Nahaufnahme von Michelle Yeoh

Die Unkaputtbare
Michelle Yeoh in »Wicked« (2024). © Universal Studios

Michelle Yeoh in »Wicked« (2024). © Universal Studios

Die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh erhält auf der Berlinale den Goldenen Ehrenbären. Mit über 60 Jahren vollführt die Alleskönnerin noch immer ihre eigenen Stunts und füllt auch psychologisch anspruchsvolle Rollen mit Distinguiertheit, Disziplin und innerer Ruhe

Evelyn Quan Wang hat es nicht leicht. Ihre Wäscherei läuft mies, die Steuerbehörde sitzt ihr im Nacken, ihr Mann will die Scheidung, ihre Tochter hasst sie. Evelyn ist die miserabelste Version ihrer selbst, buchstäblich. Denn sie ist nur eine von unendlich vielen Varianten im Multiversum und dummerweise hängt das Schicksal aller Existenz ausgerechnet an ihr. Die Mittfünfzigerin muss sich daher – ausgestattet mit einem Gerät, das ihr die Fähigkeiten verschiedener (besserer) Evelyns nach Bedarf direkt ins Gehirn herunterlädt – durch 1001 Paralleluniversen prügeln. Als erste malaysische und asiatische Schauspielerin überhaupt wurde Yeoh für diese körperliche wie psychologische Höllenfahrt in »Everything Everywhere All at Once« 2023 mit dem Academy Award als Best Actress gewürdigt. Und tatsächlich hätte keine andere Schauspielerin diesen Part besser verkörpern können, denn in Evelyn kulminieren all die Talente und Fähigkeiten, die auch Michelle Yeoh ausmachen.

Die 1963 im malaysischen Ipoh als Tochter eines Politikers geborene Yeoh fing schon als Vierjährige an, Ballett zu tanzen. Als sie 15 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie nach London. Der Traum von einer Karriere als Profitänzerin endete jäh mit einer Rückenverletzung, prägte aber ihre Disziplin und ihr Körpergefühl. Dank der Teilnahme an Schönheitswettbewerben und des Titels als »Miss World Malaysia« 1983 wurde sie im selben Jahr für einen Werbespot mit einem gewissen Sing Lung gebucht. Erst am Set merkte sie, dass es sich dabei um Superstar Jackie Chan handelte. Eine Filmproduktionsfirma in Hongkong wurde auf sie aufmerksam, der Durchbruch gelang mit ihrer ersten Hauptrolle in »Yes, Madam!« (Corey Yuen) 1985, damals noch unter dem Pseudonym Michelle Khan. Action im typischen Hongkong-Stil mit halsbrecherischen Stunts, nicht enden wollenden Kampfszenen, hyperästhetisierten Zeitlupen und den unvermeidlichen 80er-Jahre-Schulterpolstern, Subgenre »Girls with Guns«. Zwei toughe Polizeiinspektorinnen stehen hier im Mittelpunkt: Yeoh kämpft an der Seite von B-Movie-Star Cynthia Rothrock. Die war schon Martial-Arts-Kämpferin, bevor sie Schauspielerin wurde. Yeoh, die englischsprachig aufwuchs, musste mit Anfang 20 nicht nur die Schauspielerei, sondern auch verschiedene Kampfkünste und Kantonesisch lernen. Durch die Schauspielerei lernte sie ihren ersten Ehemann, den Geschäftsmann Dickson Poon, kennen und beendete nach der Heirat 1987 ihre Schauspielkarriere vorerst, um sich der Familie zu widmen. In Interviews bedauert sie bis heute, dass sie keine Kinder bekommen konnte, woran auch die Ehe zerbrach. Dafür kehrte Yeoh nach der Trennung 1992 ins Business zurück.

