Nahaufnahme von Toni Servillo
Toni Servillo in »La Grazia« (2025). © Andrea Pirello
Es hat lange gedauert, bis der Schauspieler Toni Servillo im Kino durchstartete. Doch seit den 2000er Jahren ist er fester Bestandteil des neuen italienischen Autorenkinos. In Paolo Servillos »La Grazia« spielt er nun den italienischen Staatspräsidenten
Toni Servillo gehört zu jener Sorte Schauspieler, deren Wirkung im Kino immer wieder von neuem überrascht. Auf den ersten Blick ist man versucht, sein Äußeres als unscheinbar, unauffällig und durchschnittlich zu beschreiben. Aber genau dieses Jedermann-Aussehen nutzt er wie eine strategische Tarnung, um dahinter sehr komplexe, erwachsene Charaktere zu entfalten. Etwa den innerlich wie ausgelöscht wirkenden Mafia-Schergen in Paolo Sorrentinos »Le conseguenze dell'amore« (»Die Folgen der Liebe«, 2004), mit dem er international erstmals bekannt wurde. Oder den elegant-melancholischen Hedonisten in Sorrentinos »La grande bellezza« (2013), der bei den Oscars als bester internationaler Film ausgezeichnet wurde. Oder jetzt aktuell den rationalen Humanisten im Amt des italienischen Staatspräsidenten in »La Grazia« (2025) – erneut unter der Regie von Sorrentino –, für den Servillo auf dem Filmfestival von Venedig den Schauspielerpreis, die Coppa Volpi, zugesprochen wurde.
Dass Servillo sich schon mit 30 Jahren mühelos in einen 60-Jährigen verwandeln konnte und heute noch ohne Hilfe von Silikonmasken Männer allen Alters repräsentieren kann, hat zu seinem Erfolg beigetragen. Wer genau hinschaut, erkennt in seinen Leinwandauftritten aber auch die Disziplin eines Mannes, der sein Handwerk auf der Theaterbühne gelernt hat. Auch wenn er nur in einer Nebenrolle spielt, sieht man ihm stets eine Konzentration und Spannung an, die das Vorhandensein eines Publikums impliziert.
Geboren wurde er als Marco Antonio Servillo am 25. Januar 1959 in Afragola bei Neapel. Er wuchs in einem kulturellen Umfeld auf, das von den Traditionen der neapolitanischen Schauspielkunst geprägt war, ein Ausdrucksstil, dessen Verhältnis zu Sprache, Gestik und Musikalität sich von dem der römischen oder mailändischen Schule unterscheidet. Was das bedeutet, kann man zum Beispiel in Mario Martones »Qui rido io« (Hier lache ich, 2021) sehen, einem Biopic über den legendären neapolitanischen Theatermacher Eduardo Scarpetta (1853–1925) mit Servillo in der Hauptrolle, in dem dieser eindrucksvoll belegt, dass große Bühnenkunst eben nicht die große Geste braucht, sondern die besondere Intensität der Präsenz.
Eine Schauspielschule im engeren Sinn hat Servillo nicht besucht; er ist Autodidakt und machte schon in jungen Jahren in diversen freien Theaterinitiativen mit. Ende der 1970er gründete er zusammen mit Mario Martone und anderen das Theaterkollektiv »Teatri Uniti«. In der Zeit der »Post-Avantgarde« verstanden sie ihre Arbeit als experimentelles Laboratorium, in dem Theater sowohl einer ästhetischen als auch einer politischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart dient.
Von den 1980er bis zu den 1990er Jahren blieb das Theater sein Hauptbetätigungsfeld. Er trat in klassischen und modernen Stücken von Molière über Goldoni, von Brecht bis Eduardo De Filippo auf. Anfang der 90er Jahre übernahm er dann seine ersten Kinorollen, zunächst unter der Regie seines neapolitanischen Theater-Kollegen Mario Martone. In »Morte di un matematico napoletano« (1992) oder »Rasoi« (1993) zeigt er sich als ausgesprochen intellektueller Darsteller, auch wenn seine Rollen keine Intellektuellen sind. Sein Spiel ist geprägt von einer intendierten Undurchsichtigkeit, die die dahinterliegenden Emotionen kunstvoll andeutet.
