschichtig genähert. Der Film hätte in Berlin ebenso den Goldenen Bären verdient. 

Hittmans dritter Langspielfilm ist die konsequente Fortsetzung ihres zentralen Themas: das Erwachsenwerden in all seiner Komplexität zwischen vermeintlicher Freiheit, Lebenslust und Schmerz. Sooft von jugendlichen Ängsten und Nöten erzählt wurde, in Abertausend Filmen, so frisch erscheint Hittmans Zugang. Sie wandelt jenseits verkitschter Coming-of-Age-Mythen und bringt in ihren Filmen Poesie und Realismus zusammen. 

Vieles findet sich schon in ihrem Kurzfilm »Forever's Gonna Start Tonight« (nach dem Bonnie-Tyler-Song), mit dem sie 2011 beim Filmfestival in Sundance erstmals für Aufsehen sorgte. Es geht um eine Teenagerin aus dem russischen Milieu Brooklyns, die mit ihrem katzenverrückten Vater in einfachen Verhältnissen wohnt und nachts mit einer Freundin feiern geht: eine Disco, Alkohol, Jungs, erste schlimme sexuelle Erfahrungen. Bereits hier erzählt Hittman in Nahaufnahmen mit jener intimen Distanz ihrer späteren Werke und findet ein traurig-schönes Bild für das Erwachsenwerden: Als eine Zwangsräumungsdrohung wegen der Tiere an der Tür hängt, setzt die Tochter einen Karton voller Kätzchen am Strand aus. 

An diesen Strand kehrt die Regisseurin in ihren Filmen immer wieder zurück. Es ist ihr Strand, Brooklyn ihre Heimat. In dem New Yorker Stadtteil wurde sie 1979 geboren und wuchs als Tochter eines Anthropologen und einer Sozialarbeiterin auf. Bevor sie 2010 durch einen Filmregie-Master endgültig zum Film kam, machte sie 2001 einen Bachelor in Theater und Schauspiel. Mit ihren Geschichten über an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Jugendliche wirkt es beinahe, als seien ihre Filme die künstlerische Verlängerung der elterlichen Berufe. Vielleicht rührt ihr einfühlsamer Blick auf Adoleszierende daher: aus dem Bewusstsein über die eigene Herkunft und Sozialisation.  

Jedenfalls ist das Feingefühl, mit dem sie in den Erfahrungshorizont ihrer Figuren eintaucht, erstaunlich. Mit ihrem Langfilmdebüt »It Felt Like Love« (2013) und dem Folgefilm »Beach Rats« (2017) steckt die Regisseurin auf bestechende Weise das Gebiet der jugendlichen Identitätsfindung ab. »It Felt Like Love« erzählt von einer Teenagerin, die ihrer sexuell erfahrenen besten Freundin nachzueifern versucht und sich auf einen für seine Promiskuität bekannten Mann fixiert. Es beginnt am Strand von Brooklyn, rauschende Wellen, dann ein Blick in die Kamera: ein Film durch die Augen einer jungen Frau, über ihr Gefühl der Selbstsuche und, verstärkt durch drastische Momente am Ende, ihrer teilweisen Selbstaufgabe. 

»Beach Rats« (2017). © Salzgeber

Von den Fesseln der Erwartungen handelt auch »Beach Rats«, allerdings aus männlicher Perspektive. Hittman erzählt vom heimlichen schwulen Erwachen eines Halbstarken im sozial schwachen Teil Coney Islands in einer Gesellschaft voll toxischer Männlichkeit und Homophobie. Die empathischen Bilder der französischen Kamerafrau Hélène Louvart, mit der Hittman seit »Beach Rats« zusammenarbeitet, folgen dem unnahbaren Helden mit zärtlicher Dis­tanz; sie erkunden physische Männlichkeit, indem sie muskulöse, verschwitzte Oberkörper abtasten, und zeigen die sexuellen Begegnungen mit anderen Männern explizit, ohne voyeuristisch zu sein. 

Wer vom weiblichen Blick im Kino spricht, kommt heute um Eliza Hittman nicht mehr herum. Ohne lautes Tamtam, ohne unnötige ästhetische Spielereien nähert sie sich ihren Protagonistinnen und Protagonisten, respektvoll, einfühlsam. Sie erzählt von weiblicher Sexualität, ohne die Körper ihrer Figuren zu sexualisieren, sie dreht in »Beach Rats« den männlichen pornografischen Blick um, wenn sie, wie sie es im Interview nennt, die »Hypermaskulinität« der Machos einfängt, und holt mit »Niemals Selten Manchmal Immer« ein zu lange tabuisiertes Thema an die Oberfläche. 

»Sogar eine kleine Berührung kann verletzen. Ich wollte die Zuschauer mit Bildern in die Situation der Frauen versetzen«, erklärte die Regisseurin bei der Pressekonferenz zu ihrem Drama auf der Berlinale. Einmal tätschelt darin ein fremder Mann wie selbstverständlich eine weibliche Schulter. Es braucht nicht mehr, um zu sagen: Eine Grenze wurde überschritten. 

Und es ist dann auch eigentlich nebensächlich, ob man die Regisseurin als die feministische Filmemacherin feiern sollte. Eliza Hittmans Kunst spricht für sich: Ihre Bilder, von Hélène Louvart auf zeitlosen 16-mm-Film gebannt, sind pure, intime, ehrliche ­Kinematografie.

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