DVD-Tipp: »Lilies Not for Me« (2024)

© Salzgeber

Nach dem Ersten Weltkrieg beginnen zwei schwule Männer eine Romanze – bis sich einer der beiden »heilen« lassen will

Unbeholfen und miteinander fremdelnd sitzen der Schriftsteller Owen (Fionn O'Shea) und die Krankenschwester Dorothy (Erin Kellyman) einander gegenüber, irgendwie fehlen ihnen die richtigen Worte. Doch es ist kein romantisches Date, mit dem »Lilies Not for Me« beginnt, das Regiedebüt von Will Seefried. Viel mehr ist das Gespräch Teil des Versuchs einer aufgezwungenen »Heilung«, mit dem Owen – kombiniert mit Injektionen – im England der 1920er in einer Nervenklinik seine Homosexualität wegtherapiert werden soll.

Es ist seine eigene Geschichte, die Owen der zusehends Empathie entwickelnden jungen Pflegekraft anvertraut, und sie nimmt den Löwenanteil ein unter den zwei Erzählebenen des Films. In den Rückblenden lebt Owen zurückgezogen in einem idyllischen Cottage auf dem Lande, sein erster Roman ist bereits erschienen. Ein Besuch seines aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrten Schulfreundes Philipp (Robert Aramayo) lässt sein Herz höherschlagen, denn dass ihre verbotenen Gefühle füreinander nicht nur platonischer Art waren, hatten beide schon früher geahnt.

Dass sie ihre Leidenschaft nun auch ausleben, bleibt ein kurzer Moment des Glücks. Eigentlich ist Philipp, inzwischen Arzt, gekommen, um Owen zu berichten, dass die Medizin endlich einen Weg der »Heilung« kennt – und er will den riskanten Eingriff im Eigenversuch vornehmen. Owen, der sich anders als sein Freund nicht als krank empfindet, erklärt sich bereit zu helfen, selbst wenn für die Operation die nicht freiwillige Organspende eines Fremden nötig ist. Als dann der charmante, einst in jenem Cottage aufgewachsene Charles (Louis Hofmann) auftaucht und nach seinem Vater sucht, verliebt sich Owen. Doch ihr Moment der Idylle nimmt ein tragisches Ende und führt dazu, dass der Schriftsteller in der Anstalt landet.

Ob die Ereignisse in der ländlichen Abgeschiedenheit wahrhaftige Erinnerungen oder doch eher die von Owen für einen neuen Roman ausgeschmückte Version sind, lässt »Lilies Not for Me« bis zum Schluss auf reizvolle Weise offen. Letzteres würde manche Unglaubwürdigkeiten der Geschichte erklären. Die Spontanität, mit der eine nicht unerhebliche Heimoperation vorgenommen wird, verwundert ebenso wie die Tatsache, dass Charles das ursprüngliche Anliegen seines Besuchs so schnell aus den Augen zu verlieren scheint.

Die überzeugenden Leistungen seines Ensembles sind das größte Pfund, mit dem Seefried wuchern kann, und auch Kameramann Cory Fraiman-Lott legt sich ins Zeug. Nur die Balance zwischen sonnendurchfluteter, fast zur Utopie ästhetisierter Romanze und den in kühles Graublau getauchten Qualen eines Medizindramas gelingt in »Lilies Not for Me« (der Titel ist einem Gedicht von Digby Mackworth Dolben entliehen) nicht immer. Was bleibt, ist ein Film, der berührend und bieder gleichermaßen ist, und ein erschütterndes Kapitel LGBTQ-Geschichte beleuchtet, wurden doch die Thesen des Österreichers Eugen Steinach zur »Homo-Heilung« durch Testikel-Transplantationen erst nach zahllosen Eingriffen in den 1910er und -20er Jahren widerlegt.

 

VÖ: 29. Januar 2026

 

Bestellmöglichkeit (DVD/Blu-Ray)

 

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