2001 ergab sich dann die erste Zusammenarbeit mit Paolo Sorrentino bei dessen Langfilmdebüt »L'uomo in più« (Der Mann im Abseits). In den Filmen Sorrentinos – auch er stammt aus Neapel – sollte Servillo nicht nur seine größten Erfolge als Schauspieler feiern, der ornamentale Stil des Regisseurs brachte den streng kontrollierten Minimalismus des Schauspielers so richtig zum Leuchten. Schon Servillos verschlossener, lebensmüder Mafia-Untertan in »Le conseguenze dell'amore« sorgte bei der Premiere in Cannes 2004 für Furore. 2008 wurde er dort für seinen Auftritt als italienische Polit-Ikone Giulio Andreotti in Sorrentinos »Il Divo – Der Göttliche« gefeiert, später mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.
Als Andreotti überzeugte Servillo nicht nur wegen einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit – auch Andreotti war ein ausgesprochen unscheinbarer, lange alterslos wirkender Mann –, sondern weil er dessen Art, Macht auszuüben, mit musikalischem Gespür in eine Choreografie von Gesten, Pausen und Betonungen verwandelte. Anders gesagt interpretierte er Andreotti nicht mit psychologischem Realismus, sondern eher als Abstraktion.
Dass Servillo im gleichen Cannes-Jahrgang noch mit einem Auftritt in Matteo Garrones »Gomorrha« (2008) vertreten war, ließ den Theatermann endgültig zur Schlüsselfigur eines neu erstarkten italienischen Autorenkinos werden. Als Krönung jener Jahre erscheint schließlich die Rolle als alternder Lebemann in Sorrentinos »La grande bellezza« (2013): Servillos Jep Gambardella war das moderne Gegenstück zu keinem Geringeren als Marcello Mastroianni in Federico Fellinis »La dolce vita«. Mit einer unnachahmlichen Mischung aus Melancholie und Ironie verkörpert Servillo einen Schriftsteller-Philosophen, einen wehmütig Suchenden, der den Bizarrerien des Lebens mit zunehmender Demut begegnet.
Jep Gambardella stand mit 65 Jahren (seine Geburtstagsfeier eröffnete den Film) noch mitten im Leben, offen für Begegnungen aller Art, für Kunsterfahrungen und erotische Abenteuer. Der Staatspräsident, den Servillo nun in »La Grazia« verkörpert, dagegen fühlt das Ende nahen. Wenn nicht unmittelbar des eigenen Lebens, so doch der eigenen Wirkung, der Phase des Machtausübens.
Der Film schildert das sehr buchstäblich: Servillos Präsident befindet sich im »weißen Semester«, wie in Italien das letzte halbe Jahr der Amtsausführung genannt wird. Es stehen nur noch wenige Entscheidungen an, die aber umso größere Bedeutung tragen. Konkret hat er über die Begnadigung zweier wegen Mord verurteilter Personen zu entscheiden, außerdem soll er noch ein lang vorbereitetes Gesetz zur Sterbehilfe voranbringen. Doch der alte Mann nimmt sich seine Zeit – um sich umzuschauen, auch im eigenen Leben.
Diesmal ist Servillos Politiker keine Abstraktion, sondern ganz und gar ein Mensch. Einer, der sich seines Alters bewusst ist, seiner Verluste, seiner Fehler und seiner Ressentiments. Servillo verleiht seiner Figur eine Spur von Bitterkeit, aber zugleich eine Gelassenheit, die bisweilen heiter und ansteckend wirkt. Es ist einer der sympathischsten Auftritte, die er im Kino bislang hatte.




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