VoD: »100 Nights of Hero«

© Capelight Pictures

Schräges Märchen voller Witz, Wut und Magie

Nicht immer ist der erste Langfilm auch der, mit dem Regisseur*innen direkt ihre persönliche Handschrift und künstlerische Identität etablieren. Die in Großbritannien lebende und arbeitende Kanadierin Julia Jackman ist dafür ein gutes Beispiel. Ihr Debüt war nach diversen Kurzfilmen die niedliche, aber auch etwas generische schwule Teenie-Lovestory »Bonus Track« (zu sehen bei Wow). Doch erst der Nachfolger »100 Nights of Hero«, zu dem sie nach der Graphic-Novel von Isabel Greenberg auch das Drehbuch schrieb, zeigt nun, wie sie als Filmemacherin wirklich tickt.

Mehr Märchen und feministische Fabel als echter Historienfilm erzählt »100 Nights of Hero« aus einer Welt, die einst von der idealistischen Göttin Kiddo (Safia Oakley-Green) geschaffen wurde, bevor ihr brutaler Despoten-Vater Birdman (Richard E. Grant) die Herrschaft übernahm. Seither ist es um die Rechte der Frauen nicht gut bestellt. Die Adlige Cherry (Maika Monroe) etwa hat ihrem Gatten Jerome (Amir El-Masry) immer noch keinen Erben geboren und nun nur noch 100 Tage Zeit, um schwanger zu werden, bevor ihr die Verurteilung zum Tode droht. Wobei Ehebruch auch keine Option ist, was die Lage heikel macht, als Jerome seine Frau für Wochen in der Obhut seines notorischen Schürzenjäger-Freundes Manfred (Nicholas Galitzine) lässt. Doch Cherrys Zofe Hero (Emma Corrin) hat längst durchschaut, welch misogynes Spiel hier gespielt wird, und kann mit einer scheinbar endlosen Geschichte nicht nur ihre Herrin für sich einnehmen, sondern auch Manfred regelmäßig sich von Müdigkeit übermannen lassen.

Als zeitlose Hommage an »1001 Nacht« und klassische Mythologie einerseits und moderne, schräge, energiegeladene Story über unsere reale Welt andererseits habe sie den Stoff empfunden, gab Jackman anlässlich der Premiere ihres Films bei den Filmfestspielen in Venedig 2025 gegenüber epd Film zu Protokoll. Tatsächlich entwickelt sie aus diesem Kontrast (und der zugehörigen Mischung aus düsterer Wut und absurd-verspieltem Humor) eine bemerkenswerte kreative Kraft, die britische Kritiker*innen zu Vergleichen mit Yorgos Lanthimos, Peter Greenaway und Derek Jarman gleichermaßen inspirierte.

»100 Nights of Hero« ist wunderbar farbenfroh in Kostümen und Kulissen und erfreulich queer (in der Ausrichtung der Figuren ebenso wie in der Grundhaltung), der Synthie-Score betörend und das Ensemble so augenzwinkernd wie unerwartet prominent. Auch Felicity Jones gehört als Mond-Stimme aus dem Off zum Cast, ebenso Charli XCX in einer von mehreren Geschichten, die sich wie Zwiebelschichten umeinanderlegen.

Dass es Jackman am Ende vor allem um die Kraft des (insbesondere weiblichen) Erzählens geht, ist letztlich weder allzu überraschend noch unbedingt subtil vermittelt. Relevant ist diese Botschaft heutzutage aber allemal. Und wer so einfallsreich und stilbewusst zu Werke geht, empfiehlt sich ohnehin für mehr.

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