Filme über die ETA: Sie wohnen Tür an Tür

»La línea invisible« (Serie, 2020). © Movistar

»La línea invisible« (Serie, 2020). © Movistar

Die baskische Separatistenorganisation ETA hat sich vor mehr als zehn Jahren aufgelöst. Und es dauerte, bis der Terror aufgearbeitet werden konnte. Jetzt bringt Icíar Bollaíns Drama »Maixabel« Täter und Opfer zusammen. Und Thomas Abeltshauser erzählt, wie sich der Konflikt über die Jahre im Kino präsentiert hat

Das Telefon klingelt. Maixabel steht im Bad und föhnt sich gerade die Haare, nimmt das Geräusch erst nicht wahr, ignoriert es dann. Doch es hört nicht auf. Da wird ihr mit einem Schlag klar, dass dieser Anruf nichts Gutes bedeutet. Dass ihrem Mann Juan Marí etwas zugestoßen sein muss. Dass er ein Opfer der ETA wurde. 

Eine andere Wohnung, in einem anderen baskischen Dorf. Joxe Mari verabschiedet sich von seiner Frau Bittori, es ist vier Uhr nachmittags, es regnet in Strömen. Sie nickt im Sessel fast ein, da knallen draußen Schüsse. Sie schreckt hoch, geht zum Fenster und sieht einen Mann leblos auf der Straße liegen. Es kann nur Joxe Mari sein.

Am helllichten Tag, wenn es keiner erwartet, werden beide Attentate verübt, und mit voller Wucht drückt sich damit die verdrängte Angst ins Bewusstsein der Ehefrauen, die das stets Befürchtete ahnen, noch bevor sie es gesehen haben. Von dieser gleichzeitigen Gewissheit und Ungewissheit um die ständige Gefahr im Baskenland, das ein halbes Jahrhundert von der Untergrundorganisation ETA terrorisiert wurde, erzählt in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Film- und Fernsehproduktionen auf sehr unterschiedliche Weise. So auch Icíar Bollaíns Spielfilmdrama »Maixabel«, das in diesem Monat ins Kino kommt, und die HBO-Serie »Patria« nach dem gleichnamigen Roman von Fernando Aramburu, der auch hierzulande ein Bestseller war. Die Serie selbst hat nach der spanischen Premiere im Herbst 2020 noch keinen deutschen Sendestart. 

Beide Formate wählen für ihr Thema, nicht zufällig, jeweils die Perspektive der Witwe des Ermordeten. Mehr als zehn Jahre nach dem Ende der ETA, die im Oktober 2011 öffentlich den bewaffneten Kampf für beendet erklärte und sich schließlich am 2. Mai 2018 auflöste, scheint die Zeit gekommen, sich filmisch mit den Folgen des jahrzehntelangen Mordens, das weit mehr als 800 Todesopfer forderte, auseinanderzusetzen. Kein leichtes Unterfangen in einem Land wie Spanien, das mit der Konfrontation und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, etwa in Bezug auf den deutlich länger zurückliegenden Bürgerkrieg, seine Schwierigkeiten hat. 

Und tatsächlich hängen die Geburt der ETA, kurz für »Euskadi ta Askatasuna« (Baskenland und Freiheit), und das Franco-Regime untrennbar zusammen. Der spanische Diktator duldete nach dem Militärputsch 1936, der den Bürgerkrieg auslöste, bis zu seinem Tod 1975 keine Opposition, keine Gewerkschaften und keine Autonomiebestrebungen. Als bewaffneter Widerstand entstand 1959 die ETA mit dem Ziel der Gründung einer baskisch-sozialistischen Nation. Bereits im Jahr darauf wurde der erste Mord verübt, Hunderte weitere folgten, und lange wurde der Kampf gegen den Franco-Faschismus als Rechtfertigung verwendet, um den Einsatz von Schusswaffen und Bomben als Befreiungskampf zu legitimieren, mit dem Ziel, Menschen hinzurichten, die als Feinde betrachtet wurden. Während die ETA auch nach dem Tod des Caudillo und dem Übergang zur Demokratie den Kampf weiterführte, entstanden bald die ersten Spielfilme über die Organisation. Einer der ersten war Gillo Pontecorvos spanisch-italienisches Politdrama »Ogro« aus dem Jahr 1979, das sich der Operation Ogro widmet, bei der vier Separatisten am 20. Dezember 1973 Luis Carrero Blanco, Regierungschef und rechte Hand Francos, ermordeten. Damit setzte eine ganze Welle von Filmen ein, die sich auf die Ära vor dem »Transición« bezogen und die ETA als Befreiungskämpfer gegen den Faschismus zeichneten. Aus scheinbar objektiver Innenansicht wird gezeigt, wie schwierig und mühsam der Kampf gegen das Regime ist. Filme wie »Ogro« zogen sich dabei auf die Zeit vor Francos Tod zurück, während ignoriert wurde, dass die Morde in der realen Gegenwart weitergingen, an demokratisch gewählten Politikern, an Journalisten, an Geschäftsmännern.

