Kritik zu Made in EU
Der bulgarische Regisseur und Drehbuchautor Stephan Komandarev widmet sich anhand eines ehemaligen Bergarbeiter-Dorfs der Aufarbeitung der Corona-Pandemie und thematisiert zugleich die katastrophalen Arbeitsbedingungen der europäischen Textilindustrie.
»Nichts Ernstes«, erklärt der Doktor der hustenden Frau nach dem Röntgen. Etwas Paracetamol werde es richten. Krankschreibung, so erfährt man später, wurde dem Betriebsarzt vom Schichtleiter untersagt. Die Akkordarbeit soll nicht unterbrochen werden. Also schleppt Iva (Gergana Pletnyova) sich weiter mit über 39 Grad Fieber zu ihrer Arbeit in der Textilfabrik. An sechs Tagen in der Woche näht sie zwölf Stunden lang Etiketten mit der Aufschrift »Made in EU« in italienische Designeranzüge. Als sie umkippt und sich herausstellt, dass sie die mutmaßlich erste Corona-Patientin in der Gegend ist, verändert sich für sie alles.
Der preisgekrönte bulgarische Regisseur und Drehbuchautor Stephan Komandarev zeigt in »Made in EU« den Ausbruch der Covid-19-Pandemie brennglasartig anhand eines ehemaligen Bergarbeiter-Dorfs, in dem ein italienischer Investor nun Designeranzüge günstig nähen lässt. Der triste Arbeitsalltag an den Nähmaschinen, an denen Frauen in einem fensterlosen Raum schuften, wird mit wenigen Pinselstrichen präzise gezeichnet. Nicht unproblematisch ist jedoch die Darstellung jenes Schlüsselmoments, der die Näherin Iva in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Ein reißerischer TV-Beitrag nennt sie mit vollem Namen und bezeichnet sie als »Patientin 0«.
Man verzeiht dem Film diese unrealistische Darstellung einer Denunziation, denn sie führt zu einer durchaus nachvollziehbaren Dynamik der sozialen Isolation. Iva kann nicht mehr einkaufen, wird im Bus geschnitten, auch ihr Sohn verachtet sie, weil er ihretwegen in Quarantäne muss und nicht wie geplant verreisen kann. Bei dieser Eskalation der Ausgrenzung erkennt man einiges wieder. Hat nicht auch hierzulande eine TV-Moderatorin Ungeimpfte als »Blinddarm der Gesellschaft« beschimpft?
Gewiss, bei der Darstellung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie erscheint der mit knapp zwei Stunden zu lang geratene Film etwas vereinfachend. So erklärt der Arzt Rusev (Ivaylo Hristov), das Virus habe der italienische Boss der Firma (Francesco Frattini) aus Bergamo eingeschleppt. Nun drohe er mit Verlagerung seiner Firma. Hinter dieser plakativen Kritik an der Globalisierung verbergen sich jedoch reale Beobachtungen des (post)sozialistischen Alltags.
Wichtigste Figur ist der schattenhafte Schichtleiter (Gerasim Georgiev), der nicht nur Krankschreibungen verbietet. Er manipuliert die Fiebermessungen vor Arbeitsbeginn, besticht das Gesundheitsamt und nutzt das Narrativ der »Patientin 0« skrupellos für seine Zwecke. Als Ivas Sohn wegen Verletzung der Quarantäne verhaftet werden soll, hebt der alte Apparatschik nur den Finger, um die Beamten zu verscheuchen. Dieser Schichtarbeiter ist ein Gespenst des Sozialismus. Doch diese Kritik an verkrusteten Strukturen, die auch die freie Wirtschaft infizieren, deutet die bulgarisch-deutsche Koproduktion nur an. Getragen wird Made in EU von der großartigen Gergana Pletnyova, deren zurückhaltendes Spiel lange in Erinnerung bleibt.



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