Kritik zu The New West
Eine verwitwete Pferdetrainerin und ihre Kinder kämpfen um die Zukunft ihrer Ranch.
Dass diese Cowgirls den Blues haben, verwundert kaum. Pferdetrainerin Tabatha (Tabatha Zimiga) und ihre halbwüchsige Tochter Porshia (Porshia Zimiga) leben gemeinsam mit einer Gruppe verwaister Teens und Halberwachsener auf einer Ranch in den Badlands von South Dakota und mussten als Tochter beziehungsweise Witwe vieles durchmachen. Tabatha hat neben Porshia noch drei weitere Kinder von verschiedenen Männern, der jüngste Sohn leidet zudem unter einer »Sprachverzögerung«. Und auch Tabathas Moonshine-Whiskey-kippende Mutter (Jennifer Ehle) spukt ab und an wie eine leicht benebelte, gealterte Westernkönigin zwischen dem unübersichtlichen Haufen wilder Menschen und Tiere herum.
Die Pferde, das Reiten und die brüchige, aber herzliche Gemeinsamkeit scheinen die persönlichen Wunden und Körper-und-Seelen-Traumata (Tabatha hat nach dem Suizid ihres Mannes aufgehört zu reiten) der Beteiligten zu verdecken. Eigentlich hängt das Wohlergehen der Truppe jedoch wie an einem sehr, sehr dünnen Lasso schwer an der toughen, amtlich tätowierten Tabatha, die ihren Undercut nur zu besonderen Gelegenheiten in Locken legt. Als der wohlhabende Pferdehändler Roy (Scoot McNairy) das Trainertalent von Tabatha und ihrer Tochter erkennt, bietet er einen Deal an, bei dem mehr als ein Paar brandneue Cowboyboots herausspringen könnten. Wie bei jedem Geschäft stellt sich jedoch die Frage: »Cui bono?«
Die Atmosphäre der Rodeos, in denen junge und alte Cowboys und -girls die Pferde in den Staub drücken oder umgekehrt, und auch die unaufdringliche, aber deutliche Armut, durch die Roys glänzender und besonders langer Trailer wie ein Cowboy-Spaceship hindurchgleitet, fängt Regisseurin Kate Beecroft in ihrem ersten Spielfilm liebevoll und kenntnisreich ein – drei Jahre hat die Regisseurin bei und mit Familie Zimiga gelebt, die tatsächlich vom Pferdezureiten und deren Verkauf in South Dakota lebt. Vor allem die handfeste Präsenz ihrer Laienhauptdarstellerinnen machen den mit Doku-Elementen flirtenden Film authentisch – auch wenn das galoppierende Mutter-Tochter-Selbstermächtigungsdrama keine neue Geschichte präsentiert. Zudem haben mittlerweile einige Filmschaffende das zwischen Tiktok-Pferdevideos, Cloud Rap und aus Versehen losgehenden Gewehren lebende Wildwestprekariat als Setting entdeckt, etwa Riley Keough mit ihrer Regiearbeit »War Pony« oder »The Cowboy«, André Hörmanns Dokumentarfilm über fragile Männlichkeit unter Ranchern.
Doch Beecrofts Ansatz ist berührender als andere und geht in seiner Entschlossenheit zu einem anderen Blick auf Genderverhältnisse absolut auf: Im »neuen Westen« müssen Frauen nicht mehr die Liebe zu einem Mann als alles (er-)lösenden Ausweg entdecken, und Männer müssen nicht mit Gewalt protzen. Stattdessen wird allen Held:innen zugestanden, die eigene Verletzlichkeit und Stärke zu finden und zu nutzen. Auch wenn es am Ende klar ein weiblicher Weg ist, der die rauen »Badlands« erschließbar macht – die äußeren wie die eigenen.




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