Interview: Thomas Vinterberg über »Der Rausch«

Thomas Vinterberg © Anders Overgaard

Thomas Vinterberg © Anders Overgaard

Das Tragische und das Komische liegen nah beieinander bei Thomas Vinterberg, von den Dogma 95-­Tagen mit der eskalierenden Familien­feier in »Das Fest« bis hin zu den ­gruppendynamischen Verwerfungen im auto­biografisch geprägten »Die Kommune«. Die Dreh­arbeiten zu seiner mit fünf Europäischen ­Filmpreisen prämierten und für zwei Oscars nominierten Tragi­komödie »Der Rausch« über vier ­Lehrer und ihre Alkoholrituale wurden von einem persönlichen Schicksalsschlag überschattet. Wie er weiter­machen konnte und wie beflügelnd selbst gewählter Kontroll­verlust sein kann, erklärt der dänische Regisseur im Gespräch mit Thomas Abeltshauser

epd Film: »Der Rausch« handelt vordergründig vom Alkoholkonsum und dessen Höhen und Tiefen, aber dahinter stehen Fragen über das Leben an sich und das, was manche eine Midlife-Krise nennen. Sie sind selbst 51, in etwa demselben Alter wie die Protagonisten Ihres Films. Warum wollten Sie davon erzählen?

Thomas Vinterberg: Vor allem anderen sollte es ein Film werden, der das Leben feiert. Diese vier Männer sind etwas in die Jahre gekommen und haben auf dem Weg an Neugier und Lebenshunger verloren. Der Film basiert nicht auf persönlichen Erlebnissen. Martin bin nicht ich, er ist eine fiktive Figur, die ich geschaffen habe. Bis vor kurzem und noch während ich das Drehbuch geschrieben habe, führte ich ein sehr erfülltes und glückliches Leben. Und seit ich am 4. Mai vergangenen Jahres meine Tochter auf tragische Weise verloren habe, ist schlicht kein Platz mehr für eine Midlife-Krise. Mir fehlt keine Neugier. Ich vermisse meine Tochter.

Sie sollte eine der Schüler*innen spielen im Film, den sie nun ihr gewidmet haben.

Vier Tage nach Beginn der Dreharbeiten war sie auf dem Rückweg von Paris und wurde bei einem Autounfall im belgischen Lüttich aus dem Leben gerissen. Ja, sie hatte eine Rolle im Film. Der einzige Grund, warum ich weitermachen konnte, war ein Brief, den sie mir einige Monate zuvor aus Afrika geschrieben hatte, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte. Und sie liebte es, ohne Wenn und Aber. Dabei konnte sie sehr hart mit ihren Urteilen mir gegenüber sein, sie war immer brutal ehrlich. Sie erkannte sich offensichtlich im Drehbuch wieder. Und so drehten wir den Film für sie zu Ende; nur das ergab einen Sinn, auch wenn es sehr, sehr schwer war. Aber sie hätte es nicht anders gewollt.

Ist der Film durch Ihren Verlust ein anderer geworden?

Das versuche ich selbst noch herauszufinden. Es ist noch zu nahe, mir fehlt der Abstand, um das zu erkennen. Aber ich kann eines sagen: Der Film hat mich gerettet. Ich habe von der Crew und den Schauspielern so viel Liebe und Mitgefühl und Zuspruch erfahren, sie haben mich durch diese Zeit getragen, ohne sie wäre ich zusammengebrochen. Und diese Liebe und Verbundenheit ist hoffentlich auch auf der Leinwand zu spüren. 

Der Film beginnt mit einem berühmten Zitat von Kierkegaard: »Was ist Jugend? Ein Traum. Was ist Liebe? Des Traumes ­Inhalt.« Was bedeuten Ihnen diese Zeilen?

Für mich ist es pure Poesie. Es ist so reich, unendlich. Ich wuchs in einer Kommune auf und erinnere mich, als Sechzehnjähriger morgens um vier auf einer Wiese zu liegen, verliebt und leicht betrunken, und ich fühlte mich schwerelos. Dieser Moment definiert für mich all das, was Jugend ausmacht. Und nach diesem Moment, diesem Gefühl, sehne ich mich seitdem, und danach sehnen sich auch Martin und seine Freunde. Aber es ist unwiederbringlich, deswegen ist es so wunderschön und schmerzhaft. 

Was war der Grund, Archivbilder von Politikern unter Alkoholeinfluss einzubauen?

Das ergab sich durch die Recherche – als mir das Ausmaß deutlich wurde, wie oft mächtige Weltführer alkoholisiert Entscheidungen getroffen haben, die Geschichte veränderten. Trunkenheit ist kein kleines dänisches Phänomen, sondern existiert weltweit und in allen Schichten. Daran sollten diese Bilder erinnern. Und davon abgesehen, fand ich es einfach wahnsinnig komisch. Es ist lustig, Bill Clinton vor der Kamera die Contenance verlieren zu sehen, weil er einen sitzen hat. 

