Die Musik im Superheldenfilm

Von der Dur-Harmonie zum Awesome Mix
»Batman« (1989). © Warner Bros. Pictures

»Batman« (1989). © Warner Bros. Pictures

Superheldenfilme sind Effekt­filme. Und nichts ist effektvoller als die Musik. Sie gibt Batman Kraft und schweißt die Avengers zusammen. Aber wie? Eine Einführung in eine unterschätzte Kunstform

Der Mann im Fledermauskostüm steht auf dem Dach eines Hochhauses und betrachtet den Nachthimmel. Kein besonders spannendes oder episches Bild, höchstens seltsam und leicht beunruhigend. Fügt man der Szenerie jedoch die passende Musik hinzu – einen sonoren Marsch mit mächtigen Blechbläsern und donnerndem Schlagwerk­­ –, so wird daraus das erhabene Endbild aus Tim Burtons Blockbuster »Batman« (1989). Musik vollendet die psychologische Wirkung des Films, hat der Filmkomponist Miklós Rózsa einmal gesagt. Dies gilt besonders im Superheldengenre: Batman ist nur so düster wegen seiner sinistren Moll-Melodie, Star-Lord nur so lässig wegen Blue Swedes »Hooked on a Feeling«. Das 21. Jahrhundert ist das goldene Zeitalter des Superheldenfilms und mit ihm des Superheldensoundtracks. Zwei Jahre in Folge ging mit »Black Panther« und »Joker« der Oscar für die Beste Filmmusik an einen Superheldenfilm. Grund genug, sich auf Streifzug durch mehr als 40 Jahre Superheldenmusik zu begeben und die Facetten eines vielseitigen Musikgenres zu erkunden.

Quint-Essenz der Heldenmusik

Denkt man an klassische Superheldensounds, fallen einem vielleicht die lautmalerischen Kapow!- und Oooff!-Einblendungen der kultigen Batman-TV-Serie aus den 1960ern ein, die von schrillen Posaunenakkorden akzentuiert werden. Diese cartoonhafte Kompositionsweise der exzessiven Aktions- und Bewegungsillustration, auch Mickey-Mousing genannt, kommt im Superheldenfilm allerdings eher selten vor. Der Fokus liegt stattdessen auf einer sinfonisch-klassischen Klangsprache, wie sie John Williams in seiner Musik zu Richard Donners »Superman« 1978 vorgab. In der Tradition des spätromantischen Hollywoodklangs der 1930er und 1940er Jahre setzt Williams opulente Partitur auf die volle Wucht des Orchesters, die mit breitem Pinselstrich den larger-than-life-Appeal des Superheldenfilms erhöht. Bild und Musik verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, wenn Williams klanglich die exotischen Schauplätze des Films nachzeichnet oder in temporeichen Passagen die spektakulären Actionsequenzen illustriert. Abgerundet wird der opernhafte Kompositionsstil durch die ausufernde Verwendung musikalischer Leitmotive – wiederkehrende Musikthemen, die Figuren, Orten und sogar Ideen zugeordnet werden. »Superman« ist voll von einprägsamen Leitmotiven, das mit Abstand bekannteste ist das des Helden selbst: Superman's theme. Das Thema ist ein Lehrstück der Heldenvertonung, das im Einsatz ineinandergreifender kompositorischer Mittel den Effekt des Erhabenen und Wunderbaren zum Ausdruck bringt. Eine einleitende Blechbläserfanfare fasst den heldenhaften Charakter des Protagonisten zu einer musikalischen Visitenkarte zusammen. Das eigentliche Heldenthema präsentiert sich als mitreißender Militärmarsch, der in schillernden Trompeten und kraftvollen Intervallen vom unaufhaltsamen Tatendrang seines Trägers kündet. Seine stringente Dur-Harmonie steht für das unerschütterliche Gute. In der Notation des Marsches sticht besonders die aufwärtsgerichtete Quinte hervor. Der Sprung vom ersten zum fünften Ton einer Tonleiter ist das Musikklischee des Heldenhaften schlechthin. Williams verwendet das Intervall ebenso prominent im ähnlich gebauten »Star Wars«-Hauptthema. Selbst Hans Zimmers musikalische Superman-Neuinterpretation in »Man of Steel«, die stilistisch komplett ihre eigenen Wege geht, kommt nicht ohne das Heldenintervall aus. 