In den 1990er Jahren und um die Jahrtausendwende wurde das Thema dann lange ignoriert; das spanische Kino lieferte vor allem Komödien, Historiendramen und Genreproduktionen, allenfalls der Bürgerkrieg wurde hier und da verhandelt. Der ETA-Terror war zu nah, zu gegenwärtig, um sich ernsthaft mit seiner politischen Ebene auseinanderzusetzen. Der ebenso effiziente wie erfolgreiche Thriller »Días contados« (Deine Zeit läuft ab, Killer, 1994) von Imanol Uribe etwa nimmt die ETA lediglich als düster-schillernden Hintergrund, um die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Frauen zu erzählen, die so ähnlich auch in einer anderen Untergrundstrukturen oder einer kriminellen Organisation wie der Mafia hätte angesiedelt sein können. Dabei hatte Uribe mit präzisen ETA-Dokumentarfilmen wie »El proceso de Burgos« 1979 und »La fuga de Segovia« 1981 früh den Diskurs geprägt. Neben massentauglichem Unterhaltungskino gab es in diesen Jahren auch Filme wie Jaime Rosales' »Tiro en la cabeza« 2008, der das erste ETA-Attentat auf französischem Boden für einen stilistisch radikalen Essayfilm nutzt, mit seiner Weigerung, sich politisch zu positionieren, aber einen Affront auslöste. 

Für Kontroversen hatte fünf Jahre zuvor bereits der Dokumentarfilm »La Pelota vasca. La piel contra la piedra« gesorgt. Der in San Sebastián geborene Regisseur Julio Medem lässt in einer unkommentierten Aneinanderreihung von Interviews Beteiligte auf allen Seiten zu Wort kommen. Mit seinem ausgestellten Objektivitätsanspruch setze er sich bewusst zwischen die Fronten. Die Gegenüberstellung von Aussagen von Hinterbliebenen der Opfer und Angehörigen der Terroristen, die sich über die Haftbedingungen ihrer verurteilten Söhne und Brüder beklagen, wurde damals von vielen zu Recht als verharmlosend und obszön empfunden. 

In den letzten Jahren nun häufen sich Produktionen über die ETA, die sich mit den Folgen auseinandersetzen, es gibt ein Interesse, Schicksale zu erzählen, fiktive wie reale – und in sehr unterschiedlichen Tonlagen und Genres. Einen guten Überblick bieten etwa Dokumentarserien wie »El desafío« (2020) von Hugo Steven und »ETA: El final del silencio« (2019) von Jon Sistiaga und Alfonso Cortés-Cavanillas, die sich mit langem Atem den historischen Entwicklungen und Verwicklungen widmen. 

Bereits 2017 spürte der Dokumentarfilm »El fin de ETA« den monatelangen Verhandlungen zur Auflösung der Terrorgruppe nach; es kommen Angehörige der Opfer ebenso zu Wort wie mehr oder weniger geläuterte Täter, darunter auch Arnaldo Otegi, der kurz nach seiner letzten Haftentlassung kurzfristig Spitzenkandidat der politischen Nachfolgepartei EH Bildu war (er wurde dann aber zu den Regionalwahlen nicht zugelassen und ist inzwischen Hauptkoordinator der Linksnationalisten). Interessanterweise ist es ein britischer Filmemacher, Justin Webster, der sich hier nüchtern und ausgewogen mit den politischen Verstrickungen befasst, in einer Region, in der Waffenruhe weniger durch Aussöhnung zustande kam, als durch Schweigen und Vergessen erkauft wurde.

