dfi-Symposium Köln: Work in Progress
»OJ Fortunat, work in progress« (2017). © Karin Berger
Im Spielfilm ist das Thema Arbeit eher eine Rarität. Im Dokumentarfilm ist das etwas anders, nicht nur, weil mit Lumières »La Sortie de l'Usine Lumière à Lyon« eine – allerdings stark inszenierte – Situation aus dem proletarischen Arbeitsleben am Anfang steht. Auch die Bewegungsabläufe der Industriearbeit waren Objekt dokumentarischer Beobachtung, Stahlarbeiter am Hochofen visuell attraktive Dauerbrenner. Und seit den Umbrüchen in der Arbeitswelt sind Filmreihen zum Thema auch populär bei Workshops oder Festivals. So überrascht es nicht, dass auch die Kölner Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW sich in ihren jährlichen Treffen schon mehrfach mit dem Sujet beschäftigte, wie Leiterin Michelle Koch in ihrer Einleitung zum diesjährigen Symposium »Work in Progress – Repräsentationen von Arbeit im Dokumentarfilm« im Kölner Filmhaus anmerkte. Eine direkte Referenz war dabei das vom Berliner Arsenal in Zusammenarbeit mit über 35 Kinos in Deutschland angestoßene gleichnamige Projekt in den Jahren 2006 bis 2009 (auch eine Veranstaltung von »Köln im Film« letzten Juni hatte übrigens den gleichen Titel).
Der ist wohl einfach zu schön – auch weil er programmatisch auf die permanente Veränderung und Vorläufigkeit der präsentierten und bei der Tagung zu verhandelnden Befunde zielt. Koch, die nach fast zwei Jahren kommissarischer Leitung seit Januar fest als dfi-Leiterin berufen ist, betonte die breite konzeptuelle Aufstellung des Begriffs von körperlicher, digitaler bis zu sorgender Arbeit – und »in einer doppelten Bewegung« als Sujet wie Praxis des Filmens selbst: »Wie dokumentarische Bilder Arbeit zeigen, historisieren, reflektieren und strukturieren und unter welchen ökonomischen Bedingungen sie selbst hervorgebracht werden.«
Den wissenschaftlichen Rahmen gab der in Bayreuth lehrende Medienwissenschaftler Christoph Büttner mit einem Impulsvortrag zu »Transformationen im Sichtbaren«, der (anschließend an seine Dissertation zu »Fragmenten des Postfordismus«) gegen die These argumentierte, mit der zunehmenden Digitalisierung der Arbeit würde mit der abnehmenden Sichtbarkeit der Prozesse auch die Möglichkeiten (anti-kapitalistischer) Kritik abhanden kommen. Büttner setzt dem angeblichen »Verschwinden der Arbeit« einen »Gestus der Sichtbarmachung durch Gegenbewegung« entgegen, die er unter anderen etwa in den Filmen von Harun Farocki findet, von dem in Köln der werbekritische 4-Minüter »Jeder ein Berliner Kindl« gezeigt wurde.
Insgesamt differierten die in den beiden Tagen vorgeführten Filmbeispiele stark in Entstehungszeit, Ansatz und Formen: Es gab experimentelle und beobachtende Arbeiten, aktuelle und historische, und neben vielen kurzen zu Beginn den gewaltigen Zweieinhalb-Stünder »Olanda« (2019), der von einer ebenso archaischen wie hochmodernen Arbeitsweise erzählt: dem professionellen selbst organisierten Pilzesammeln für den westeuropäischen Markt in den rumänischen Karpaten durch teils konkurrierende, teils kooperierende Gruppen, die einem Netz von Zwischenhändlern zuarbeiten. Ein für die Zuschauer aufregend immersives Filmerlebnis, das Regisseur Bernd Schoch und Kameramann Simon Quack bei ihrem Einsatz vor Ort kommunikative und körperliche Höchstleistungen abverlangte. Einerseits mussten mit jahrelangem Vorlauf Vertrauen und Absprachen mit den Beteiligten aufgebaut werden, die vor allem Sorge hatten, die »Unprofessionalität« der Filmleute könnte sie von der Arbeit abhalten. Und dann war da der oft frühmorgendliche Dreh im bergig unwegsamen Gelände selbst, wo Quacks Kamera gerade dann weiterlaufen sollte, wenn die Pilzsammler*innen ihre verdienten Pausen machten. Erwähnt werden soll, dass die Sammelarbeit im Wald für diese auch ein Akt der Selbstermächtigung gegenüber alternativen abhängigen Formen der Arbeit – etwa im Feld – ist.