Einleitende Fanfare, dominierende Blechbläser, Marschrhythmik, integre Dur-Harmonie, heroische Quinte: Mit »Superman« hat John Williams einen Baukasten des Superheldenfilms bereitgestellt, auf den Komponistinnen und Komponisten noch heute zurückgreifen. Dies gilt nicht nur für das DC-Comics-Filmuniversum, sondern auch für den Konkurrenten Marvel. Für den patriotischen Heldenmarsch in »Captain America: The First Avenger« (2011) setzt Filmmusikveteran Alan Silvestri wie schon John Williams auf die Trompete. Das Wechselspiel aus Soloinstrument und Orchester versinnbildlicht den genretypischen Grundkonflikt zwischen Individuum und Gesellschaft. In der heroischen Solotrompete hallt der alte Frontier-Mythos des einsamen Westernhelden nach – und mit ihm die Ideologie vom amerikanischen Exzeptionalismus. Superman und Captain America machen deutlich: Superhelden brauchen starke Themen, so unverwechselbar wie ihre ikonische Erscheinung. Als musikalische Signatur begleiten die Themen den Helden bei seinen Filmabenteuern und grenzen seine Marke von anderen ab. Obwohl beide als Marsch angelegt sind, unterscheiden sich beispielsweise Superman's theme und das von Danny Elfman komponierte Heldenthema in »Batman« wie Tag und Nacht. Die Fledermaus aus Gotham City ist das schattenhafte Spiegelbild zu Superman. Batman bekämpft Verbrecher nicht aus einem selbstlosen Sinn für Gerechtigkeit, sondern aus Vergeltung für die Ermordung seiner Eltern. Batmans Antiheldentum drückt sich in Elfmans schwarzromantischer Musik aus – eine Abkehr von Williams hellem Superheldenklang. Aus Dur wird Moll. Statt schillernder Trompete übernehmen Fagott und tiefes Blech die Melodieführung. Überraschende Tonartwechsel und harmonische Brüche stellen die Integrität des Helden infrage. 

Elfmans Batman-Thema ist so untrennbar mit dem Caped Crusader verwachsen wie Neal Heftis kultiges Na-Na-Na-Na-Batman aus der Adam-West-Serie. Im Fernsehen kondensieren die Helden-Titelmelodien wegen ihres Jingle-Charakters zu echten Ohrwürmern. So ist es kaum verwunderlich, dass der Titelsong zur alten Spider-Man-Cartoonserie regelmäßig die Leinwand heimsucht: von Straßenmusikern gespielt in Sam Raimis »Spider-Man« und »Spider-Man 2«, als Peter Parkers Klingelton in »The Amazing Spider-Man 2 – Rise of Electro« oder in voller Orchesterversion zu Beginn von »Spider-Man: Homecoming«. 

Der ironische Insiderwitz ist eines der vielen Beispiele für die Intertextualität des Superheldenkinos, das mit Anspielungen vor allem das comicversierte Fanpublikum anspricht und durch nostalgische Throwbacks an sich bindet. Der Verweisstruktur des Genres folgend fungieren auch die Heldenthemen als dramaturgische Verlinkungen, die nicht nur einzelne Szenen und Sequenzen, sondern ganze Filme zu einem kohärenten Ganzen verbinden. Sie sind wahre Hüter der Kontinuität, die Filmreihen und filmübergreifende Erzählbögen zusammenhalten. Auch wenn das heldenüberfüllte Marvel Cinematic Universe nicht über ein einendes Hauptthema im Format von »Star Wars« oder der Bond-Serie verfügt, ist das von Alan Silvestri komponierte Heldenthema für »The Avengers« zum Markenzeichen der Heldentruppe geworden. Es zieht sich als roter Faden durch die folgenden drei Teile der Avengers-Hauptreihe und hat in so manchem Solofilm einen Cameo-Auftritt. 

You'll Believe a Man Can Fly

Nicht jeder Superheldenfilm verfügt jedoch über eine glorreiche Heldenhymne. Zum Beispiel »Batman Begins« (2005). Die um Authentizität bemühte Neuinterpretation des dunklen Ritters präsentiert die Heldengeschichte als psychologisiertes Charakterdrama. Entsprechend zerbröselt das große Heldenthema von den Komponisten Hans Zimmer und James Newton Howard in kleinere Motive, die das ambivalente Wesen des Helden beschreiben. Das große Heldenthema verschwindet mit dem Aufkommen des softwarebasierten Action-Blockbuster-Sounds. Dies hat nicht zuletzt mit dem Siegeszug der digitalen Technologie zu tun. Als Spektakelfilme leben Superhelden von ihren visuellen Effekten. »You'll Believe a Man Can Fly« lautete die Tagline des ersten »Superman«, doch waren es schließlich nicht nur die oscarprämierten Spezialeffekte, sondern gerade Williams aufbrausende Klänge, die Christopher Reeve abheben ließen. Mit der Zeit wurden die Effekte immer überzeugender und mussten nicht mehr mit Musik übermalt werden. Während in den Actionsequenzen aus »Superman« das treibende Heldenthema noch deutlich zu hören ist, verschwindet in »Man of Steel« die schlagzeuglastige Musik hinter den visuellen Schauwerten und verschmilzt mit dem Sounddesign zu einem dröhnenden Klangteppich. Mit der digitalen Computertechnik ist es wie mit einer geheimen Wunderwaffe: Zu oft landet sie in den falschen Händen. Das fertige Produkt ist eine künstliche Monstrosität, aufgeblasen, seelenlos, stumpf. Wie das von Lex Luthor geschaffene Ungeheuer Doomsday im tosenden Finale des überfrachteten »Batman v Superman: Dawn of Justice« (2016).

