Kritik zu Il Divo – Der Göttliche

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Eine fulminante Reise durch die Abgründe der italienischen Geschichte, die Hauptdarsteller Toni Servillo den Europäischen Filmpreis einbrachte und Regisseur Paolo Sorrentino den Preis der Jury in Cannes

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Der alte Mann hat Kopfschmerzen, Migräne. Ein altes Leiden. Neuerdings bekämpft er sie mit einer chinesischen Methode. Und schon sieht man den merkwürdigen Eulenkopf mit den welk herabhängenden Ohren von einem Strahlenkranz von Akupunkturnadeln umgeben. Im Hintergrund lodert ein Höllenfeuer und wie ein Unwetter toben die Zahlen und Fakten auf der Leinwand herum, wobei die mit einem Aff enzahn durchgeschleusten deutschen Untertitel noch ein zusätzliches Chaos anrichten. Wie hier auf einen Schlag die italienische Geschichte der letzten fünfzig Jahre heruntergebetet wird, ist wirklich nur für Insider nachvollziehbar. Aber darauf kommt es gar nicht an. Die Geschichte, die hier erzählt wird, die Il Divo, der »göttliche« Giulio Andreotti, angerichtet hat, passiert nicht nur einmal, sondern viele Male Revue, bis auch der letzte Zuschauer begriff en hat, was es mit diesem untersetzten halslosen kleinen Mann – auch Fuchs, schwarzer Papst oder Beelzebub genannt – auf sich hat. In seinem Höllenkontor sieht man ihn gleich noch einsam auf dem Hometrainer strampeln, als gelte es, den nächsten Stadtmarathon von Rom zu gewinnen.

Gewonnen hat der italienische Politiker während seines fünfzigjährigen Wirkens als Spitzenpolitiker der Democrazia Cristiana immerhin sieben Mal den Posten des Premiers und war unzählige Male Minister verschiedenster Ressorts. Und Giulio Andreotti ist immer noch da. Er hat im Januar 2009 bei bester Gesundheit seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert und spielt als Abgeordneter noch immer Zünglein an der Waage. Der Film setzt 1992 ein, als Andreottis größter Wunsch, auch noch Präsident der Republik zu werden, vereitelt wurde. Mitten in die Abstimmungen hinein platzte nämlich der Mord am Mafi a- Richter Giovanni Falcone und veränderte mit einem Schlag die italienische Politik. Es folgte der massive Angriff der italienischen Justiz (»Mani Pulite«) auf die korrumpierte politische Nomenklatura – was von der Presse »Tangentopoli« genannt wurde, machte auch Andreottis bis dahin scheinbar unangreifbaren Machtapparat zunichte und brachte ihn sogar vor den Kadi.

Der wie eine Groteske anmutende Politkrimi von Paolo Sorrentino würde den bis heute geheimnisumwobenen Giulio Andreotti, der an unsichtbaren Fäden die Politik stets zu seinen seinen Gunsten zu lenken wusste und sich des einfl ussreichen Apparates der Geheimloge P 2 bediente, am liebsten aller Vergehen schuldig sprechen, für die er 29 Mal angeklagt und ebenso oft freigesprochen wurde; die letzten Verfahren kamen erst 2004 zum Stillstand. Der Makel des Urteils von Perugia, das ihn zu 24 Jahren Haftstrafe wegen Mordes an dem Journalisten Mino Pecorelli verurteilte, die Mitverantwortung am Tod von Aldo Moro, der 1978 von den Roten Brigaden entführt und ermordet wurde, auch die angeblich nachgewiesene, doch verjährte Verbindung zur Mafi a, werden an ihm haften bleiben. Nur der Bruderkuss mit dem Mafioso Salvatore »Totò« Riina, der im Film natürlich auch zu sehen ist, gehört wohl ins Reich der Legende.

»Die Macht verschleißt nur den, der sie nicht hat.« So spricht ein Überlebenskünstler, der nicht nur seinen inneren Beraterkreis überlebt hat, der im Film zum Auftakt wie eine Gang vorgestellt wird. Dazu knattert auch gleich das Motorrad der Mafi akiller. Easy Rider. Piff . Paff . Aus war’s mit dem Verbindungsmann nach Palermo, der die sizilianischen Wählerstimmen garantierte. Die Audienz wie bei einem absolutistischen Fürsten, der seine Morgentoilette pfl egt, während die Berater defi lieren, zeigt, was hier gespielt wird. Ein Kardinal ist auch dabei, und selbstredend lässt sich der fromme Andreotti nach Dienstschluss mit einer schwerbewaff neten Eskorte zu irgendeiner Seitentür in Roms Straßen bringen, um seine Beichte abzulegen. Dort schenkt Regisseur Sorrentino dem Mann mit dem Pokerface dann seine Schlüsselszene: ein Geständnis. Aber es ist nur eine Traumsequenz, in der »der Göttliche« das von ihm angerichtete Massaker von 236 Personen gesteht und seine Devise »Böses zu tun, um Gutes zu erreichen«, verteidigt. In Wirklichkeit hat der »ehrenwerte« Andreotti nie etwas gestanden. Deshalb hinterlässt dieses gelungene Politspektakel seine Zuschauer eben doch mit sehr zwiespältigen Gefühlen.

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