Eine starke sinnliche Erfahrung (und für viele eine Entdeckung) auch Serap Berrakkasus 1994 erstaufgeführter Film »Ekmek Parasi – Geld für's Brot«, der von aus der Türkei und Mecklenburg migrierten Arbeiterinnen einer Lübecker Fischkonservenfabrik erzählt und von Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen mit einer 16mm-Kamera gedreht wurde. Auch hier hatten sich beide Filmemacherinnen (in Köln war nur Berrakkarasu anwesend) mit Haut und Haar in das Projekt geworfen, wobei der Regisseurin zugute kam, dass sie selbst aus Lübeck stammt und mit der überschaubaren türkischen Community der Stadt familiär stand. Es war ihr wichtig, den in der deutschen Öffentlichkeit so oft »stumm« dargestellten Frauen eine Stimme zu geben, sagt sie. Das gelingt in diesem Film (der unbedingt einen Ehrenplatz im deutschen Dokumentarfilm-Kanon bekommen muss) mit aller Macht, denn die Arbeiterinnen wissen sich in vielfältigsten Formen exzellent zu artikulieren – sowohl gegenüber den »erbarmungslosen Fremden« (so ein Zitat im Film) als Herren der Fabrik wie auch den Ehemännern, die die häusliche Mehrarbeit der Frauen nicht anerkennen wollen.
Weniger produktiv dagegen die Programmierung des Blocks zu »Feministische Ökonomien – Arbeit, Sorge, Widerstand«, der drei essayistische Kurzfilme zu kleinbürgerlichen deutschen und österreichischen Familienwelten aus den Jahren 1970 bis 2017 einen Dokumentarfilm über und mit aufbegehrenden und sich organisierenden Hausangestellten im indischen Pune gegenüberstellt. So überzeugend der 1981 von dem feministischen Filmkollektiv Yugantar realisierte »Molkarin« für sich selbst auch ist: In der Konstellation mit den gediegenen Wiener und Berliner Mittelstands-Haushalten wird der Blick auf das wichtige Sujet häusliches Dienstpersonal aus Europa externalisiert und exotisiert – etwa in Hinsicht auf die vielen osteuropäischen Angestellten in Westeuropa.
Ebenfalls in den globalen Süden ging ein aufschlussreicher Kurzfilm zum Sujet Künstliche Intelligenz: »Their Eyes« (2023) von Nicolas Gourault dokumentiert die Arbeit von Clickworker*innen in Kenia oder den Philippinen, die auf bewegten Bildern kalifornischer Straßen Objekte markieren und klassifizieren, um damit selbstfahrende Autos zu trainieren: »Stadtmöbel«, »Pflanzen«, »Menschen« sind einige der Kategorien – wobei die Definition von letzteren nicht immer klar ist. Gourault montiert zu den Ansichten der Screens die Stimmen der Arbeiter*innen aus dem Off, die von Ausbeutung, aber auch von versuchtem Widerstand erzählen. Und auf ein wichtiges Detail des Displacement hinweisen: Die Operation mit autonomen Fahrzeugen wäre in ihren Gesellschaften gar nicht realisierbar, weil das Straßenleben dort viel zu disruptiv und unübersichtlich ist.
Dass auch Dokumentarist*innen selbst oft (wenn nicht fast immer) in prekären Bedingungen arbeiten, war Thema des Panels »Who Cares – Arbeitsbedingungen und Wertigkeiten des Dokumentarfilms«. Denn die Budgets der Produktionen orientieren sich in den einzelnen Gewerken an Mindesthonoraren, nicht aber für die Regie selbst. So kommt es, dass viele Filmschaffende zum finanziellen Überleben als Kameraleute oder in der Montage (in Henrike Meyers Film »To Be an Extra« sind es Gigs als Kleindarstellerin) arbeiten, wenn sie nicht gänzlich berufsfremder Brotarbeit nachgehen.
Und auch die soziale Absicherung orientiert sich (trotz einiger Verbesserungen unter Arbeitsministerin Andrea Nahles, auf die die Arbeitssoziologin Alexandra Manske hinwies) an den »Normalarbeitsverhältnissen« mit kontinuierlicher Erwerbsbiografie. Das gehe an der prekären Erwerbsrealität der meisten Dokumentarfilmschaffenden vorbei, sagte Manske, während die auch filmpolitisch aktive Editorin Gabriele Voss darauf hinwies, dass viele der heute existierenden sozialen Errungenschaften einst in harten Kämpfen errungen wurden.
Als diese Diskussion zunehmend in die unter Dokumentarfilmern schon fast rituellen Debatten um das »Recht auf Selbstausbeutung« und Klagen über die fehlenden Sendeplätze und Vergabeanforderungen einzelner öffentlich-rechtlicher TV-Sender abdriftete, warf sich die emeritierte Frankfurter Filmwissenschafts-Professorin Heide Schlüpmann mit einem Zwischenruf in die Debatte, der ihre starke Irritation über das Ausblenden der aktuellen Weltsituation mit substanziellen globalen und europäischen Krisen artikulierte. Ein Korrektiv zur rechten Zeit, das der – wie die ganze Tagung auch von vielen jungen Studierenden besuchten – Schlussdebatte noch einmal neuen substanziellen Drive, wenn auch keine einfachen Lösungen brachte.




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