Kritik zu Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg
Eine Lehrerin und ein straffällig gewordener Jugendlicher wandern gemeinsam den Jakobsweg und starten ihre jeweils ganz eigene Resozialisierung.
Die »Camino-Therapie« beginnt mit einem Schock und einem Rückblick: Die Lehrerin Fred verliert ihren Job, nachdem sie eine Schülerin geohrfeigt hat. Ihr Familienleben ist aus den Fugen, die Beziehung zur Tochter eine Belastung. Fred bewirbt sich darum, den jungen Adam auf einer »marche de rupture« zu begleiten. Der französische Staat bietet 14- bis 18-Jährigen, die wie Adam straffällig geworden sind, an, auf dem Jakobsweg ihr Leben neu zu ordnen. Adam, den Pflegeheime, Schulverweise und Jugendhaft geprägt haben, entscheidet sich für die strapaziöse Alternative zu einem erneuten Freiheitsentzug.
Yann Samuells Film nach dem Buch »Marche et invente ta vie« von Bernard Ollivier schickt ein ungleiches Paar auf eine rund 2000 Kilometer lange, knapp dreimonatige und konfliktintensive Reise nach Santiago de Compostela. Fred und Adam haben schwer zu tragen an ihren Rucksäcken. Sie transportieren aber darüber hinaus auch viel psychologischen Ballast. Freds Lebenskrisenmodus kollidiert mit Adams aggressivem, sprachlich und körperlich stets gewaltbereitem Kleinkriminellen-Machismo. Der Film, Sozialstudie und Beziehungsdrama in einem, macht an filmisch vorhersehbaren Wegstationen halt. Es kommt zu produktiven Begegnungen, unter anderem mit einem gastfreundlichen Bauern und seinem Pyrenäenberghund und mit der jungen Estella (Maëlle Vidou). Die Differenzen zwischen Fred und Adam entfalten eine destruktive Wucht.
Veredelt wird die konventionelle Dramaturgie durch die beiden Hauptdarsteller. Alexandra Lamy emanzipiert sich als Fred von einer wütenden Rastlosigkeit, gewinnt neue Kraft und Entscheidungshoheit über ihr Leben. Julien Le Berre spiegelt eine empfindsame Seele hinter den motzigen Posen seiner Figur. Wenn er rappt und (lecker) kocht, ist dieser Adam ganz bei sich. Es erscheint nur konsequent, dass der Weg mit einem Schock beginnt und mit einer hoffnungsvollen Perspektive endet.




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