Erstaunliche Einblicke, wie das gesamtgesellschaftliche Klima aus Angst, Hass und Mitläufertum ganz individuell einzelne Leben und Beziehungen prägte, zeigen oft kleinere Produktionen, die aus persönlicher Betroffenheit entstanden sind, wie etwa der Dokumentarfilm »Mudar la piel« (2018) über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Regisseur Cristóbal Fernández, dessen Vater in den Friedensverhandlungen der baskischen Terrororganisation ETA und der spanischen Regierung vermittelte, und dem Mann, der dessen Arbeit und Leben über Jahre ausspionierte.­ Und in »Asier ETA biok« (2013) reflektiert Aitor ­Merino seine Freundschaft mit Asier, mit dem er in den 1980ern auf eine baskische Schule ging, bevor er nach Madrid zog und sein Jugendfreund sich der ETA anschloss. Nach Asiers achtjähriger Haft in Frankreich sucht der Regisseur erneut den Kontakt, um zu verstehen, wieso er damals in den bewaffneten Kampf ging. 

Der baskische Spielfilm »Ane« von David Pérez Sañudo aus dem vorletzten Jahr handelt von der letzten gewaltbereiten Generation 2009 und einer 17-Jährigen, die in den Untergrund abtaucht. Etwas holprig inszeniert, reflektiert das Drama doch erhellend und aus zeitlichem Abstand die Verwerfungen, die in der Region nach wie vor existieren. 

Die Versuche dagegen, den Konflikt zum Komödienstoff zu machen, sind bislang meist gescheitert. 2014 präsentierte etwa der Baske Borja Cobeaga mit »Negociador« die Bemühungen eines sozialistischen Politikers, zwischen Mitgliedern der ETA und der spanischen Regierung zu vermitteln. Der Film zeigt ihn als einen alten Kauz, der die Verhandlungen nie ganz überblickt und gerade durch diese Schwäche eine Annäherung der beiden Parteien erreicht. Eine Situation, die durchaus Potenzial zur bissigen Satire hätte, doch leider sichert sich Cobeaga nach allen Seiten ab, statt die Absurdität auf den Punkt zu bringen. Ähnlich boulevardesk macht er sich in seinem nächsten Film »Fe de etarras – Im Glauben an die ETA« über ein reichlich dämliches Kommando der Untergrundorganisation lustig, das sich in einer Wohnung verschanzt hat, während die Nachbarn nebenan Fußball schauen und dabei ausgerechnet dem spanischen Team zujubeln. Damit hatte er noch vor der Premiere die Opferverbände gegen sich aufgebracht, dabei taugt der Schwank kaum zum Disput.

Mit umso größerer Wucht schlug dann »Patria« ein, zunächst der Roman des seit den 1980ern in Hannover lebenden Fernando Aramburu, ebenso dessen Vorgeschichte »Langsame Jahre« (beide in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen), 2020 dann der Achtteiler von Serienmacher Aitor Gabilondo. Neu war hier, wie aus verschiedenen Perspektiven und auf mehreren Zeitebenen die Geschichte zweier ehemals befreundeter Familien aufgefächert wird, die sich seit dem ungeklärten ETA-Mord an einem der Väter entfremdet haben. Als die Untergrundorganisation offiziell den Waffenstillstand erklärt, kehrt die Witwe nach zwanzig Jahren in ihr altes Dorf zurück, um die Wahrheit herauszufinden, und stößt dort auf Schweigen und Missgunst. In gedeckten Farbtönen aufwendig und präzise inszeniert, entsteht eine Atmosphäre, in der die Vergangenheit sich wie ein Schleier über die Gegenwart legt, Schuld und Trauer in das Leben der Protagonisten eindringen und das Miteinander verstummen lassen, Beziehungen und Freundschaften vergiften. 

