Kritik zu Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra

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Matteo Garrone (»Primrimrimo Amorere«, »L'Imbalsamatore«) zeigt nach der Vorlage von Roberto Savianos Reportagebuch »Gomorrha«, wie die neapolitanische Mafia einen ganzen Landstrich beherrscht

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In den ersten Augenblicken wähnt man sich beinahe in einem Science-Fiction-Film. In gleißend blaues, fluoreszierendes Licht getaucht stapfen da ein paar gänzlich unbekleidete Männer durch beklemmend enge, kaum definierbare Räume, die Augen mit winzigen Sonnenbrillen verdeckt. Sehr schnell aber wird die Banalität der Situation deutlich: Mafiosi im Sonnenstudio. Die jovial gute Laune der Männer findet allerdings durch ein plötzliches Attentat ein blutiges Ende. Diese präzise choreographierte Eröffnungsszene setzt den Ton für den restlichen Film: Das Italien in »Gomorrha« ist ein unwirtlicher, ganz und gar fremd anmutender Ort, an dem die Menschen sich die südländische Bräunung aus der Steckdose holen müssen, weil die »echte« Sonne schon lange nicht mehr durch den dunstverhangenen Himmel dringt. Die pittoreske Mittelmeeridylle der Campania, wie die Region um Neapel heißt, weicht hier einer Mischung aus Dritte-Welt-artigen Slums, Industrieruinen, unfasslicher Armut und allgegenwärtiger Gewalt.

Der Regisseur Matteo Garrone hat den Reportageroman des Journalisten Robert Saviano auf fünf Handlungsstränge reduziert. Die Figuren und Schicksale mögen fiktiv sein, stehen jedoch exemplarisch für die Facetten und die Mechanismen des organisierten Verbrechens in Süditalien. Da gibt es den 12-jährigen Toto, der davon träumt, in die Ränge der Camorra aufgenommen zu werden; zwei einfach gestrickte Teenager, die sich in tödlicher Naivität mit dem lokalen Capo anlegen; einen ausgebeuteten Haute-Couture-Schneidermeister, der zwischen die Fronten gerät, als er sich mit der chinesischen Billigkonkurrenz einlässt; den stillen Don Ciro, der als Bote die Familien getöteter oder inhaftierter Camorristi mit Geld versorgt; und Franco, einen weltgewandten Unterhändler der Bosse, der die toxischen Abfälle norditalienischer Konzerne in der Gegend um Neapel »entsorgt«. Garrone komponiert diese ineinander verwobenen Geschichten als eine Sinfonie des Niedergangs, wobei er sich jeder Romantisierung des Milieus und den üblichen Spannungskonventionen radikal verweigert. Es gibt keine Sympathieträger in diesem Film, die knochentrockene, antidramatische Schilderung des kriminellen Alltags entlässt einen zermürbt und erschüttert aus dem Kino und entlarvt vermeintlich »realistische« Milieufilme wie »City of God« als reißerische Exploitation.

Mit kühler Distanz und dokumentarischem Gestus inszeniert Garrone, der fast ausschließlich an Originalschauplätzen drehte, das Leben in Scampia, einer völlig verwahrlosten Sozialbausiedlung am Rande von Neapel. Wer als Junge in diesem urbanen Niemandsland aufwächst, hat drei Möglichkeiten: Er macht mit, stirbt oder flüchtet. Zugleich findet Garrone immer wieder eindrucksvolle Bilder für das Nebeneinander »bürgerlicher« Traditionen und unverhohlener Kriminalität, etwa wenn eine feierliche Hochzeitsprozession durch die Korridore der Siedlung zieht, während wenige Meter entfernt bewaffnete Männer ihre üblichen Drogengeschäfte abwickeln. Solche Szenen, die an die besten Arbeiten von Francesco Rosi und Roberto Rossellini erinnern, sind kunstvoll arrangiert und durchaus symbolisch zu verstehen – auf jene amüsante Gossenpoesie, wie man sie aus amerikanischen Gangsterfilmen kennt, wartet man gleichwohl vergeblich. Selbst die höheren Chargen der Camorra sind hier von einer nie gesehenen Erbärmlichkeit, feist und primitiv Keiner ist jemals sicher: Exekution am helllichten Taggehen sie in geschmacklosen Badeshorts und billigen Hemden ihren blutigen Geschäften nach. Wohlstand ist der eigene Daddelautomat im schäbigen Wohnzimmer.

Tatsächlich geht es in »Gomorrha« nicht um die reichen Strippenzieher oder um die Details in den Verflechtungen von Industrie und Politik. Saviano und Garrone setzen bei jenen Verhältnissen »ganz unten« an, die das »System Camorra« überhaupt erst ermöglichen. So ist »Gomorrha« bei aller emotionalen Distanz in der Inszenierung natürlich auch ein zorniges Pamphlet über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in Italien. Letzten Endes nämlich schwingt in dem Film die Frage mit, wie sich an den gezeigten Verhältnissen je etwas ändern soll, in einem Land, dessen Volk nun bereits zum dritten Mal eine Gestalt wie Silvio Berlusconi zum Regierungschef gewählt hat.

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