Eine andere wichtige Figur ist Winston Churchill. Ist er eine Art Paradebeispiel des funktionierenden Trinkers?

Von allen Regierungschefs unter Alkoholeinfluss faszinierte mich Churchill besonders. Wie kann man eine derart irrationale Entscheidung treffen wie er – und 200 000 Zivilisten in Fischerbooten in den Krieg schicken? War er dabei betrunken? Sehr wahrscheinlich, denn in dieser Zeit trank er täglich. Hätte er genauso entschieden, wenn er nüchtern gewesen wäre? Oder braucht es dazu dieses Quäntchen mehr an Neugier und Schlagfertigkeit? Aber vorrangig geht es im Film um ganz gewöhnliche Menschen, vier Lehrer und ihr tagtägliches Leben. Churchill war eine wichtige Figur, weil er beispielhaft für etwas steht, das wir alle auf eine Art aus unserem eigenen Leben kennen. Alkohol ist überall und beeinflusst fast jeden Aspekt unseres Daseins. Wie viele Paare fallen Ihnen ein, die sich im nüchternen Zustand kennengelernt haben?

Warum haben Sie entschieden, die Männer zu Lehrern zu machen? Weil sie Vorbildfunktion haben?

Ich habe lange versucht, diese Geschichte zu erzählen, und fand nicht den richtigen Zugang. Bis ich auf die Idee kam, dass sie Lehrer sein könnten. Plötzlich fügte sich alles. Sie stehen an der Schule vor der Jugend, die wild und ungebändigt ist und sich für unverwundbar hält – durch dieses Spiegelbild werden Mads und seine Kollegenfreunde mit dem eigenen Älterwerden konfrontiert. Ich fand auch den Aspekt interessant, dass sie Akademiker sind und nicht Handwerker oder Arbeiter. 

Sie lassen dabei, abgesehen von Martin, die Vorgeschichte der Männer im Vagen, warum sie sich auf dieses Experiment einlassen. Warum?

Die Schauspieler und ich kennen die Lebensgeschichte dieser vier, sie haben eine gemeinsame Vergangenheit, die nicht konkret gezeigt wird, die aber hoffentlich auf der Leinwand zu spüren ist. So entwickle ich jede Figur, in all meinen Filmen; der Plot ist immer nur ein kleiner Ausschnitt, sie haben eine Vorgeschichte und sie haben Träume für die Zukunft. Manches verheimlichen sie voreinander, anderes zeigen sie. All dies ergibt einen komplexen Charakter und auch das, was man nicht sieht oder nicht ausgesprochen wird, schwingt mit. 

Sie inszenieren die Geschichte als eine Tragikomödie, in der Alkohol die müden Geister mittelalter Männer weckt. Zugleich geht es aber um Substanzmissbrauch und Abhängigkeit; die Grenzen zum Alkoholismus als ernsthaftes Problem und oft tödliche Krankheit sind fließend. Wie haben Sie die Balance gefunden?

Falls wir sie gefunden haben, und ich hoffe, das haben wir, haben wir sehr darum gerungen. Mir war sehr wichtig, keine moralische Position zu beziehen. Ich verstehe den Film als ein offenes Erforschen, das Fragen aufwirft. Und den Drahtseilakt zwischen Humor und Drama versuche ich in jedem meiner Filme, schon Das Fest war im Grunde eine sehr düstere Komödie. Humor öffnet Türen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, zwischen Film und Publikum, aber auch bereits beim Dreh zwischen den Schauspielern. 

Bei diesem Film ging es aber noch um etwas anderes. Mich faszinierten die Extreme, beide Enden des Alkoholspektrums. Das Trinken kann Gespräche spritziger werden lassen und es kann einen umbringen. Dabei den richtigen Ton zu finden, ist harte Arbeit. Es ist ein Prozess fortlaufender Justierungen, von der ersten Idee bis zum letzten Schnitt in der Postproduktion, der höchste Präzision erfordert, um zu funktionieren. 

Wie würden Sie Ihr eigenes Trinkverhalten beschreiben?

