Kritik zu Die reichste Frau der Welt

© Neue Visionen

2025
Original-Titel: 
La femme la plus riche du Monde
Filmstart in Deutschland: 
23.04.2026
L: 
123 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die reiche Erbin eines Firmenimperiums (Isabelle Huppert) lernt einen flamboyanten Fotografen kennen, der ihr neue Lebensfreude einflößt – sehr zum Missfallen ihrer Kinder.

Bewertung: 3
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Eine zierliche ältere Dame mit mondäner Erscheinung, resolutem Auftreten und starkem Willen: So sitzt die von Isabelle Huppert gespielte Marianne Farrère am Kopfende des Konferenztisches vor den durchweg männlichen Mitgliedern des Aufsichtsrats des Kosmetikunternehmens, das sie von ihrem Vater geerbt hat. Das Drängen der Anzugträger auf Neuerungen blockt sie mit Verweis auf die Tradition der Firma entschieden ab. Marianne ist eine disziplinierte Frau, die in ein Netz von Erwartungen und Verpflichtungen, von Reichtum und Luxus eingesponnen ist und in Ehe und Mutterschaft, aus denen die Gefühle längst entwichen sind, wenn es sie überhaupt mal gegeben hat. Doch dann ist sie mit dem kapriziösen Fotografen Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) konfrontiert, der sie für den Titel eines Modeheftes inszenieren soll. Mit seiner übergriffigen Unverschämtheit düpiert er sie, während sie zugleich fasziniert ist – von seiner überbordenden Lebensgier und sprudelnden Fantasie. Während ihre Familie entsetzt ist, findet sie Gefallen daran, aus der Komfortzone katapultiert zu werden. Es entwickelt sich eine Beziehung, die alle Züge einer platonischen Liebesgeschichte trägt, denn der unverhohlen homosexuelle Fantin schleust auch seinen Liebhaber in die feine Familiengesellschaft ein.

Nachdem Marianne jahrzehntelang in einem Kokon aus Sicherheit und Luxus, aus Konventionen und Traditionen gefangen war, öffnet er eine Tür zum wilden Leben. Er treibt Risse in die starre Maske der Beherrschung und des Anstands, bis sich in ihren Mundwinkeln ein mädchenhaftes Lachen löst und in ihren Augen fröhlicher Übermut blitzt. Mit jeder Faser ihrer Erscheinung verströmt Huppert, dass sie kein Opfer ist, sondern der schillernde Kern eines ansonsten eher unentschlossenen Films, der weder Biopic noch Krimi noch Familiendrama konsequent erzählt. Marianne zahlt viel Geld für das exklusive Theater, das Pierre-Alain für sie aufführt, für das kapriziöse Abenteuer, in das er sie entführt. Und sie kann es sich leisten, schließlich sind die Hunderte Millionen, die ihr der schamlose Parvenü über die Jahre abschwatzt, nur ein Prozentsatz ihres Vermögens, eine Art Vergnügungssteuer, nach deren Abzug auch für die eifersüchtigen Erben genug bleiben würde.

In der Wirklichkeit war das wohl etwas anders: Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, informiert ein Insert am Anfang, und streckenweise ist sie mehr als nur lose angelehnt an das Leben und die Skandale der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, die auch schon Gegenstand eines Theaterstücks, eines Romans und einer Netflix-Dokuserie waren. Was sich allerdings allein schon durch die Besetzung mit Huppert verflüchtigt, ist Bettencourts zunehmende geistige und körperliche Gebrechlichkeit nach einem Sturz im Jahr 2006. Eher erinnert das Szenario an Douglas Sirks »All that Heaven Allows«, in dem eine einsame Witwe auf ihr Glück verzichtete, zugunsten ihrer sich empörenden Kinder, die sie dann an Weihnachten vor einem neuen Fernseher parkten, während sie selbst in ihre eigenen Leben entschwanden.

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