Kritik zu Maixabel. Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung

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2021
Original-Titel: 
Maixabel
Filmstart in Deutschland: 
26.05.2022
L: 
115 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Das Drama der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín kreist um einen wahren Fall, den Mord baskischer Separatisten an einem Politiker. Zugleich weist der Film darüber hinaus: Die Frage ist: Wie geht Versöhnung?

Bewertung: 4
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Der Mord geht ganz schnell. Die Mörder warten schon im Juli des Jahres 2000 im Stammlokal des  sozialistischen baskischen Politikers Juan Mari Jauregui in der baskisch-spanischen Stadt Tolosa. Er sitzt mit einem Freund am Tisch, und die beiden Attentäter stürzen von hinten heran, einer schießt ihm in den Nacken. Warum der Politiker, der für den Dialog mit den baskischen Separatisten stand, keine Leibwächter dabeihatte, erfahren wir erst im Laufe des Films: weil der 49-Jährige mit der Politik aufhören wollte. 

Dieser kurze Moment der Gewalt wird das Leben vieler Menschen verändern, auch das der Terroristen, die ihr Fluchtauto in die Luft sprengen und in einer sicheren Wohnung auf ihre Tat anstoßen. Wesentlich ausführlicher aber zeigt die spanische Regisseurin Icíar Bollaín die Auswirkungen der Tat auf die Familie des Ermordeten – wie es bei Maixabel, der Frau des Ermordeten,  an der Wohnungstür klingelt, wie die Tochter es bei ihren Freundinnen auf einem Zeltplatz an einem See erfährt. Und das setzt den Ton dieses Films, der die Traumata dieser Tat über Jahrzehnte in einer geradlinigen, eher undramatischen Erzählung verfolgt. 

Bollaín hat, wie es im Vorspann des Films heißt, ihren Film an der wahren Geschichte von Maixabel Lasa orientiert, die schon bald nach dem Attentat Direktorin des von der baskischen Regionalregierung eingerichteten »Oficina de Atención a las Víctimas del Terrorismo«. Lasa legte Wert darauf, dass nicht nur die Opfer des ETA-Terrorismus Beachtung fanden, sondern auch die Opfer staatlicher Gewalt, die mitunter der Folter ausgesetzt waren. Es ist verblüffend, wie sehr die großartige Schauspielerin Blanca Portillo diese Rolle ausfüllt, wie sie auch der echten Maixabel Lasa gleicht. 

Bollaíns Film vertraut auf den Dialog. Und die Versöhnung. Und er besitzt den Mut, auch die Täter als Opfer zu zeigen und in der Beschäftigung mit ihnen eine zweite Perspektive aufzubauen. Eine Mediatorin erzählt den ETA-Gefangenen in der Strafanstalt von der Möglichkeit, mit Hinterbliebenen ins Gespräch zu kommen. Und Maixabel, die sich von Bodyguards schützen lassen muss, willigt ein, das persönliche Gespräch mit den verurteilten Terroristen zu suchen – durchaus gegen den Wunsch ihrer Tochter und Freunde. Lange bereitet die Mediatorin den eher wortkargen Luis Carrasco (Urko Olazabal) auf das Gespräch vor, der selbst verblüfft ist, der Frau des von ihm ermordeten Menschen gegenüberzusitzen. Als Ibon (Luis Tosar), der Fahrer des Fluchtautos, sich dafür entscheidet, hat die Regierung das Programm mittlerweile beendet. Aber er wird Maixabel auf seinen Freigängen (»Verräter« ist beim Haus seiner Mutter an die Wand gesprüht) besuchen.

Diese Gespräche bilden das Herzstück des Films, hervorragend gespielt, zurückhaltend fotografiert, nie auf eine emotionale Überwältigung aus. Was einen Menschen zum Mörder macht, darüber liefert der Film nur Anhaltspunkte. Ibon erzählt vom Traum eines sozialistischen Baskenlands und von der anonymen Kaderstruktur der ETA. Dass aber die Menschen den Hass überwinden können, dafür plädiert dieser Film. 

Bei den spanischen Filmpreisen, den Goyas, war» Maixabel« 14 Mal nominiert. Gewonnen hat er dann nur drei Auszeichnungen, den Preis für die beste Hauptdarstellerin etwa konnte Bianca Portillo als Maixabel Lasa entgegennehmen. Im Rennen war »Maixabel« auch in der Kategorie bester Film, zusammen etwa mit Almodóvars »Parallele Mütter«, in dem ja auch die Thematisierung der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Gewonnen hat aber in dieser Kategorie »El buen patrón«, eine gefällige Komödie über einen Unternehmer am Rand des Nervenzusammenbruchs, die wie »Maixabel« ihre Premiere letztes Jahr in San Sebastián erlebte. Was das über den Umgang der Spanier, auch in der Filmbranche, mit der Vergangenheit aussagt, darüber lässt sich trefflich spekulieren.

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