Venedig: Gekrönte Häupter

»Dune« (2020). © Warner Bros. Pictures

»Dune« (2020). © Warner Bros. Pictures

Mit Denis Villeneuves »Dune« feierte ein potenzieller Blockbuster Premiere am Lido in Venedig, Pablo Larraíns »Spencer« begeistert Prinzessin-Diana-Verehrer und -Verachter gleichermaßen

Es sagt durchaus etwas über den Zustand des Kinos aus, dass ein Science-Fiction- und Fantasy-Spektakel zu den meist erwarteten Titel des diesjährigen Filmfestivals von Venedig gehört. Oberflächlich gesehen bietet Denis Villeneuves Kultbuchverfilmung »Dune« nichts Neues. Nicht nur, dass es nach einem gefloppten David Lynch-Versuch 1984 und einer untergegangenen Miniserie Anfang der 2000er bereits die dritte filmische Adaption ist – es herrschte in den letzten Jahren allgemein im Kino kein Mangel an aufwändig inszenierten, mehrteiligen Erzählungen um fremde Planeten, sich bekriegende Königshäuser, fliegende Weltraumarmeen und den einen Prinzen, auf den alle hoffen.

Nach endlosen »Star Wars«-Folgen und Nachahmern schien der Markt gesättigt. Aber die ersten Reaktionen am Lido auf den prominent besetzten »Dune« (Timothée Chalamet, Oscar Isaac, Jason Momoa, Josh Brolin, Charlotte Rampling, Zendaya und Stellan Skarsgård) lassen darauf schließen, dass es Denis Villeneuve gelungen ist, die Zuschauer für eine neue Fantasiewelt zu begeistern. Bei der Premiere wurden nicht nur die Jungstars Chalamet und Zendaya am Roten Teppich trotz Covid-bedingter Sichtabsperrung frenetisch gefeiert, Kritik und Publikum zeigten sich gleichermaßen beeindruckt von Villeneuves stylischem, kühnen Weltentwurf.

Chalamet spielt den jungen Prinzen Paul, der an der Seite seines Grafen-Vaters Leto Atreides (Oscar Isaac) den titelgebenden Wüstenplaneten kolonisieren soll. Im Auftrag eines unsichtbar bleibenden Kaisers lösen sie dort die bisherigen Herren ab, deren grausame Herrschaft das einheimische Volk der »Fremen« tief in die Sandhöhlen getrieben hat. Es ist eine Mission, die zum Scheitern verurteilt ist – aber in der Natur des Stoffes liegt begründet, dass der junge Prinz sich erst noch seiner echten Talente bewusst werden muss.

Das Drehbuch fasst den ausufernden Stoff in eine Handlung, die genau die richtige Dosis an Mystery und Aufklärung bereithält. Um den modernen Zeitgeist gerechter zu werden, wurden die Frauenrollen entschieden aufgewertet – Rebecca Ferguson intrigiert als Pauls Priester-Mutter nun eigenständig – und, fast schon eine Selbstverständlichkeit, das Ensemble divers besetzt.

Ausgewiesen als »Teil 1« – ob es einen zweiten geben wird, hängt vom Erfolg ab – beeindruckt »Dune« jedoch vor allem in seiner Ausstattung. Von den mit Flügelschlag betriebenen Flugzeugen über die Architektur bis zu den Uniformen und Kostümen erschafft der Film eine Welt, die den Zuschauer mit Staunen und Bewunderung in sich hineinzieht. Dass Warner Bros. den Film in den USA zeitgleich mit dem Kinostart im Oktober auf seinem Streamingdienst HBO Max auswerten will, erscheint ob der puren cinematographischen Ausstrahlung des Films mehr als fehlgeleitet. Einen Löwen kann »Dune« in Venedig leider nicht gewinnen – der Film lief außer Konkurrenz.

Hoffnungen auf die eine oder andere Auszeichnung kann sich dagegen Pablo Larraíns »Spencer« machen, das ebenfalls heiß erwartetes Prinzessin-Diana-Biopic mit Kristen Stewart in der Hauptrolle. Mit »Dune« gemein hat »Spencer«, dass auch hier der Stoff spätestens nach »The Crown« eigentlich ausgeschöpft schien. Mit einer Mischung aus Legende und Wahrheit und einem sich auf den Ablauf dreier Tage beschränkenden Drehbuch erreicht Larraín etwas, was ihm bei seinem Biopic über Jackie Kennedy (»Jackie« 2016) nicht ganz gelang: Er zwingt auch die weniger Adels-Interessierten zur Empathie mit der Prinzessin am Rande des Nervenzusammenbruchs.

»Spencer« imaginiert ein Weihnachten bei den Royals, das die an Essstörung leidende Diana nicht nur deshalb überfordert, weil es um kaum mehr als den Ablauf von Mahlzeiten und passender Bekleidung geht. Stewart spielt Diana als eine in Auflösung begriffene Person, die nur mit ausgesuchten Menschen interagiert – die ihr zwar zugetan, aber zugleich auch unterstellt sind. Neben einer hochstilisierten Nachstellung königlichen Alltags, die sich an vor allem an Dianas Garderobe erfreut, funktioniert »Spencer« als recht hinterhältige Satire auf die britische Monarchie.

Wem in der Serie »The Crown« zu viel Sympathie mit den verwöhnten Royals demonstriert wird, der ist in »Spencer« genau richtig. Kristen Stewart gilt unterdessen als weitere Favoritin auf den Schauspielerinnenpreis am Lido. Ihr taktgenau zwischen Imitation und Interpretation gehaltener Auftritt wird zudem bereits als Oscar-verdächtig gehandelt.

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