Die Handlung von »Patria« ist fiktiv, wurde aber als durchaus authentisch wahrgenommen und hat ein großes Echo hervorgerufen, der Roman war ein Millionenseller, die Serie weit über die Region hinaus Gesprächsthema. »Maixabel« beruht dagegen auf einem realen Fall, den Icíar Bollaín präzise und zwingend inszeniert. Im Juli 2000 töteten links­nationalistische Attentäter auch den sozialistischen Regionalpolitiker Juan María Jáuregui, per Kopfschuss in einer Kneipe. Seine Witwe Maixabel Lasa engagiert sich seit Jahren in einem Opferverband und erklärte sich schließlich bereit, einen der verurteilten Täter zu treffen, Ibon, der beim Attentat am Steuer des Fluchtautos saß.

Bollaíns Film, in enger Kollaboration mit Lasa und anderen Betroffenen entstanden, zeigt den schwierigen Weg, sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen, in einer Region, die auch nach dem Ende der Gewalt tief gespalten und von Schweigen und Verdrängen geprägt ist. Ein Film, der nichts verharmlost oder einfache Lösungen anbietet, aber die Chance zu einer überfälligen Debatte bietet. Und die wurde durchaus genutzt, mehr als eine halbe Million Zuschauer lockte »Maixabel« ins Kino, eine erstaunliche Zahl zu Pandemiezeiten. 

Was »Maixabel« und »Patria« also auch von ihren Vorgängern unterscheidet, ist das breite Interesse. Beide Produktionen feierten jeweils auf dem Filmfest in San Sebastián Premiere, das seit Jahren unermüdlich Filmen über die ETA ein Forum bietet und dabei auf ein oft hitzig debattierendes Publikum treffen lässt, beide Produktionen wurden danach in Spanien große Erfolge. Dabei sind die Geschichten, bei aller regionalen Spezifität, durchaus in vielem allgemeingültig. Warum gleiten Menschen in den politischen Fanatismus ab? Wie gehen Opfer und Hinterbliebene, letztlich die ganze Gesellschaft, mit Traumata um? Wie lässt sich nach solchen Verbrechen weiterleben, welche Konsequenzen lassen sich aus dem Leid ziehen? Ist eine Aussöhnung möglich? Überhaupt erwünscht? Und wie sinnhaft wäre sie? 

Erst infolge der ETA-Selbstauflösung scheint es nun möglich, solche Fragen zu stellen und anders zu erzählen. Der baskische Konflikt ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart. Auch wenn heute die Waffen ruhen und die Separatisten in der Regierung der autonomen Region sitzen, viele ihrer Forderungen erfüllt sind – Baskisch als Amts- und Unterrichtssprache etwa – sind Demonstrationen noch an der Tagesordnung. Und Täter und Opfer, Mitläufer und Hinterbliebene sind Nachbarn, wohnen in Städten wie San Sebastián, Vitoria und Bilbao­ und unzähligen Dörfern oft Tür an Tür. Auch davon erzählen diese Filme und Serien, auch wenn sie dabei nicht immer dieselben Schlüsse ziehen.

So ähnlich »Patria« und »Maixabel« beginnen, so ähnlich enden sie scheinbar auch – und stehen doch exemplarisch für zwei unterschiedliche Wege, mit dem baskischen Konflikt umzugehen. In Patria begegnen sich die beiden Frauen, die früher einmal enge Freundinnen waren und deren Familien durch den Konflikt entzweit wurden, zufällig auf dem Dorfplatz. Sie gehen aufeinander zu und blicken sich kurz an, eine wortlose Umarmung zum Abschied, dann geht jede ihres Weges. In Icíar Bollaíns Film bringt Maixabel den Ex-Terroristen mit zur Mahnwache für ihren ermordeten Mann, oben auf dem Berg, wo sie und seine Weggefährten sich zum Jahrestag treffen. Die anderen Anwesenden sind verstört und aufgewühlt, aber lassen Ibon gewähren, als er Blumen an der Stelle niederlegt. Die Erinnerung lastet auf beiden Narrativen, doch »Maixabel« deutet die Möglichkeit einer Aussöhnung an. Und trifft damit offensichtlich, nach Jahren des Schreckens und des Schmerzes, den Nerv einer breiten Mehrheit im Land, links wie rechts.

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