»Tiger & Dragon« (2000). © Studiocanal

In den frühen 90ern spielte sie an der Seite von Jackie Chan in »Supercop 3« und trat in zahlreichen Action- und Wǔxiá-Filmen auf, für die Kämpfe und Schlachten in (pseudo)historischen Settings inszeniert werden. Wie hart im Nehmen Yeoh wirklich ist, offenbarte ein schwerer Unfall am Set von Ann Huis »The Stunt Woman« 1995. Yeoh spielt hier eine unerfahrene Stuntfrau, Sammo Hung, Star und Veteran des Hongkong-Actionkinos, ihren unerbittlichen Mentor Master Tung. Der erste Take eines eher unspektakulären Falls auf einen fahrenden Lkw gelingt wie geplant. Als dieselbe Szene aus einem anderen Blickwinkel erneut gedreht wird, stürzt Yeoh kopfüber zwischen zwei Matten. In einem Interview mit dem »New York Times Magazine« beschrieb sie den Unfall und dessen Folgen 2022: Sie habe gespürt, wie ihr Körper nach hinten »umklappte«, wie ihre eigenen Füße sie von hinten am Kopf berührten. Im Krankenhaus wurde sie wegen gebrochener Rippen und einer Rückenverletzung behandelt, dachte darüber nach, das Actiongenre aufzugeben. Quentin Tarantino, da schon Fan von ihr, besuchte sie im Krankenhaus und ermutigte sie, weiterzumachen. Als sie ihn später fragte, warum er sie nicht in »Kill Bill« besetzt habe, antwortete er: »Niemand hätte geglaubt, dass Uma Thurman Michelle Yeoh besiegen kann.«

Yeoh gibt nicht auf. Sie steht für Resilienz, Disziplin und pure Willensstärke. Zum Durchbruch in Hollywood verhalf ihr 1997, dass sie den dynamischen, schnellen Kampfkunststil des Hongkong-Actionkinos ins Bond-Franchise importierte. Als Wai Lin, chinesisches Pendant zum Geheimagenten im Dienste der britischen Majestät, muss sie sich am Ende zwar von 007 retten und knutschen lassen, kämpft sich aber bis dahin ziemlich unerschrocken und selbstständig durch den typischen Spionageplot. Kurz darauf zeigte sie sich mit Ang Lees »Tiger & Dragon« (2000) auf dem Höhepunkt ihrer Kunst. In diesem Film, halb romantisches Drama, halb Wǔxiá, kann Yeoh ihr gesamtes kämpferisches und dramatisches Potenzial ausschöpfen. Ihre Figur Yu Shu Lien offenbart in winzigen zärtlichen Gesten über Jahrzehnte angestaute und verborgene Gefühle für den Kämpfer Li Mu Bai (Chow-Yun Fat). Hinter Yeohs beherrscht, aber keineswegs verhärtet wirkenden Gesichtszügen, hinter ihrer fragilen Fassade brodelt ein Streit zwischen Liebe und Pflichtgefühl. Die Kampfszenen, durch die die damals schon fast 40-Jährige mit eleganter Leichtigkeit schwebt, sind ebenso präzise wie ausdrucksstark. Auch danach war sie regelmäßig in asiatischen Produktionen aus dem Action-, Martial-Arts- und Wǔxiá-Genre vertreten (»Fearless«, »Reign of Assassins«, »Tiger & Dragon: Sword of Destiny« oder »Master Z: Ip Man Legacy«).

»The Lady – Ein geteiltes Herz« (2011). © Universum Film

Für die Hauptrolle in dem eher untypischen Luc-Besson-Biopic »The Lady« über die Politikerin Aung San Suu Kyi lernt sie Burmesisch. Für Yeoh ist es eine ungewöhnliche Performance, Kampfgeist kann sie als pazifistische Demokratin nur mimisch ausdrücken. Ihre schiere Willensstärke kontrastiert Besson immer wieder mit Einstellungen, die Yeoh in ihrer Zierlichkeit zeigen und ihre äußerlich zerbrechlich wirkende Silhouette betonen. Mit tropischen Blumen im Haar und höflicher Zurückhaltung spielt sie die Friedensnobelpreisträgerin so authentisch, dass die schwertschwingende Kämpferin Yeoh für einen Moment in Vergessenheit gerät. Wo vielen Schauspielerinnen ab 50 im besten Fall mütterliche Rollen angeboten werden, entdeckt und genießt Yeoh in den letzten Jahren ihre Qualitäten als Villain. Nuanciert deutet sich das mit der Matriarchin in »Crazy Rich Asians« (2018) an; in »Wicked« gibt sie die manipulative und durchtriebene Madame Morrible. Als Philippa Georgiou in der Serie »Star Trek: Discovery« kann sie dieselbe Figur einerseits als loyal und aufrecht, andererseits dank des narrativen Kniffs eines Spiegel-Universums auch als gnadenlose Tyrannin verkörpern. Georgious Charakter war so beliebt, dass sie die fiese Seite im Spin-off »Section 31« (2025) noch einmal in vollen Zügen auskosten konnte. Bis heute vollführt die inzwischen über 60-Jährige ihre Stunts und spektakulären Kampfszenen selbst und ist damit ein echtes Role Model – für alle »Asiatinnen« im westlich dominierten Kino und für alle Frauen, die sich von Jugendwahn und Patriarchat nicht unterkriegen lassen.

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