»Batman v Superman: Dawn of Justice« (2016). © Warner Bros. Pictures

Einziger Lichtblick des verdüsterten Films ist der Auftritt Wonder Womans, der von einem kraftvoll nach vorn preschenden Riff begleitet wird. Die Komponisten Hans Zimmer und Junkie XL setzen hier ein elektronisch verstärktes Cello ein, das der Heldin einen wilden Rockcharakter verleiht. Ganze 75 Jahre hat es gedauert, bis Wonder Woman ihr Kinodebüt feiern konnte. In der männerdominierten Welt der Superhelden spielen Frauen meist nur die zweite Geige. Selten dürfen sie Heldin sein – und noch seltener Heldenmusik komponieren. Mit »Captain Marvel« erschien 2019 nicht nur Marvels erster Solofilm einer Superheldin auf der Szene, sondern auch die erste Komponistin des Studios: Pinar Toprak. Die türkische Komponistin zog mit 17 nach Hollywood mit dem Traum, Filme zu vertonen. Nach kleineren Arbeiten sicherte sie sich den Marvel-Gig, indem sie ihre Musikentwürfe mit einem 70-köpfigen Orchester aufnahm und die Videos den Produzenten schickte. 

Inspirierende Heldinnengeschichten wie diese sind ohne die Vorarbeit einer anderen Wunderfrau Hollywoods nicht denkbar: Shirley Walker. Die 2006 verstorbene Komponistin war eine der ersten Frauen, die einen Solocredit als Komponistin für einen großen Studiofilm bekamen – mit »Jagd auf einen Unsichtbaren« (1992). Walker definierte den DC-Superheldensound der 1990er durch ihre Arbeiten für TV-Produktionen wie die stilprägende Batman-Zeichentrickserie. Hierfür übernahm sie die DNA von Elfmans Batman-Musik und kreierte einen völlig eigenständigen Klangkosmos. Eines ihrer vielen Talente lag in der Orchestrierung. Ihre Musik zum Animationsfilm »Batman und das Phantom« (1993) besticht durch ein effektvolles Arrangement aus Orchester und Chor. Hinter den lateinisch anmutenden Chorlyrics verbirgt sich übrigens eine rührende Anekdote: Die Worte, die der Chor intoniert, sind die Namen von Walkers Team rückwärts gesungen. Ein Tribut an die unterschätzten Helden der Filmmusik, die wie Walker selbst im Abspann oft keine Erwähnung fanden.

»Spider-Man: A New Universe« (2018). © Sony Pictures

Superhelden sind als moderne Mythen tief in unserer Popkultur verankert. Die starke Bindung zwischen Superheld und Pop manifestiert sich im prominenten Einsatz von Songs im Superheldenfilm. Kaum sah man den Weltraumabenteurer Star-Lord in Marvels »Guardians of the Galaxy« zu erlesenen Goldies der 1960er und 1970er Jahre auf der Leinwand grooven, schoss sein »Awesome Mix Vol.1« in die Charts. Die gleichzeitige Veröffentlichung eines Soundtrack­albums und der Filmmusik machte mit Tim Burtons »Batman« Schule: Hier stand Elfmans Score das legendäre Album von Prince zur Seite, dessen Songs die mörderisch-kreativen Eskapaden des Jokers im Film begleiteten. Ein crossmedialer Schachzug des damaligen Medienkonglomerats Time Warner, bei dessen Musikstudio Warner Bros. Records Prince unter Vertrag stand. »Batman« verhalf Prince ebenso zu neuem Erfolg wie das AC/DC-Album zu »Iron Man 2« die Heavy-Metal-Band einem jüngeren Publikum bekannt machte. Das Soundtrackalbum dient aber nicht nur als cash grab oder Karriereboost alternder Musiker, sondern kann dem Superheldenfilm eine zusätzliche Dimension verleihen. Für das Album zu DCs »Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn« wurde ein rein weibliches Interpretenensembloe zusammengestellt, um die Girl-Power-Botschaft des Films zu verstärken. Im Animationsfilm »Spider-Man: A New Universe« akzentuiert die hip-hop-orientierte Songkompilation dagegen den multikulturellen Hintergrund des jungen Protagonisten Miles Morales. Die Kompilation aus angesagten Acts wie Jaden Smith, Nicki Minaj, Post Malone und Swae Lee überzeugt durch einen frischen, urbanen Sound. Der perfekte Soundtrack eines Afro-Latino-Teenagers aus Brooklyn, der in ungebundenen Jordans und mit Kopfhörern auf dem Weg zur Schule seine Umgebung mit Graffiti-Stickern pflastert. Zusammen mit Daniel Pembertons experimenteller Filmmusik, die klassische Einflüsse mit Trip-Hop, Funk und elektronischer Klangkunst mischt, zeigt der überaus zeitgenössische Sound von »Spider-Man: A New Universe«: Superheldenmusik ist nicht nur der Klang fliegender Fäuste und klingelnder Kassen, sondern eine Kunstform für sich. 

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