Kritik zu Niemals Selten Manchmal Immer

© Universal Pictures

2020
Original-Titel: 
Never Rarely Somtimes Always
Filmstart in Deutschland: 
01.10.2020
Heimkinostart: 
11.02.2021
L: 
101 Min
FSK: 
6

Es könnte fast ein Dokumentarfilm sein: Eliza Hittman erzählt von zwei Teenagern auf ihrem heimlichen Weg aus der Kleinstadt in Pennsylvania nach New York, auf der Suche nach einer legalen Abtreibungsklinik. Ihr Film ist Sozialdrama, Road Movie und Coming-of-Age-Geschichte in einem

Bewertung: 5
Leserbewertung
4.5
4.5 (Stimmen: 2)

Autumn hat gelernt, ihre Gefühle vor der Welt zu verbergen. Vor den übergriffigen Jungs und den hämischen Mädchen in der Schule, ebenso wie vor den Lehrern und den Eltern, von denen kein Verständnis und keine Unterstützung zu erwarten ist. Und doch lässt die junge Schauspielerin, die sie verkörpert, die unterdrückten Emotionen unter scheinbar reglosen Zügen auf subtile Weise durchscheinen. Die Wut, die Verzweiflung, die Enttäuschung, die Traurigkeit, die Angst, alles spürbar. Kaum zu glauben, dass Sidney Flanigan hier zum ersten Mal vor der Kamera steht. Einiges dürfte die zurückgenommene Intensität ihres Spiels natürlich mit der Regisseurin Eliza Hittman zu tun haben, mit der kristallklaren Genauigkeit ihres Blicks und mit ihrem feinen Gespür für die Wahrhaftigkeit des Moments. Das Abtreibunsgdrama entfaltet Hittman hier auf so sachlich unaufgeregte Weise, dass man manchmal fast meinen könnte, es sei einfach nur der Wirklichkeit abgelauscht.

Die siebzehnjährige Autumn macht um ihre ungewollte Schwangerschaft kein großes Aufhebens. »Mädchen-Probleme« sagt sie knapp, als sie am Schulspind gefragt wird, warum sie denn beim Arzt gewesen sei. Und weil sie als Minderjährige zuhause im ländlichen Pennsylvania für eine Abtreibung das Einverständnis ihrer Eltern bräuchte, steigt sie zusammen mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) in einen Bus nach New York. Immer neue Hindernisse werden den Mädchen auf ihrer Reise in den Weg gelegt, das Geld geht ihnen aus, und ganz so schnell wie sie gehofft hatten, ist der Eingriff nicht zu haben, weil die Schwangerschaft weiter fortgeschritten ist als die abtreibungsfeindliche Ärztin zuhause behauptet hat. Dazu kommt noch, dass sie als junge Frauen ständig den zudringlichen Avancen verschiedener Männer ausgesetzt sind. »Wünschtest du auch manchmal, du wärst ein Dude?«, fragt Skylar einmal. »All the time«, erwidert Autumn. Die Regisseurin stellt sich einfach an die Seite dieser so verletzlichen wie zähen Mädchen, in einem Film, der zugleich Road Movie, Coming-of-Age-Geschichte, »Me too«-Drama und vor allem die Geschichte einer innigen Solidargemeinschaft unter Frauen ist.

Bereits 2013 las Eliza Hittman einen Zeitungsartikel über die weiten Wege, die amerikanische Frauen für eine Abtreibung zurücklegen müssen. Da schon ihre beiden vorherigen Filme »It Felt Like Love« und »Beach Rats« eindringliche Jugenddramen waren, lag es nahe, jetzt auch das Abtreibungsdrama mit Teenagern zu erzählen. Dass sich die Situation für ungewollt Schwangere unter Trump noch stark verschärft hat, gibt dem Film, der auf dem Sundance-Festival Premiere hatte und auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, heute eine besondere Brisanz.

Obwohl Empörung und Wut die Motoren des Films sind, erzählt Eliza Hittman mit größtmöglichem Understatement und unbestechlicher Integrität, ganz ohne Heulen und Zähneklappern, Streiten und Argumentieren. Das fängt schon mit der geradezu beiläufigen Art an, in der das Problem präsentiert wird. Allein aus der Haltung dieses Mädchens ergibt sich, dass sie dieses Kind nicht behalten kann, ohne dass man überhaupt erfährt, wie es dazu kam. Komplexe Gefühle werden weitgehend durch Körpersprache und Mimik vermittelt, besonders herzzerreißend in der Schlüsselszene, die dem Film seinen Titel gibt: »Niemals, selten, manchmal, immer« lauten die möglichen Antworten auf die Fragen einer Sozialarbeiterin von »Planned Parenthood« nach Erfahrungen mit häuslicher und sexueller Gewalt. Zum ersten Mal kann Autumn ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten. Wie sie in einer langen, durchgespielten Einstellung nach und nach hervorbrechen, das ist ein zutiefst bestürzender Moment. Ohne dass konkrete Verletzungen benannt werden müssen, reißt diese Szene Abgründe auf. Gerade die leise und eindringliche Kraft des Films führt dazu, dass er umso wuchtiger wie eine Faust in die Magengrube trifft.

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