Recht zivilisiert, würde ich sagen. Als ich am Drehbuch zu »Die Jagd« saß, gab es einige Wochen, in denen ich zum Schreiben Cognac trank. Ich war nicht betrunken, aber auch nicht nüchtern, es war ein brillanter Zwischenzustand. Kann ich nur empfehlen. Aber davon abgesehen habe ich Kinder und ein ziemlich durchgetaktetes Leben, ich habe gar keine Zeit zum Saufen. Trinken besteht aus unterschiedlichen Phasen, in der ersten wird man zu einer besseren Version von sich, in der zweiten muss man trinken, um überhaupt wieder man selbst zu werden, und in der dritten Phase trinkt man aus körperlichen Gründen, um das Zittern und die Übelkeit loszuwerden. Ich empfehle nachdrücklich, in Phase eins zu bleiben. Wenn man in die Phase zwei rutscht, sollte man die Notbremse ziehen und sich eine Auszeit gönnen.

Aber »Der Rausch« lässt sich nicht auf das Trinken reduzieren...

Es geht um das Unkontrollierbare, das Unberechenbare. Dafür gibt es kaum Platz in unserem Alltag, das gilt für die heutige Jugend mehr denn je. Durch Smartphones und Soziale Medien herrscht eine permanente Verfügbarkeit und Präsenz; Ausbildung und Zukunft sind auf Jahre vorgeplant, nichts ist dem Zufall überlassen. Es gibt nur wenig, was außerhalb unserer Kontrolle ist. Die Liebe zum Beispiel. Wenn man sich verliebt, gibt es plötzlich etwas, das größer und mächtiger ist als man selbst. Oder in meinem Beruf: Gute Einfälle kann ich nicht erzwingen, sie kommen oder eben nicht, und es ist nicht klar, wie und woher. Wenn man nun ein Glas oder eine Flasche an seine Lippen setzt, geht man einen Vertrag ein, mit sich selbst und dem Unkontrollierbaren. Man betritt einen Raum und weiß nicht genau, was passieren wird. Und ich halte das für wichtig und notwendig. Man riskiert etwas, setzt etwas aufs Spiel, aktiviert kreative Freiräume. Darum geht es in »Der Rausch«, nicht bloß ums Trinken. Dieser Drang zum Kontrollverlust ist der Grund, warum viele Jugendliche trinken, sie fordern es als ihr gutes Recht ein in einem hochgradig organisierten Leben.

Hätte die Identifikation mit den Figuren auch beim Konsum mit anderen Substanzen funktioniert? Oder warum braucht es überhaupt ein Hilfsmittel, um aus dem Trott auszubrechen, mutiger zu werden?

Zu trinken ist natürlich furchtbar altmodisch im Vergleich zu all den anderen Partydrogen, die heute im Umlauf sind und auch zu Rausch und Entgrenzung führen. Aber genau diese soziale Akzeptanz des Alkohols hat mich interessiert. Ich würde es sogar soziale Anforderung nennen. Und aus gängigen Mustern auszubrechen ist ungleich anstrengender, ohne durch den Kurzschluss mit dem Hilfsmittel Alkohol. Über sich selbst hinauszuwachsen und zugleich ganz bei sich zu sein, ist nüchtern sehr schwer. Martin gelingt das kurz bei dem Kanu-Trip mit seiner Familie. Das ist das Ideal: vom Leben betrunken zu sein. Es ist möglich, ein inspiriertes und mutiges Leben zu führen, neugierig und achtsam zu bleiben. Aber es gelingt nur den wenigsten. 

Warum haben Sie den Protagonisten mit Mads Mikkelsen besetzt, den Sie bereits durch Ihre Zusammenarbeit 2012 bei »Die Jagd« kannten? Sehen Sie eine Art Alter Ego in ihm?

Mads Mikkelsen ist zweifellos ein Charakterdarsteller von Weltniveau, fein nuanciert und hochintelligent. Er ist nicht mein Alter Ego, noch nicht mal sein eigenes. Martin ist eine Figur, die sich aus Komponenten zusammensetzt, die ich im Kopf hatte, ein bisschen auch aus »Die Jagd« und aus Ideen, die durch Mads kamen. Die Rolle ist sehr anspruchsvoll, Mads musste eine sehr nackte und sensible Entwicklung verkörpern, er musste offen und sensibel sein und zugleich einen Betrunkenen spielen. Dafür brauchte es einen erstklassigen Schauspieler wie Mads.

Das Experiment dieser Männer erinnert an Ihre Anfänge, als sie mit Lars von Trier und anderen Dogma 95 erfanden und damit das Weltkino durcheinanderwirbelten.

Stimmt! Ich fühlte mich immer von Gruppierungen angezogen, die gemeinsam und solidarisch das Unmögliche versuchen. Wenn es eine Gefahr oder ein Risiko gibt, stellt man sich dem zusammen. Mit dieser Solidarität bin ich aufgewachsen in der Kommune und das haben wir mit Dogma eine Weile so fortgeführt. Auf eine Art lasse ich das in der »Studie« dieser vier wieder aufleben.

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