Kritik zu Frau Winkler verlässt das Haus

© Wild Bunch

2026
Original-Titel: 
Frau Winkler verlässt das Haus
Filmstart in Deutschland: 
01.10.2026
L: 
108 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Bittersüße Tragikomödie von Doris Dörrie über Trauer, geplatzte Träume, Verantwortung – und den Pflegeroboter Pawlowitsch.

Bewertung: 4
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Ein Pflegeroboter, der die Betreuung einer gebrechlichen, teils bettlägerigen alten Frau übernimmt, könnte zu einem dystopisch-bedrückenden Horrorszenario geraten. Nicht so bei Doris Dörrie. In der von ihr erschaffenen Welt sind menschlich anmutende Roboter längst zu selbstverständlichen Alltagshelfern geworden. Niemals angstvoll, vielmehr mit einem unaufdringlichen Interesse blickt sie auf diese Welt und beschreibt sie mit nahezu beschwingter Eleganz. Dörrie geht es einmal mehr um die philosophischen Fragen des menschlichen Zusammenlebens, um Verantwortung, Fürsorge, geplatzte Träume und um Familie – und das mit einem großartigen Ensemble.

Frau Winkler (Angela Winkler) ist beim Richten der Gardine gestürzt. Es ist eine der ersten Szenen und offenbart schon eines dieser kleinen Details, die so viel über Frau Winklers Leben erzählen, vielleicht über das Leben vieler einsamer Menschen. Denn Frau Winkler zieht jeden Morgen die Gardine mehrmals auf und zu – als Lebenszeichen für ihre Nachbarin, die sie gar nicht kennt. Nach dem Sturz benötigt Frau Winkler intensive Pflege, die ihre Tochter Emi (Laura Tonke) nicht leisten kann, schon gar nicht als sie endlich ein Engagement am Schauspielhaus Lübeck in Tschechows »Drei Schwestern« bekommt. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist ohnehin ambivalent. Vor allem Frau Winkler klammert sich mit Schroffheit an ihre Tochter, scheint ihr weder Eigenständigkeit noch Glück oder Erfolg zu gönnen. Egoismus wirft sie ihr immer mal wieder vor.

Dennoch engagiert Emi einen Pflegeroboter, der nicht nur die Betreuung übernimmt, sondern bei entsprechendem Wunsch auch auf den von ihm assistierten Tod vorbereitet. »Human und volkswirtschaftlich« sei so ein Roboter, erklärt Selma von der Anbieterfirma. Natürlich ist die Ablehnung Frau Winklers am Anfang groß, und doch weiß sie die KI-generierte Maschine nach und nach zu schätzen. Pawlowitsch nennt sie ihn, nach Tschechow, denn auch Frau Winkler war einst Schauspielerin. Ihr divenhaftes, kapriziöses Verhalten hat sie sich bewahrt. Auch sonst lernt Pawlowitsch schnell – auch wenn dem Roboter durchaus Grenzen gesetzt sind. Doch Pawlowitsch weiß, wie er Frau Winkler aufmuntern kann, und scheut auch Konfrontationen nicht. Allerdings verlässt er mit ihr auch mal regelwidrig das Haus, um ihr im Café ein alkoholisches Getränk zu bestellen, das verwehren ihr die Serviceroboter in der Regel, weil sie keine Freigabe hat. Es gab da wohl mal ein Problem mit Alkohol in ihrem Leben – nach dem frühen Tod ihres Mannes und Emis Vaters Bruno (Josef Ellers), ebenfalls ein Schauspieler. Ihre Trauer darüber haben Tochter und Mutter nie überwunden, niemals gemeinsam zu bewältigen versucht.

In Rückblenden schwenkt Dörrie in die Zeit, als Frau Winkler ihren Bruno am Theater kennenlernte, wie sie mit ihm ebenfalls Tschechow spielte. Dabei lässt Dörrie die junge Frau Winkler von Laura Tonke spielen, von Angela Winkler aber sprechen. Das ist unaufdringlich berührend. In der scheinbar simplen Spiegelung können sich beide Figuren ineinander hineinfühlen – in ihre Sehnsüchte, Ängste und Fehlbarkeiten. Überhaupt ist da immer wieder Tschechow. Denn auch Emis Leben als aufopferungsvolle Tochter und alleinerziehende Mutter und das der von ihr gespielten Olga in »Drei Schwestern« weisen Parallelen auf.

Angela Winkler spielt diese alte, traurige und vom Leben enttäuschte Frau mit der ihr ganz eigenen leisen Zurückhaltung und aufbrausenden Granteligkeit. Laura Tonke verkörpert ihre Emi mit Verletzlichkeit und Traurigkeit. Auch die Nebenrollen sind grandios besetzt: Via Jikeli als die junge Selma, die selbst am vermeintlichen Perfektionismus der Roboter verzweifelt und ihre eigenen Träume hat, oder Emis Tochter Billie, verkörpert von der jungen Zoë Baier, die auch in »22 Bahnen« an der Seite von Tonke spielt. Und da sind auch noch Eugene Boateng als Emis Schauspielkollege und Doris Kunstmann als Frau Winklers Nachbarin. Doris Dörrie ist wieder einmal eine bittersüße Tragikomödie gelungen, mit leisem Humor und stiller Melancholie.

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